23. Mai 2007, 15:24 Uhr

Deutsche Gastarbeiter in Indien

Das Jobwunder von Gurgaon

Aus Gurgaon berichtet Hasnain Kazim

Sicherer Job, festes Einkommen, gute Karrierechancen für die Zukunft: Ein indisches Unternehmen lockt deutsche Hochschulabsolventen mit dem, was sie zu Hause nicht bekommen. Die Gastarbeiter lernen in der Ferne sogar, von Mini-Löhnen zu leben - und sind begeistert.

Gurgaon - Selma Kasimay hat im Internet nachgeschaut. Bei der Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit. Sie klickte sich zu den Auslandsjobs durch, nach Indien. Nie zuvor hatte sie das Land besucht, aber was sie darüber hörte, fand sie gut. Kasimay, Deutsche mit türkischen Wurzeln, hatte ihr Geographiestudium in Tübingen gerade beendet und suchte den Einstieg in den Beruf. Schwierig in Deutschland, trotz aller Aufschwungsmeldungen.

Dann stand da plötzlich dieses Angebot von Evalueserve.

Das indische Unternehmen erstellt Studien und Analysen für Firmen - und suchte jemanden für Presse und Public Relations. Mit ihrem Studium hatte das nicht viel zu tun. Aber Kasimay unterwarf sich der wichtigsten Regel der Globalisierung: Sei flexibel und bereit für einschneidende Veränderungen im Leben. Kasimay zog nach Gurgaon, einen sterilen Vorort der indischen Hauptstadt Neu-Delhi.

Ein Monatsgehalt von weniger als 600 Euro - das nahm sie hin. Genauso das Drei-Zimmer-Appartement für drei Mitarbeiter. Nach ein paar E-Mails und Telefonaten war Kasimay als Gastarbeiterin eingestellt.

Glaskasten an Glaskasten, in Grün, Rot und Blau

Im Februar reiste sie nach Indien, zum ersten Mal in ihrem Leben, aber für Urlaubsgefühle war keine Zeit, sie begann sofort mit der Arbeit. Zehn Stunden am Tag und mehr.

"Es ist spannend zu erleben, was hier in Indien passiert", sagt sie. "Gurgaon boomt." Ein Boom, der Wohlstand und Hässlichkeit gebiert. Hier reiht sich Hochhaus an Hochhaus, Glaskasten an Glaskasten, in Grün, Rot und Blau. Jeder IT-Konzern, der etwas auf sich hält, hat hier eine Filiale. Die Bürowüste wird alle paar Kilometer durch gläserne Einkaufszentren aufgelockert, Malls nach US-Vorbild, McDonald's, Pizza Hut, alles drum und dran. Die Armenviertel sind gut in den hinteren Straßenreihen versteckt. Die Planer von Gurgaon lieben Glas und alles, was irgendwie nach Amerika aussieht. Über die kürzlich eröffnete Autobahn dauert es von Neu-Delhi hierher eine knappe Stunde, im Berufsverkehr auch mal drei. Demnächst wird die Stadt an das U-Bahn-Netz der Hauptstadt angeschlossen.

Vom ursprünglichen Gurgaon ist nicht viel übrig. Gaon heißt auf Hindi Dorf, was der Ort vor 15 Jahren war. "Damals gab es hier ein paar brüchige Häuser, viele Tempel und Kühe auf den Straßen", sagt Kasimays Chef Ashish Gupta. "Heute zahlt man für eine Wohnung in Gurgaon locker eine Million Dollar oder mehr." Der Manager zeigt auf ein rötliches Gebäude, zehn Stockwerke hoch, ein protziger Klotz an der sechsspurigen Hauptstraße. "Dort bekommt man unter 500.000 Dollar nichts, würde ich sagen."

Gupta ist Indien-Chef von Evalueserve, ein erfolgreicher Mann, immerhin ist das Unternehmen seit Gründung Ende 2000 jährlich um mindestens hundert Prozent gewachsen. In ein, zwei Jahren soll es an die Börse. Inzwischen arbeiten dort 1700 Menschen, 60 in Shanghai, 35 im neuen Büro in Valparaiso in Chile, 1550 in Gurgaon, außerdem Marketingleute in der ganzen Welt. Die Manager denken gerade über ein Büro in Osteuropa nach. Bis Ende 2009 will Evalueserve 4000 Mitarbeiter beschäftigen. Jeden Monat fangen 15 neue an. Gupta: "Wir suchen derzeit rund 200 neue Mitarbeiter aus dem Ausland. Gerne aus Deutschland."

Bewerbersuche über die deutsche Arbeitsagentur

Die Suche läuft inzwischen über Empfehlungen, über Mund-zu-Mund-Propaganda von Kollegen, die nach ein, zwei Jahren nach Deutschland zurückkehren. Evalueserve nutzt aber auch die Bundesagentur für Arbeit, deren Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) immer mehrere offene Stellen in Indien auflistet - ein Großteil davon bei Evalueserve.

Hindus statt Hartz IV: Was die Deutschen nach Indien treibt - und was ihnen fehlt

Von Gurgaon aus telefonieren die Angestellten in alle Welt, machen Umfragen, erfassen Daten, schreiben Präsentationen - nach eigenen Angaben zu Preisen, mit denen kaum ein Konkurrent aus einem Industrieland mithält. Datenauswertung für Banken oder Telekomfirmen, Marktforschung für neue Produkte, Analysen für Investoren, Patentrechte-Überwachung: "Wir haben für alles Experten", sagt Evalueserve-Mitgründer Marc Vollenweider. Juristen, Mediziner und Chemiker kümmern sich zum Beispiel um den Patenschutz, schließlich sind hier die größten Auftraggeber Pharma- und Chemiekonzerne aus aller Welt.

Vollenweider ist Schweizer, lebt in Österreich, verbringt einen großen Teil seines Lebens im Flugzeug. Vor Jahren arbeitete er noch für McKinsey in Indien. Seine Frau lernte auf einer Kinder-Geburtstagsparty die Frau von Allok Aggarwal kennen, einem indischstämmigen Amerikaner, der bei IBM arbeitete. Man kam ins Gespräch, lud sich ein, die Männer entdeckten, dass sie denselben Traum haben: Informationen zu sammeln, zu sortieren, aufzubereiten, eine Wissensfirma zu gründen.

Ihr Plan: Unternehmer werden. Indiens günstige Bedingungen nutzen. Dienstleistungen in alle Welt verkaufen.

Bei einem gemeinsamen Abendessen verabredete man den Schritt in die Selbständigkeit. Binnen einer Woche kündigten beide ihre exzellent dotierten Jobs. So geht die Legende, die man sich im Unternehmen erzählt. Im November 2000 gründeten Vollenweider und Aggarwal Evalueserve.

Deutsche Arbeitskräfte, indische Bedingungen

Inzwischen zählen "rund tausend Firmen zu unseren Kunden, viele Dax- und Fortune-500-Unternehmen", sagt Vollenweider - Namen nennt er nicht. "Verschwiegenheit ist vertraglich festgelegt." Auch viele Umfrageunternehmen seien Kunden, "wir machen denen das Backoffice".

Immer mehr mittlere und kleine Unternehmen entdecken die indischen Dienstleister: "Die merken, dass sie viel mehr Arbeitszeit für ihre Kunden zur Verfügung haben, wenn sie uns die aufwändige Datenarbeit machen lassen. So können die ihre Verkaufskraft verdoppeln, ohne neue Leute einzustellen."

Die Leute stellt dafür Evalueserve ein - aber eben zu indischen Bedingungen.

Vollenweider findet, vieles spreche für einen Job in seiner Firma: "Die Hochschulabsolventen können ihr Englisch verbessern. Indien steht in ihrem Lebenslauf. Sie machen enorme kulturelle Erfahrungen." Die Gastarbeiter aus Deutschland, Frankreich, Schweden oder den USA unternähmen an den Wochenenden regelmäßig Ausflüge, "nach Agra zum Taj Mahal oder nach Dharamsala, wo der Dalai Lama lebt. Das ist doch eine tolle Chance".

Das indische Gehalt ist für Vollenweider das geringste Problem. "80 Prozent der Lebenseinkünfte macht ein Mensch im Alter von 45 bis 55 Jahren. Es kommt also darauf an, alles zu tun, damit man ab 45 möglichst viel verdient." Da könnten ein, zwei Jahre bei Evalueserve "den Karrierewinkel etwas anheben". Der Stundenlohn hänge außerdem von den Fähigkeiten der Leute ab, von der Ebene, auf der sie eingestellt werden. "Natürlich verdient ein Manager mehr als ein Analyst."

Ausgehen mit der Kollegin - undenkbar

Dass viele Deutsche angesichts der Kampfpreise die indische Billigkonkurrenz fürchten, verstehen die Evalueserve-Leute nicht. "Die Globalisierung führt zu einer Win-win-Situation. Für den Einzelnen, der seinen Job in Deutschland verliert, weil die Arbeit in Indien billiger erledigt werden kann, mag das nicht zutreffen. Aber gesamtwirtschaftlich gesehen profitieren sowohl die deutsche als auch die indische Wirtschaft", sagt Ashish Gupta.

Vollenweider verweist darauf, dass es in Deutschland trotz der Arbeitslosigkeit viele offene Stellen gibt. "Wer in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder den USA seinen Job verliert, verliert ihn nicht wegen der Globalisierung - sondern weil er nicht genug qualifiziert ist." Bessere Bildung, das sei die Lösung.

Die 40 ausländischen Gastarbeiter bei Evalueserve mögen den Job. "Nur an manche Dinge müssen wir uns gewöhnen", sagt ein deutscher Mitarbeiter, der seinen Namen nicht genannt wissen will. "Zum Beispiel ist es undenkbar, dass man mal mit einer indischen Kollegin ausgeht. Das wäre für sie und für ihre Familie ein Skandal."

Selma Kasimay arbeitet inzwischen ein Vierteljahr in der Presseabteilung von Evalueserve. "Es ist aufregend, gerade jetzt in Indien zu sein, wo sich hier so viel ändert." In ein, zwei Jahren will sie es noch mal in Deutschland versuchen. "Dann bin ich ja keine Berufsanfängerin mehr. Dann ist es einfacher, in den Arbeitsmarkt reinzukommen."

Eines aber fehle ihr schon jetzt, sagt sie: das deutsche Essen.


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