25. Mai 2007, 13:05 Uhr

Lebensmittel

Chinas Milchdurst treibt die Preise hoch

Von Joachim Hoelzgen

Die Milchseen erschöpft, die Butterberge abgetragen. Und jetzt bekommen auch noch die Chinesen immer mehr Durst auf Proteine. Die Folge: Weltweit schnellen die Preise für Molkereiprodukte rasant in die Höhe - vor allem ärmere Länder leiden unter dem Nachfrageboom nach Milch.

Hamburg - Für den Bauern Bruno Knab in Wolfegg im Allgäu lohnt es sich jetzt, dass er in den vergangenen Jahren immer wieder in seinen Pachthof investiert hat. Obwohl die Molkereien immer weniger für Kuhmilch zahlten, schaffte Knab moderne Gerätschaften wie lasergesteuerte Melkroboter an. Jetzt darf er die Früchte seiner Arbeit ernten, denn zum ersten Mal seit 1998 steigen in Deutschland die Preise für Milch. Für Milcherzeuger wie Knab bleiben durchschnittlich acht Cent pro Liter übrig, wie der Deutsche Bauernverband mitteilt.

Die Verbraucher dagegen müssen sich aus einem Schlaraffenland verabschieden: Die Zeiten permanent billiger Milch und preiswerter Butter sind offenkundig vorbei. Denn inzwischen haben die Molkereien wieder die Möglichkeit, um Großkunden wie Aldi, Lidl, Penny, Rewe und Edeka mehr für ihre Ware abzuknöpfen.

Kräftig erhöhten die Milchverarbeiter Anfang Mai bereits die Preise für abgepackte Butter, das bekommen auch die Verbraucher zu spüren: Die Regalpreise der Discounter gingen um vier Cent nach oben, und von Juni an verteuert sich auch die Milch – der Literkarton wird dann rund 60 Cent kosten, sechs Cent mehr als bisher.

Harmloses Vorspiel

Gegen den Preisschub, der sich derzeit abzeichnet, erscheint dies aber nur wie ein harmloses Vorspiel. Weltweit ist auf dem Markt der Milchprodukte eine beispiellose Hausse in Gang gekommen – vor allem bei Milchpulver, dem Grundstoff des globalen Milchgeschäfts.

Preisexplosion: "Vorher nie erlebt"
DER SPIEGEL

Preisexplosion: "Vorher nie erlebt"

Es seien "Bewegungen nach oben festzustellen, wie man sie vorher nie erlebt hat", warnt die Preisberichtstelle ZMP der deutschen Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft, "marktnah notierte Preise können derzeit von einem Tag zum anderen überholt sein".

Die Preise für das gelbliche Milchpulver haben wie eine Rakete abgehoben – um 60 Prozent stieg der Preis allein im vergangenen halben Jahr. Das ist bereits der zweite Preisschub in Folge, denn im Vorjahr war er auch schon um 63 Prozent in die Höhe geschnellt. Bei Flüssigmilch sieht es nicht anders aus. An der Warenterminbörse in Chicago sind die Preise im Futures-Handel zuletzt auf 41 Dollar je 100 Liter hochgeklettert, auch das ein Rekord.

Australien kann nicht liefern

Dass sich Milch und Milchpulver so regelrecht vergolden, hängt mit der Nachfrage zusammen, die den Weltmarkt seit längerem aus den Fugen bringt. Täglich werden derzeit 1,9 Milliarden Liter Milch getrunken oder zu Käse und Produkten wie Eiscreme verarbeitet – eine Menge, mit der sich fünf Supertanker füllen ließen.

Zur Explosion der Milch- und Milchpulverpreise trägt bei, dass mit Australien ein Großlieferant ausgefallen ist. Dürre lähmt auf dem Fünften Kontinent die Produktion, und die Herstellung von Milchpulver ist dadurch massiv eingeschränkt.

Die Butterberge sind abgetragen, die Milchseen leer

Noch stärker schlägt aber das Verschwinden der Butterberge und Milchpulverhalden in Europa und den USA ins Kontor. Die Butterberge waren jahrzehntelang als Beispiel für staatliche Miss- und Subventionswirtschaft gegeißelt worden, weil Regierungen mit ihnen die Preise und die Einkommen der Bauern stützten. Nun aber sind die Kühlhallen leer, nachdem die EU erst im April den letzten Rest von 6000 Tonnen Butter verkaufte. Vor 20 Jahren lagerten noch 1,4 Millionen Tonnen in den Großlagern.

Pekings Werbefeldzug für Milchprodukte

Die niederländische Rabobank, weltweit der größte Landwirtschafts-Kreditgeber, hat ausgerechnet, dass der Milchkonsum seit 2000 jährlich um 13 Milliarden Liter zugenommen hat, was ziemlich genau der Jahresproduktion Neuseelands entspricht. Verblüffend: Das meiste davon – acht Milliarden Liter – wird von den neuen Wirtschaftsriesen Indien und China abgenommen, wobei vor allem China Milch als wichtige Proteinquelle entdeckt hat.

Die Regierung in Peking fordert ihre Untertanen sogar in Fernseh-Spots auf, Milch zu trinken, und selbst Käse verschmähen die Chinesen nicht mehr. "Da gibt es jetzt eine Aufholjagd", meint Erhard Richarts, der bei ZMP in Bonn den Milch-Weltmarkt beobachtet.

In den Millionen-Metropolen Chinas hat sich der Milchverbrauch verdreifacht, und auch die Laktose-Intoleranz vieler Asiaten scheint die Entwicklung nicht zu bremsen. "Wir verkaufen in China ganz normale Kuhmilch und haben dabei keine Probleme", meint etwa Francois-Xavier Perroud, Sprecher des schweizerischen Nahrungsmittelkonzerns Nestlé.

Heilige Kühe machen Indien autark

Indien ist, was die Versorgung mit Milch anbetrifft, dank seiner heiligen Kühe noch autark. Mahatma Gandhi, der sie "das Geschenk des Hinduismus an die Welt" nannte, scheint damit Recht zu behalten, obwohl in großen Bundesstaaten wie Andhra Pradesh (75 Millionen Einwohner) nun ebenfalls die Preise anziehen – denn auch dort hat der Vormarsch von Eiskreme und Käsepizza begonnen.

Mit einem Nachfragezuwachs in Höhe von 14 Prozent habe Milch seit Anfang dieses Jahrzehnts selbst Öl, den Schmierstoff der Weltwirtschaft, geschlagen, hat die Rabobank ermittelt. Dazu trugen auch Schulmilchprojekte in Ländern wie Thailand, Malaysia und Vietnam bei – und eine Art Milchkultur, die sich in arabischen Ländern herausbildet. Weil es in den Wüsten heiß ist, beziehen zum Beispiel Libyen und Ägypten Milchpulver, das anschließend mit Wasser zu Milch verrührt wird. Nur Saudi-Arabien ist dabei, mit einem Wüstenkombinat von 70.000 Kühen eine eigene Molkereiwirtschaft zu gründen.

Weil aber in den Milchpulverhallen Leere herrscht, gibt es auch nur wenige Möglichkeiten, die Preise wenigstens für die Ärmsten stabil zu halten. "Es ist nichts mehr da, mit dem man die Preise abpuffern könnte", konstatiert Preisbeobachter Erhard Richarts. "Dabei würden 20.000 Tonnen schon viel bewirken." Und da auch in Amerika die Lager leer sind, schlägt der Mangel hauptsächlich auf Milch- und Butterhabenichtse wie Indonesien, Mexiko, Algerien und die Philippinen durch. Dort müssen Schulmilchprogramme gekürzt oder wohl ganz gekappt werden, und insgesamt würden "Hilfslieferungen für die Armen in Schwierigkeiten kommen", sagt Merrit Cluff vom Welternährungsprogramm der Uno in Rom. Mexiko zum Beispiel kann sich Milchpulver so gut wie nicht mehr leisten.

Beim G-8-Gipfel an der Ostsee steht von alldem nichts auf der Tagesordnung. Aber vielleicht nimmt sich dort doch eine freundliche Seele der Milchkrise an.


URL:

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH