SPIEGEL ONLINE: Herr Fjäder, was halten sie als finnischer Gewerkschaftler von dem Konflikt um die angekündigte Schließung des bislang profitablen Nokia -Werkes in Bochum?
Fjäder: Auch wir wurden mit ähnlichen Situationen konfrontiert. Fujitsu-Siemens hatte eine große Fabrik in Finnland. Die lief sehr gut, die Auftragslage war ausgezeichnet. Aber als Siemens global sanierte, entschied man sich für die Rationalisierung in Finnland, weil wir kürzere Kündigungsfristen haben und es billiger war, ein finnisches Werk zu schließen als ein deutsches.
SPIEGEL ONLINE: Dann haben Sie sicher Verständnis für die heftigen Reaktionen und Proteste in Deutschland? Laut einer Umfrage kann sich die Hälfte aller Deutschen vorstellen, sich einem Nokia-Boykott anzuschließen.
Fjäder: Wir nehmen deutlich Abstand von den deutschen Protesten und Boykottaufrufen gegen Nokia. Ein Boykott ist Unsinn, davon profitieren nicht die Arbeitnehmer, höchstens Nokias Konkurrenten. Wir haben zwar auch Probleme mit Unternehmen, die ins billigere Ausland abwandern - wie gerade beim Papierhersteller Stora Enso, der eine Zellulosefabrik auflöst. Aber Gewerkschaften führen nicht Unternehmen im ökonomischen Sinne, das ist Aufgabe der Vorstände. Die lautstarken deutschen Boykottaufrufe dienen vielleicht als Ventil für die erste Frustration. Aber das hilft nichts. Eher im Gegenteil – sollte Nokia Absatzeinbußen in Deutschland haben, kann das zu weiteren Kündigungen führen.
SPIEGEL ONLINE: Nun klingen Sie wie ein Aktionärsvertreter. Nokia hat für sein Werk in Bochum umfangreiche deutsche Fördergelder kassiert. Ist der Unmut nicht verständlich?
Fjäder: Es ist völlig klar, dass Nokia die Fördergelder zurückzahlen muss. Wir hatten ähnliche Fälle in Finnland. Zudem muss Nokia bei der Schließung mit ausreichend Geld die sozialökonomische Verantwortung übernehmen, so dass die Betroffenen einen neuen Arbeitsplatz bekommen. Darauf hinzuwirken, wäre für deutsche Gewerkschaften und Politiker sinnvoller, als nun mit Boykottaufrufen und Protesten die Schließung verhindern zu wollen. Es ist einfach so, dass Handys unglaublich billig geworden sind und weiter billiger werden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sie nicht mehr in Industrieländern produziert werden können. Der Umzug in billigere Länder wird zu einer ökonomischen Notwendigkeit.
SPIEGEL ONLINE: Und Gewerkschaften stehen dem machtlos gegenüber?
Fjäder: Wir können diesen Trend leider nicht aufhalten. Aber wir können dafür kämpfen, dass die Unternehmen die Schließungen so rücksichtsvoll wie möglich durchführen. Dazu gehört, dass die Unternehmen frühzeitig ihren Schließungsbeschluss bekannt geben, damit sich alle anderen gesellschaftlichen Akteure darauf vorbereiten können.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie als Gewerkschaftler für Erfahrungen mit Nokia in Finnland gemacht, wenn es um die soziale Abfederung von Schließungen geht - beispielsweise bei der Sanierung von Nokia-Networks?
Fjäder: Viele wurden entlassen. Aber es wurde viel Geld für die soziale Abfederung und Arbeitsbeschaffung aufgewandt. Die allermeisten bekamen nach einer Übergangszeit von ein paar Monaten oder einem Jahr eine neue Stelle. Wir waren insgesamt zufrieden. Nokia gilt in Finnland als vorbildlich, gerade im Vergleich zu anderen Unternehmen.
SPIEGEL ONLINE: Was raten sie Nokia Deutschland?
Fjäder: Der Schließungsbeschluss für Bochum wurde unprofessionell kommuniziert. Den Schließungsbeschluss rückgängig zu machen, ist aus Produktionskostengründen unmöglich. Da wird Nokia keinen Rückzieher machen. Nokia muss nun sehr, sehr deutlich seiner sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen. Gleichzeitig müssen Politiker und Gewerkschaften respektieren, dass globale Unternehmen solche Entscheidungen treffen müssen und sie das Rad nicht zurückdrehen können.
Das Interview führte André Anwar, Stockholm
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