09. November 2007, 12:54 Uhr

Arbeitskampf der GDL

Duell der Streik-Deuter

Flächendeckender Stillstand oder ärgerliche Störung des Betriebs? GDL und Bahn bewerten die erste Streiknacht völlig unterschiedlich: Während die Lokführer den Ausstand als vollen Erfolg sehen, spielt die Bahn die Streikfolgen herunter.

Frankfurt am Main – 1800 Lokführer im Ausstand, 1000 Züge stehen still – so fasst die GDL den ersten Streiktag im Güterverkehr der Bahn zusammen. "Je länger der Streik dauert, umso mehr Züge kommen hinzu", sagte GDL-Chef Manfred Schell heute in Frankfurt. Bis zum Streikabschluss am Samstag würden sich voraussichtlich mehrere tausend Lokführer beteiligt haben. "Wir gehen davon aus, dass im gesamten Zeitraum insgesamt 3500 Lokführer die Arbeit niederlegen", ergänzt der GDL-Pressereferent Maik Brandenburger. Lokführer, die während des Streiks mehrmals den vorgesehenen Dienst verweigerten, seien in dieser Zahl allerdings mehrfach enthalten.

Zu den Auswirkungen des Streiks auf den Personenverkehr sagte Brandenburger, an einigen Stellen räume die Deutsche Bahn den Güterzügen offenbar Vorrang vor Personenzügen ein, so dass es dort zu Verspätungen für Fahrgäste kommen könnte.

Die Bahn spricht dagegen lediglich von 900 Lokführern und 700 liegen gebliebenen Zügen. Normalerweise sind der Bahn zufolge etwa 5000 Güterzüge pro Tag unterwegs. Die GDL zeigte sich zufrieden mit den Auswirkungen des Arbeitskampfes.

Fronten bleiben unverändert hart

Nennenswerte Veränderungen in den Positionen der Unterhändler hat der Ausstand bislang nicht bewirkt. Ein neues Angebot habe die Bahn bisher nicht vorgelegt, sagte Schell. Es gebe offenbar auch keine Überlegungen, die Lokführer in eine eigene Servicegesellschaft auszugliedern, in der sie dann einen eigenen Tarifvertrag und stärkere Gehaltssteigerungen erhalten könnten. Von einem solchen Vorschlag hatte die "Financial Times Deutschland" berichtet. "Ich habe mit der Bahn telefoniert und da wurde bestritten, dass es einen solchen Vorschlag gibt", sagte Schell. Grundsätzlich kann sich der GDL-Chef diese Lösung aber vorstellen. "Es wäre denkbar, dass daraus ein Kompromiss erwachsen könnte."

Die Idee einer eigenen Servicegesellschaft ist im Übrigen nicht neu. Mit der Umwandlung der Bahn in eine Aktiengesellschaft 1994 wurde zunächst auch ein eigener Geschäftsbereich Traktion eingerichtet, der die Lokführer des Güterverkehrs und Personenverkehrs umfasste. Nach vier Jahren wurde die Einheit jedoch wieder auf andere Konzernbereiche aufgeteilt.

Der Schwerpunkt des Streiks lag in der Nacht in den neuen Bundesländern. Dort standen nach GDL-Angaben fast alle Güterzüge still. Aber auch in den alten Bundesländern gab es erhebliche Behinderungen. In Niedersachsen rollte laut GDL etwa die Hälfte des Güterverkehrs nicht mehr. Die Hamburger Hafenbehörde sprach von "einigen Zugausfällen".

Beim Fahrzeugbauer Porsche hat der Bahn-Streik im Güterverkehr bislang nicht zu den befürchteten Produktionsausfällen geführt. Wie ein Unternehmenssprecher in Stuttgart mitteilte, wurde das Werk in Leipzig planmäßig in den Morgenstunden mit Karosserien aus Bratislava beliefert. Die Tagesproduktion von 180 Fahrzeugen der Baureihe Cayenne sei damit gesichert.

Produktionsausfälle vorerst kein Thema

Der Unternehmenssprecher verwies darauf, dass das Unternehmen im "engen Kontakt" mit der Bahn stehe. Auch bei einem für Samstagmorgen erwarteten Zug aus Bratislava werde es voraussichtlich nicht zu Problemen kommen. Der befürchtete Produktionsstopp in Leipzig ist damit zumindest in dieser Woche vom Tisch.

Auch Volkswagen rechnet vorerst nicht mit Produktionsausfällen. Es habe zwar vereinzelte Verspätungen gegeben, die aber keine Auswirkungen auf die Fertigung gehabt hätten. Vereinzelt sei es zu Verlagerungen auf Lastwagen gekommen.

"Kurzfristig haben wir keine Probleme", sagte auch ein Sprecher von BMW . Der Betrieb sei derzeit nicht beeinträchtigt. Der Konzern unternehme große Anstrengungen, um Waggons zu bekommen und einen Teil der Transporte auf die Straße zu verlagern. "Bisher haben wir kein Problem, die Autos vom Hof zu bekommen." Allerdings könnten sich die Probleme bei einem längeren Streik vergrößern. Derzeit mieten BMW-Logistiker unter anderem größere Flächen an, auf denen notfalls die fertigen Autos zwischengelagert werden können.

Tiefensee fordert Verhandlungen

Den Streik gelassen sehen auch Unternehmen anderer Branchen. So verzeichnen weder BASF noch Bayer nennenswerte Probleme.

Dagegen wird Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) nicht müde, vor den Folgen des Streiks zu warnen. Er befürchte einen großen wirtschaftlichen Schaden, sagte er in einem Interview mit dem TV-Sender Phoenix. Tiefensee forderte erneut, "dass man zu konkreten Verhandlungen und nicht nur zu Gesprächen kommt".

Danach sieht es allerdings vorerst nicht aus. Im Gegenteil - Schell kündigte erneut eine Eskalation in der nächsten Woche an. "Wenn sich der Bahn-Vorstand nicht bewegt, dann werden wir in der nächsten Woche weiterstreiken - und zwar in allen drei Transportbereichen." Das wären außer dem Güter- auch der Fern- und Nahverkehr. In den vergangenen Wochen hatte die GDL mit Streiks den Nahverkehr in Deutschland teilweise lahmgelegt.

mik/dpa/AP/ddp


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