Berlin - "Zuerst drückt sich die Wirtschaft vor ihrer eigenen Pflicht zur Qualifizierung, und jetzt sollen das die Arbeitnehmer auch noch selber ausbaden." Weiterbildung sei kein Privatvergnügen, sondern bislang vernachlässigte Aufgabe der Arbeitgeber und müsse mehr als bisher in öffentlicher Verantwortung stehen, sagte Burchard: "Das bedeutet eine solidarische Finanzierung nicht nur über Arbeitnehmerbeiträge, sondern auch über Steuern und Leistungen der Arbeitgeber." Die Arbeitslosenversicherung müsse zur Beschäftigungsversicherung umgebaut werden.
Porsche-Produktion: "Glaubwürdiger, dringend notwendiger Appell"
DGB fordert Tarifverträge
Burchards Parteifreund, der Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner lehnt die Empfehlung des DIHK-Chefs aus noch anderen Gründen ab. "Arbeitsdichte und Produktivität seien in Deutschland so hoch, dass der Urlaub dringend zur Regeneration benötigt werde", erklärte er.
DGB-Chef Sommer riet Wansleben, sich die Betriebe vorzuknöpfen. "Das wäre ein glaubwürdiger und dringend nötiger Appell." Die meisten Arbeitgeberverbände weigerten sich, mit den Gewerkschaften Qualifizierungs-Tarifverträge abzuschließen. Außerdem müsse der Missstand beseitigt werden, dass betriebliche Weiterbildung immer noch vorrangig Höherqualifizierten zugute komme.
Auch SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler sieht beim Thema Weiterbildung die Tarifparteien in der Verantwortung. Wenn die Arbeitgeber hier Bedarf sehen, müssten sie dies mit den Gewerkschaften verhandeln. Dem DIHK-Hauptgeschäftsführer empfahl er mit gutem Beispiel voranzugehen. "Wenn er Nachholbedarf hat, sollte Herr Wansleben sich fortbilden."
Investition in die eigenen Fähigkeiten
Wansleben, hatte gestern erklärt, die Arbeitnehmer müssten, gerade auch vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels, mehr Ferien- und Freizeit in ihre Weiterbildung investieren: "Wir haben zusammen mit Schweden die meisten Urlaubs- und Feiertage - da ist genug Luft für beides: Erholung und Weiterbildung." Wansleben betonte hingegen, von Weiterbildung im Urlaub habe jeder ganz persönlich etwas: "Es ist eine Investition in die eigenen Fähigkeiten. Je besser man ist, desto wertiger ist die Arbeitskraft im eigenen Unternehmen".
Er persönlich habe den letzten Urlaub zum Sprachtraining genutzt, indem er fremdsprachige Literatur gelesen habe, sagte der DIHK-Funktionär. In diesem Sommerurlaub fahre er aber zwei Wochen weg und "diesmal ganz ohne Weiterbildung".
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) kritisierte unterdessen die berufliche Weiterbildung in deutschen Unternehmen als nicht ausreichend. Es seien nur 50 Tage im gesamten Berufsleben, die ein Beschäftigter in Deutschland durchschnittlich für Weiterbildung aufwende, sagte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker der "Frankfurter Rundschau". Das sei halb so viel wie die Franzosen, Dänen und Schweizer. Hinzu komme, dass ein Drittel dieser Weiterbildungszeit hierzulande in Perioden der Arbeitslosigkeit stattfinde.
Die BA unterstütze die Weiterbildung in den Betrieben mit insgesamt 200 Millionen Euro, ergänzte Becker: "Davon sind bis zum Juli aber nur 5,4 Millionen abgerufen worden." Der Experte forderte angesichts des Fachkräftemangels in einigen Branchen, der steigenden Anforderung in den Berufen und der demographischen Entwicklung höhere Investitionen in die Weiterbildung: "Ohne Gegensteuern wird es langfristig mehr Langzeitarbeitslose bei gleichzeitigem Mangel an Fachkräften geben."
mik/AP/ddp/dpa
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