Berlin - Bahn-Kunden in Deutschland drohen im August massive Streiks. Die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) wird am Montag mit der Urabstimmung für einen Arbeitskampf beginnen. Dies sagte der Chef der Organisation, Manfred Schell, heute in Berlin. Das Ergebnis werde am 3. oder 6. August feststehen. Danach könnte der Schienenverkehr bei der Deutschen Bahn auf unbestimmte Zeit flächendeckend zum Erliegen kommen. Es wäre der erste unbefristete Streik bei der Bahn seit 15 Jahren.
Zuvor war eine neue Verhandlungsrunde mit der Bahn gescheitert. Nach Angaben von Teilnehmern lagen die Positionen nach dem dreistündigen Gespräch noch weiter auseinander als zuvor.
Nachdem die GDL bislang deutliche Einkommenserhöhungen im zweistelligen Prozentbereich gefordert hatte, will sie nun "mindestens 31 Prozent" mehr Geld. Der Gewerkschaftsvorsitzende Manfred Schell begründete die erhöhte Forderung damit, dass die Bahn diese angeblich falsche Prozentzahl monatelang publiziert und damit Stimmung gemacht habe. "31 Prozent waren nie unsere Forderung", sagte Schell. Nun tue man der Bahn den Gefallen und fordere wirklich 31 Prozent.
Bahn-Personalvorstand Margret Suckale erklärte hingegen, die GDL habe in den Gesprächen heute sogar mehr als 31 Prozent verlangt. Damit hätte die Gewerkschaft ihre ursprüngliche Forderung noch weiter nach oben geschraubt. Das Unternehmen sei darüber "erschüttert und erstaunt", sagte Suckale.
Im Moment gibt es offensichtlich von beiden Seiten keine Lösungsansätze. "Wir sind an dieser Stelle ratlos", sagte Suckale. Der Konzern sei aber weiterhin verhandlungsbereit. Gerade in der Ferienzeit dürfe die Tarifauseinandersetzung nicht zu Lasten der Kunden ausgetragen werden.
Wie der Streik verlaufen soll, wollte die GDL noch nicht verraten. Allerdings haben die Lokführer bereits beweisen, dass sie über großes Drohpotential verfügen. Mit zwei Warnstreiks bei der Bahn und im S-Bahn-Verkehr großer Städte hatte die Gewerkschaft in den vergangenen Wochen bundesweit für Chaos gesorgt.
Die GDL fordert einen eigenen Tarifvertrag für die rund 34.000 bei ihr organisierten Lokführer und Zugbegleiter. Demnach soll das Anfangsentgelt für Lokführer von jetzt monatlich 1970 Euro auf 2500 Euro und das höchst mögliche Entgelt von 2142 Euro auf knapp 3000 Euro erhöht werden.
In der vergangenen Woche hatte sich Suckale mit den beiden anderen Bahn-Gewerkschaften Transnet und GDBA auf eine Lohnerhöhung von 4,5 Prozent verständigt. Dieses Angebot habe sie auch den Lokführern gemacht. Separaten Lohnerhöhungen nur für eine Berufsgruppe werde die Bahn nicht zustimmen.
Die Bahn habe zudem "eine Vielzahl von Möglichkeiten" angeboten, die Situation der Lokführer zu verbessern. Dazu gehörten ein Tarifvertrag über die Berufs- und Ausbildungsbedingungen sowie Gespräche über eine Bezahlung, die sich stärker an der Qualifikation und Leistung ausrichten könnte.
"Wir lassen nicht zu, dass eine Gewerkschaft versucht, unsere Belegschaft in Mitarbeiter erster und zweiter Klasse zu spalten", erklärte Suckale. "Wir kommen nur weiter, wenn alle drei Gewerkschaften am Tisch sitzen." Eine erste Einladung zu einem solchen Gespräch hatte die GDL heute Morgen allerdings ausgeschlagen.
In den Verhandlungen mit der GDL schlug die Bahn auch vor, einen unabhängigen Sachverständigen einzuschalten, der die Arbeit von Zugführern und anderen Bahn-Beschäftigten bewerten solle. Ein solcher Sachverständiger mache Sinn, sagte GDL-Chef Schell, allerdings "nicht im Augenblick". Er schlug vor, einen Tarifvertrag mit einer kurzen Laufzeit von sechs Monaten zu vereinbaren und dann über die neuen Vorschläge der Bahn zu sprechen.
Heftige Kritik kam von den Konkurrenzgewerkschaften. "Offensichtlich versucht der GDL-Vorsitzende Manfred Schell, sowohl die Öffentlichkeit wie auch die eigene Mitgliedschaft zu täuschen, um von eigenen Fehlern und Versäumnissen abzulenken", sagte der GDBA-Vorsitzende Klaus-Dieter Hommel.
Er erinnerte daran, dass die GDL am vergangenen Samstag vor dem Arbeitsgericht Mainz "an Eides statt" in ihrer Erklärung ihr ursprüngliches Streikziel - einen eigenständigen Fahrpersonaltarifvertrag - in wesentlichen Teilen "verbindlich fallen gelassen" habe. "Wie man vor diesem Hintergrund immer noch dicke Backen machen kann, ist mir völlig unerklärlich", sagte der GDBA- Chef.
wal/AFP/ddp
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