01. Februar 2008, 08:04 Uhr

Großer Streiktag in Deutschland

Arbeitskampf in vier Branchen

Tausende Beschäftigte legen heute die Arbeit nieder - in der Stahlindustrie, beim Stromkonzern Vattenfall, bei den Berliner Verkehrsbetrieben und im Einzelhandel. Es geht um Lohnforderungen von bis zu zwölf Prozent. Selbst Kanzlerin Merkel plädiert für "besser gepflegte" Tarifverträge.

Salzgitter/Berlin - Die Jahre der Bescheidenheit sind vorbei: Gleich in vier Branchen rufen die Gewerkschaften heute zu Streiks auf, es geht um Lohnforderungen von bis zu zwölf Prozent. Allein in der Stahlindustrie sind 85.000 Beschäftigte in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bremen betroffen.

Streikende bei Salzgitter: "Sprudelnde Gewinne gehören auch den Beschäftigten"
DDP

Streikende bei Salzgitter: "Sprudelnde Gewinne gehören auch den Beschäftigten"

Um Mitternacht lief die Friedenspflicht ab, die IG Metall rief daraufhin zum Warnstreik auf. Um 0.01 Uhr legten die ersten 500 Stahlwerker bei Salzgitter die Arbeit nieder. Die Streikenden versammelten sich am Stammwerk zu einer Kundgebung. Daran beteiligten sich nach Gewerkschaftsangaben 200 weitere Angestellte des Unternehmens. "Sprudelnde Gewinne gehören auch den Beschäftigten", sagte Robert Sadowski von der IG Metall.

Außer einer Gehaltssteigerung von acht Prozent verlangt die IG Metall eine Verkürzung der Arbeitszeit für Ältere. In zwei ergebnislosen Verhandlungsrunden hatten die Tarifparteien keine Annäherung erzielt. Für die kommende Woche kündigt die Gewerkschaft weitere Warnstreiks in nordrhein-westfälischen Stahlbetrieben an.

Auch beim Energiekonzern Vattenfall haben die Beschäftigten heute Morgen einen vierstündigen Warnstreik begonnen. Im sächsischen Boxberg und in Hamburg legten die Beschäftigten die Arbeit nieder. Damit wollen die Gewerkschaften Ver.di und IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) Druck in den laufenden Tarifverhandlungen machen. In Berlin ist zudem eine Protestdemonstration mit 1500 Teilnehmern geplant. Die Gewerkschaften wollen für die insgesamt 21.000 Beschäftigten des Konzerns acht Prozent mehr Entgelt durchsetzen. Die Stromversorgung soll durch den Ausstand nicht beeinträchtigt werden.

Merkel fordert strengere Tarifbindung

Prominente Unterstützung erhielten die Arbeitnehmer von der Bundeskanzlerin - zumindest indirekt. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sprach sich Angela Merkel (CDU) für eine stärkere Tarifbindung in Deutschland aus. Sie forderte die Tarifparteien dazu auf, ihre Verträge "besser zu pflegen". Vor allem in Ostdeutschland mangele es an Tarifbindung. Dort gebe es noch Verträge aus dem Jahr 1994, die seitdem "nicht wieder angefasst worden" seien, sagte die Kanzlerin.

Für manche Branchen sei daher ein Mindestlohn richtig. Der Wunsch vieler Menschen nach einem Mindestlohn sei "nicht mit einem einfachen Nein" zu beantworten, sagte die CDU-Vorsitzende dem Blatt. Als Beispiel nannte sie "Branchen, in denen es überhaupt keinen Tarifvertrag mehr gibt". Wenn die Tarifpartner allein nicht in der Lage seien, Regelungen zu finden, müsse nach anderen Lösungen gesucht werden. Dies als "ordnungspolitischen Verrat" zu bezeichnen, halte sie nicht für richtig. Einen flächendeckenden Mindestlohn lehnte Merkel jedoch ab. Es gebe "generell die Gefahr, dass Mindestlöhne Arbeitsplätze vernichten können", sagte sie zur Begründung.

Unterdessen hat auch bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) der Streik begonnen. Vor dem Betriebshof im Stadtteil Wedding versammelten sich gegen 5 Uhr morgens rund 30 Gewerkschafter. "Warnstreik" stand auf Schildern der Gewerkschaft Ver.di. Die Busse und Bahnen blieben im Depot stehen.

In Berlin stehen die U-Bahnen still

Der Hauptstadt droht damit heute und morgen ein Verkehrschaos. Ver.di hatte gestern angekündigt, in der Nacht zum Freitag einen Warnstreik zu beginnen, der bis zum Samstagnachmittag um 15 Uhr dauern soll. Betroffen sind Hunderttausende Fahrgäste. Der Verkehr bei U-Bahn, Straßenbahn und Bussen wird laut BVG weitgehend zum Erliegen kommen. S-Bahn und Regionalzüge sind vom Warnstreik nicht betroffen und fahren weiter.

Auch das BVG-Callcenter wird bestreikt. Fahrplan- und Verbindungsauskünfte sind somit nur über das Internet möglich, teilte das Unternehmen mit. Wegen der hohen Zugriffszahlen müsse allerdings mit Verzögerungen bei der Abfrage gerechnet werden.

Im Tarifstreit bot die BVG nach eigenen Angaben sechs Prozent mehr Lohn für Busfahrer mit Neuverträgen, die geringer entlohnt werden als ältere Arbeitnehmer. Die älteren lägen bereits 20 Prozent über Tarif, hieß es. Ver.di lehnte dies ab. Die Gewerkschaft will Gehaltserhöhungen von acht bis zwölf Prozent für alle BVG-Mitarbeiter durchsetzen.

Ein kleinerer Arbeitskampf wird derweil in Bayern fortgesetzt. Ver.di rief die Beschäftigten im Nürnberger Einzelhandel zum Streik auf. Gegen 10 Uhr sollen sich rund 600 Beschäftigte vor dem Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes einfinden. Nach einer Urabstimmung soll über die Dauer des Arbeitskampfes entschieden werden. Die Arbeitnehmer fordern 125 Euro mehr im Monat.

wal/AP/AFP/dpa


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