11. Oktober 2007, 20:43 Uhr

Tarifstreit

Bahn und GDL verhandeln wieder - gestreikt wird trotzdem

Das Spitzengespräch hat doch etwas genutzt: Im Tarifstreit bei der Bahn haben sich das Unternehmen und die Lokführergewerkschaft GDL auf neue Verhandlungen verständigt. Der Streik am morgigen Freitag findet dennoch statt.

Hamburg - In den festgefahrenen Tarifkonflikt zwischen der Deutschen Bahn und der Lokführergewerkschaft GDL kommt wieder Bewegung. "Der Vorstand der Bahn AG wird am Montag ein neues Angebot vorlegen", sagte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn heute in Berlin nach einem rund dreieinhalbstündigen Treffen mit GDL-Chef Manfred Schell und dem Aufsichtsratspräsidium des Konzerns. Zum Inhalt des Angebots wollte er sich nicht äußern. Offen ließ er auch, ob die Offerte einen eigenen Tarifvertrag für Lokführer und Fahrpersonal vorsieht, wie von der GDL gefordert.

GDL-Chef Schell und Bahn-Chef Mehdorn: Zu neuen Verhandlungen gequält
REUTERS

GDL-Chef Schell und Bahn-Chef Mehdorn: Zu neuen Verhandlungen gequält

GDL-Chef Schell sagte, wenn das Angebot akzeptabel sei, werde die GDL bis 31. Oktober zu keinen weiteren Streiks aufrufen. Auch Mehdorn betonte, er gehe davon aus, dass mit dem neuen Angebot bis Monatsende Friedenspflicht herrsche.

Der bundesweite Streik, den die Lokführer für den morgigen Freitag geplant haben, findet allerdings trotz des neuen Gesprächsangebots statt. Es sei zu spät, den Arbeitskampf abzublasen, sagte Schell. Die GDL will von 2 Uhr bis 24 Uhr bundesweit den Nahverkehr bestreiken, länger als jemals zuvor. Sowohl die Bahn als auch die GDL haben Reisenden geraten, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen.

GDL-Chef Schell zeigte sich allerdings skeptisch, ob durch das neue Angebot der Weg zu weiteren Verhandlungen frei gemacht werde. "Das Ergebnis des Gesprächs ist eine Grundlage, aber ob sie tragbar ist, zeigt sich erst, wenn das Angebot des Arbeitgebers vorliegt", sagte Schell nach dem Treffen. Es habe Einigkeit bestanden, dass bis zum 31. Oktober eine Lösung gefunden werden müsse.

Die Ankündigung, dass die Lokführer morgen ab 2 Uhr früh streiken wollen, hatte heute Nachmittag für Überraschung gesorgt - denn sie wurde wenige Stunden vor dem Spitzentreffen zwischen Mehdorn und GDL-Chef Schell öffentlich. Der Arbeitskampf war durch ein Flugblatt bekannt geworden, das eigentlich nicht vor 18 Uhr veröffentlicht werden sollte, "um dem Arbeitgeber die Möglichkeit einzuschränken, mit Notfallplänen den Arbeitskampf zu unterlaufen", wie es in einem Begleitschreiben hieß.

Die Bahn rechnet aufgrund der Streiks mit massiven Behinderungen. Das genaue Ausmaß könne wegen der kurzfristigen Streikbekanntgabe zunächst nicht überblickt werden, sagte Personenverkehrsvorstand Karl-Friedrich Rausch: "Wir sind aber sicher, dass es zu vielen Ausfällen, zu vielen Zugverspätungen kommen wird." Es sei nicht mehr möglich gewesen, Ersatzfahrpläne aufzustellen. Es würden 100 Busse bereitgestellt und in den Call-Centern alle verfügbaren Mitarbeiter eingesetzt. Die Bahn will Reisende unter der Nummer 08000-996633 und im Internet unter bahn.de/aktuell informieren.

Zum Streik aufgerufen sind neben den Lokführern Zugbegleiter, Mitarbeiter der Bordgastronomie sowie Team- und Gruppenleiter und Disponenten.

Derweil geht auch der Rechtsstreit zwischen den Tarifparteien weiter. Die GDL reichte heute vor dem Arbeitsgericht Berlin einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen die Bahn ein, um zu verhindern, dass das Unternehmen die Streikenden "mit fingierten Notdienstvereinbarungen" unter Druck setzt.

Sollten die Lokführer den Regionalverkehr morgen tatsächlich komplett lahmlegen, wird das nicht nur für die Bahn teuer. Nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) könnte der Streik die deutsche Volkswirtschaft pro Tag bis zu 25 Millionen Euro kosten, bei der Bahn allein sieben Millionen Euro. Der Berechnung liegt die Annahme zugrunde, dass gut eine Million Fahrgäste am Tag von dem Arbeitskampf betroffen sind, wie das Institut mitteilte. Laut DIW befördert die Bahn an normalen Tagen durchschnittlich fünf Millionen Fahrgäste, davon 4,6 Millionen im Nahverkehr.

Zum materiellen Schaden eines Streiks kommt aus Sicht des DIW ein Imageschaden für die Bahn. Durch den Lokführerstreik werde die Bahn unattraktiv für zukünftige Investoren, damit könne der Börsengang der Bahn in Gefahr geraten. Wichtig sei daher eine schnelle Einigung, zur Not auch mit Hilfe der Bundesregierung.

sam/AP/dpa-AFX


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