Von Susanne Amann
Hamburg - Es lief zu gut, um wahr zu sein. Jahrelang. Bis sich in diesen Wochen herausstellte, dass es tatsächlich nicht wahr war. Seit der Hypothekenmarkt in den USA zusammengebrochen ist, spielen weltweit die Börsen verrückt, brechen Fonds zusammen, gehen Banken pleite.
Verkaufsschild: Häuserpreise im freien Fall
"Alle hatten ein Interesse daran, den Immobilienmarkt mit seinen günstigen Krediten am Laufen zu halten", sagt Dorothea Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Die Kleinverdiener haben auf den Boom am Häusermarkt gehofft. Die Hypthekenbanken wollten ein Geschäft machen, indem sie möglichst viele Kredite vergaben, sich der mittel- bis längerfristigen Risiken aber durch Weiterverkauf schnell entledigten. Und die Fonds spekulierten auf hohe Gewinne, indem sie die Kredite möglichst billig kauften und dann die Rückzahlungen einzustreichen hofften."
Es hat funktioniert - weil das eigene Haus in den USA viel selbstverständlicher zum Leben gehört als etwa in Deutschland. "Die Amerikaner sind verrückt nach Häusern, sie haben eine hohe Einwanderungsquote und sind ein geburtenstarkes Land", sagt Schäfer. Alles Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass der Häusermarkt über Jahre expandierte und selbst hochverschuldete Kleinstverdiener darauf hofften, ihr eigenes Haus zur Not mit Gewinn wieder verkaufen zu können.
"Dazu kommt, dass die Bereitschaft der Amerikaner, Risiken zu übernehmen, viel höher ist als bei uns", sagt Manfred Jäger vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. "Viele Hausbesitzer wussten, dass sie Risiken eingehen."
"Jeder hat gehofft, dass es noch mal gut geht"
Dass ein großer Teil dieser Kredite allerdings an Menschen vergeben wurde, die ihre Raten wegen steigender Zinsen nicht mehr zahlen konnten - das wussten viele Banken und Fondsmanager nicht. Oder sie wollten es nicht wissen.
"Viele haben gehofft, dass es sie nicht trifft, dass es immer noch mal gut gehen würde", sagt Jäger. Denn jeder wollte Geld verdienen - und das war in den letzten Jahren schwer. "Es hat sich kaum noch gelohnt, irgendwo am Finanzmarkt zu investieren. Die Zinsen waren niedrig, und selbst die Prämien auf riskante Papiere waren extrem gering", sagt Jäger. "Aber man musste ja irgendwo Geschäfte machen."
Was blieb, waren die Geschäfte mit Kreditpaketen, die zum Teil enorm hohe Risiken, aber eben auch Gewinne boten. "Die Gier und die Erwartung, dass das Geld billig bleibt, hat alle verleitet, immer weiter zu machen", sagt Schäfer vom DIW. Selbst als die Häuserpreise vor eineinhalb Jahren begannen zu stagnieren und sich in den letzen Monaten die Warnsignale häuften, habe man das an den Märkten nur als Atempause oder leichten Rückschlag gewertet. "Das Risiko, vielleicht zu früh aus dem Markt zu gehen und damit zusätzliche Gewinne nicht mitzunehmen, wollte keiner eingehen."
Dazu kommt: Die Beteiligten haben nicht nur an den Krediten, sondern auch an Gebühren, Provisionen und Prämien verdient. "Die Finanzindustrie hat dadurch eine enorme Blüte erfahren, auch Ratingagenturen haben unheimlich viel Geld verdient", sagt Schäfer. "Diejenigen, die ihre Gebühren bereits eingestrichen haben, sind die Gewinner dieser Krise - die Verlierer sind diejenigen Marktteilnehmer, die die Kreditausfälle zu tragen haben und natürlich auch die Kreditnehmer, die ihr ganzes Vermögen dabei verlieren."
Aber es war nicht nur das große Hoffen auf viel Geld, sondern auch handwerkliche Fehler, die von der Hypothekenkrise zum Taumeln der weltweiten Finanzmärkte geführt haben. "Es ist ein relativ neuer Mechanismus, dass Banken ihre Kredite weiterverkaufen", sagt Michael Schröder vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Dessen Handhabung müsse man überhaupt erst mal lernen. Die Banken verteilten das Risiko dadurch zwar auf viele Schultern - es wird ihnen aber egal, an wen sie Geld verleihen. "Sie haben kein Interesse mehr, die Schuldner genau zu überprüfen, da sie das Ausfallrisiko in einem zu geringen Maße tragen", sagt auch Jäger vom IW. "Eigentlich sind die Finanzinnovationen - insbesondere subprime Kredite und Verbriefungen - eine vernünftige Sache", ist Jäger überzeugt. Allerdings wurden zu viele Regeln ignoriert.
Außerdem hat die Krise gezeigt, dass bestimmte, computer-gestützte Verfahren nicht einwandfrei funktionieren. "Diese hochkomplizierten mathematischen Modelle sind für außergewöhnliche Stresssituationen oft ungeeignet. Insbesondere Illiquidität ist für diese Modelle ein Problem", sagt Jäger. Die jüngsten Marktbewegungen sollten nur ein Mal in 100.000 Jahren geschehen. "Mathematisch gesehen, hat es die Krise also gar nicht gegeben."
Und auch an den Ratingagenturen, die die Kreditwürdigkeit von Fonds und Unternehmen bewerten, übt Jäger Kritik: "Sie haben definitiv zu wenig gewarnt - und systemische Probleme in den vergangenen Jahren nicht erahnt." Das liege unter anderem daran, dass es nur drei große Agenturen gebe - die zu zu ähnlichen Einschätzungen tendieren.
Welches Ausmaß die Hypothekenkrise noch annehmen wird, das wagt keiner der Ökonomen vorauszusagen. "Das hängt alles davon ab, was jetzt noch in den Büchern steht", sagt Schröder vom ZEW. DIW-Expertin Schäfer gibt aber auch zu bedenken, dass die derzeitigen Kurskorrekturen an den Börsen bereinigende Wirkung hätten. "In den vergangenen sechs Jahren hat sich der Dax fast verdreifacht. Solche Renditen gibt es historisch eigentlich nicht."
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