Hamburg - "Verkäufer und Hochstapler leben von denselben Talenten. Sie bewegen sich auf einem schmalen Grat. Hochstapler überschreiten ihn - Verkäufer nicht." Frank W. Abagnale nippt an einem Pils und lehnt sich zurück. Er verkauft, heute, Geschichten und Erfahrungen. Erfahrungen von früher, als er ein weltberühmter Hochstapler war.
Ex-Hochstapler Abagnale : Er ging als Arzt, Pilot und Anwalt durch - ohne irgendein Diplom
Heute geht Abagnale auf die 60 zu. Sein Haar ist silbrig, die Augenbrauen immer noch schwarz, die Stirn hoch. Er trägt eine randlose Brille und einen marineblauen Einreiher. Sein Auftreten ist zurückhaltend. Abagnale ist zu Gast in Hamburg.
Er soll auf einer Veranstaltung über Sicherheitsdienste für Banken sprechen, auf dem "Kundenbindungsforum", das das Hamburger Marketingunternehmen Affinion International im schicken Gästehaus des Stromriesen E.on abhält. Diese Dienste sollen die Banken wiederum ihren Kunden anbieten und sich damit von der Konkurrenz unterscheiden. Abagnale ist ein Ex-Hochstapler, der Banken berät.
Gute Idee. Damals, in den Sechzigern, hat Abagnale vor allem Schecks gefälscht. Das FBI, im Kinofilm verkörpert von Tom Hanks, jagte ihn dafür um den Globus. Ein lustiges Katz-und-Maus-Spiel, weil dieser junge High-School-Abbrecher so viel cleverer war als all die Agenten und Polizisten.
Hauptmann von Köpenick am Flughafen
Er habe damals wenig Skrupel gehabt, Banken und Fluggesellschaften zu bestehlen, gibt Abagnale freimütig zu. "Das geschah oft im Vorübergehen, weil es so einfach war", erinnert er sich. Vor allem wenn er Uniform trug oder sich als Anwalt ausgab, interessierte sich kaum jemand dafür, dass seine Schecks gefälscht sein könnten. Der Hauptmann-von-Köpenick-Effekt, wie im Klassiker von Carl Zuckmayer.
"Meinen ersten Betrug beging ich einfach, um zu überleben." Er sagt das nicht zur Entschuldigung, sondern zur Erklärung. Abagnale war mit 16 von zu Hause ausgerissen und brauchte Geld. Die erste manipulierte Zahlkarte in einer US-Bank spülte 40.000 Dollar auf sein Konto. Das ging exakt so leicht, wie er sich das vorgestellt hatte, in "jugendlichem Übermut", wie er sagt.
Er habe in den vorgetäuschten Berufen niemanden in Gefahr gebracht, sagt Abagnale. Überprüfen lässt sich das kaum. Die PanAm-Uniform sei einfach deshalb wertvoll gewesen, weil die Piloten der eigenen Airline kostenlos überall mitfliegen durften. Und ebenso kostenlos im Hotel untergebracht wurden. Und - zumindest damals - an den Schaltern beliebiger Fluglinien Bargeld bekamen, gegen Vorlage ihres Pilotenscheins. Und nicht zuletzt haben Stewardessen ihren Reiz.
Zwei Jahre lang trieb er dieses Spiel. Er brauchte immer mehr Geld für seine Frauengeschichten. Das FBI jagte den "Skywayman" - vergeblich. Dann stieg er mit gefälschtem Harvard-Diplom bei einer Anwaltskanzlei ein. Als ihm das zu heiß wurde, zog er nach Georgia weiter, wo er als Arzt praktizierte.
Verführerisch, ihm zu glauben
"Je älter ich wurde, desto öfter hatte ich Zweifel." Er erinnert sich an eine Situation, wo er eine Bankangestellte in Frankfurt bequatschte. Er habe keine Schecks dabei, ein dummes Missgeschick, er sei gestrandet in der Fremde. Bei seiner vermeintlichen US-Bank konnte die verunsicherte Dame nicht rückfragen, wegen der Zeitverschiebung. Schließlich gab sie nach und zahlte ihm einen vierstelligen Barbetrag aus. Nachdem er die Bank verlassen hatte, habe er sich vorgestellt, wie sie ihren Job verliert. Sie hätte ja nicht mal ein gefälschtes Dokument von ihm gehabt, um sich zu rechtfertigen. Da habe er kehrtgemacht und das Geld unter einem Vorwand zurückgegeben.
Abagnale erzählt das als launige Schnurre aus alten Zeiten. Rasch redet er sich warm, und es ist verführerisch, ihm zu glauben. Wenn seine Geschichte eine brenzlige Wendung nimmt, wippt er ungeduldig mit den Oberschenkeln auf dem Stuhl.
Eine zweite Chance vom FBI - und eine Frau, die zu ihrem Mann steht
Bevor er schließlich gefasst wurde, arbeitete er als Börsenmakler und lehrte ein Semester Soziologie. Absurd, aber ermittlungsoffiziell belegt. Seinem Ego haben diese Wandlungen damals einen unheimlichen Schub gegeben.
In 50 Staaten wurde er steckbrieflich gesucht. In Frankreich schließlich schnappten die Handschellen zu. Zunächst saß er in Schweden ein, dann wurde er in den USA zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Bei der Urteilsverkündung war er 21.
Zu der Veranstaltung in Hamburg sind Dutzende von Bankern gekommen, es geht um Sicherheit. Warum sollen diese Leute einem Ex-Häftling trauen?
Seine Geschichte ist nicht zu Ende. 1974 wurde ihm der Rest der Haftstrafe erlassen, unter der Bedingung, dass er künftig für das FBI arbeitete. Selbstverständlich willigte er ein. Die Haft habe ihn allerdings nicht geändert, merkt er nachdenklich an. Er hätte am liebsten die nächstbeste Gelegenheit nutzen wollen, wieder das alte Spiel zu treiben. "Was meinem Leben eine neue Richtung gab, war nicht nur die zweite Chance, die man mir gab, sondern vor allem meine Frau." Ein Satz, den er ganz ohne Hollywood-Pathos über die Lippen bringt. Vielleicht zeigt sich auch darin sein besonderes Talent.
30 Jahre beim FBI
Seine Frau hätte ihm damals verziehen und die Treue gehalten. Und als er schließlich Vater wurde, wollte er nicht die Zukunft seiner Kinder aufs Spiel setzen.
Als Sicherheitsexperte mit Renommee kommt er zu diesem Hamburger Auftritt. Termine wie diese absolviert er regelmäßig. Abagnale ist nicht nur der dreiste Hund aus "Catch Me If You Can". Er hat inzwischen 30 Jahre als Berater des FBI auf dem Buckel. Er bildet Agenten aus, bereitet sie auf Trickbetrüger vor. Er analysiert Unterlagen, bei denen der Verdacht der Fälschung besteht.
Seine Spezialgebiete sind Geldwäsche und Identitätsdiebstahl. An der Rekonstruktion des Enron- und des Tyco-Skandals habe er etwa mitgearbeitet, sagt er. "Wann ist es Verbrechern genug?" Er könne die Gier dieser Manager nicht verstehen, die Abermillionen auf irrwitzigen Partys verpulverten. Abagnale hat in seiner kriminellen Karriere Schecks im Wert von rund 2,5 Millionen Euro gefälscht.
Als Jugendlicher hat Frank Abagnale die Linie überschritten, die den Betrüger vom Verkäufer trennt. Seit der FBI-Offerte ist er Verkäufer. Auch darin ist er gut.
Nonchalant streut er die Titel seiner Bücher ins Gespräch. Nicht allzu aufdringlich erwähnt er "Privacy Guard", das System, für das er an diesem Abend werben soll. Der Service verschickt immer dann eine SMS, wenn die Kreditkarte eines Kunden belastet wird. So kann der in kürzester Frist einen Zahlvorgang rückgängig machen. Um dieses System zu promoten, hat Sven Sahlberg, der deutsche Geschäftsführer der gastgebenden Affinion, Abagnale nach Hamburg geholt. Sahlberg lobt die Fähigkeiten Abagnales, sich auf das Publikum einzustellen: "Als es um die üblichen Sicherheitsstandards von Kreditkarten ging, hat er die Gäste zu Tode erschreckt."
Mit dem gleichen Geschick verkauft Abagnale an diesem Abend seine Geschichten. Eine Episode nach der anderen gibt er zum Besten, das Publikum darf sich nun amüsieren.
Bei Spielbergs Mutter im Restaurant
Den Vorwurf, er hätte mit dem Film ein gefälliges Bild seiner Lebensgeschichte verbreitet, hat er schon oft gehört. Er tritt ihm entgegen, nicht empört, sondern fabulierend: Wie er von dem Projekt das erste Mal hörte, wie er das Studio nach dem Skript fragte, aber keine Einsicht bekam. Spielberg hatte di Caprio verboten, ihn kennen zu lernen. Doch der Jungstar tauchte in einem von Abagnales Seminaren auf und fragte ihn, ob er drei Tage lang in seiner Villa wohnen wolle. Schließlich stellte di Caprio ihm Spielberg vor. Es sei ein fröhlicher Abend gewesen, schwärmt Abagnale. Anschließend bekam er sogar einen Statistenauftritt.
Er sei sehr zufrieden mit dem Film, natürlich. Aber der sei nicht seine Idee gewesen. Der Streifen "Catch Me If You Can" basiert übrigens auf dem gleichnamigen Buch von 1980. Autoren des Bestsellers: Stan Redding und Frank W. Abagnale.
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