02. Februar 2008, 08:48 Uhr

Microsoft-Boss Ballmer

Wutmensch auf Google-Hatz

Von Marc Pitzke, New York

Es ist ein Geschäft, aber auch eine persönliche Mission: Bei seinem Griff nach Yahoo wird Microsoft-Chef Ballmer nicht zuletzt von Emotionen getrieben - vor allem vom Hass auf Google, aus dem er nie ein Geheimnis gemacht hat.

New York - Steve Ballmer liebt Temperamentsausbrüche - egal, ob aus Freude, Wut oder Wahn. Viele seiner Emotionseruptionen sind per Kamera dokumentiert und haben sich quer durchs Internet verbreitet. Legendär wurde sein "Affentanz" ("Dance Monkeyboy"), bei dem er auf einer Konferenz eine Minute lang wirr kreischend auf der Bühne herumhüpft und schließlich exklamiert: "Ich! Liebe! Diese! Firma!". Ein anderes Mal ruft er 14 Mal am Stück "Entwickler!" und hat schon dicke Schweißflecke auf dem Hemd.

Ballmer in Aktion (beim Start von Microsoft Office 2007): Die Google-Grünschnäbel sind reicher als er
AFP

Ballmer in Aktion (beim Start von Microsoft Office 2007): Die Google-Grünschnäbel sind reicher als er

Eine von Ballmers schlimmsten Wutausbrüchen spielte sich hinter verschlossenen Türen ab - und erscheint heute, nach Microsofts 45-Milliarden-Gebot für Yahoo , in ganz neuem Licht.

Im November 2004 war das, als Microsoft -Ingenieur Mark Lucovsky seinem Chef mitteilte, er werde zum neuen Rivalen Google abwandern. Ballmer, so Lucovsky später in einer eidesstattlichen Erklärung, sei explodiert. Er habe Mobiliar durchs Büro geschleudert und mit Bezug auf Google-CEO Eric Schmidt gebrüllt: "Ich werde diesen Kerl verdammt noch mal begraben. Ich habe es schon mal getan, und ich werde es wieder tun. Ich werde Google verdammt noch mal umbringen!" (Der englische O-Ton war noch etwas vulgärer.)

Microsoft, Underdog?

Die aktenkundige Schilderung, die der massige Ballmer später als "grobe Übertreibung" abtat, zeigt jedenfalls eines: Ballmers tiefe Aversion gegen den Suchmaschinenkonzern aus Mountain View, der Microsoft seit Jahren die gewohnte Oberherrschaft in der Tech-Welt streitbar macht. Jetzt holt Ballmer also zum Gegenschlag aus. Mit 44,5 Milliarden Dollar Volumen wäre die Yahoo-Übernahme der größte Deal nicht nur in der Geschichte von Microsoft, sondern in der Geschichte des Silicon Valleys. Für Ballmer, 52, ist die Sache eine persönliche Mission.

Das wurde schon in der frühmorgendlichen Schaltkonferenz klar, bei der Microsoft den überraschten Wall-Street-Analysten das Vorhaben näher zu erläutern versuchte. Da beschrieb Ballmer den Software-Giganten plötzlich als drangsalierten Underdog, der sich gegen die Vorherrschaft eines anderen kaum mehr behaupten könne. Microsoft-Chefsyndikus Brad Smith beklagte den "superdominanten Marktanteil" von Google, und Manager Kevin Johnson nörgelte (ohne Google beim Namen zu nennen): "Der Markt wird heute zunehmend von einem Akteur beherrscht." Die Combo Microsoft-Yahoo sei da "eine glaubwürdigere Alternative".

Ob das so ist, darüber war sich die Wall Street noch unschlüssig. Der Kurs von Yahoo zog an, die Aktie von Microsoft sackte ab. Fest steht: Was Ballmer sich in den Kopf setzt, das peitscht er durch - egal wie.

Gnadenloser Streit vor Gericht

Auch der Yahoo-Coup war lange geplant. Erste Verhandlungen gab es vor einem Jahr, damals lehnte Yahoo ab. Im Oktober prophezeite Ballmer dann bei einer Web-2.0-Konferenz, Microsoft werde sich bald wieder aus seiner ungewohnten Defensive befreien und erfolgreich mehrere Tech-Bereiche dominieren: Software, Websuche, Online-Werbung. Seiner Abteilung für den letzteren Bereich gab der den väterlichen Rat: "Ihr seid Dreijährige, die mit Zwölfjährigen Basketball spielen. Eines Tages aber werdet ihr die anderen niederschmettern." Der Tag scheint gekommen.

Wer Microsoft-Veranstaltungen besucht hat, der weiß, wie schnell Ballmers Enthusiasmus seine Untertanen infiziert. Sie johlen, gröhlen, jubeln über seine schrillen Mätzchen.

Wer aber zur Konkurrenz überläuft, bekommt Ballmers Wut zu spüren, Der frühere Microsoft-Vizepräsident Kai Fu-Lee kann ein Lied davon singen. Lee, ein Star in der Software-Szene, hatte einst die Microsoft-Forschungsabteilung in China aufgebaut. Im Juli 2005 dann kündigte er und ging zu Google, um das Geschäft in der Volksrepublik zu leiten.

Abermals rastete Ballmer aus. Er verklagte Lee: Laut Vertrag dürfe dieser für ein Jahr nach seinem Ausstieg nicht bei den Rivalen anheuern - eine Klausel, die den Verrat von Firmengeheimnissen verhindern sollte. Der Gerichtsstreit zog sich über fünf Monate hin, in denen Lees Arbeit bei Google erheblich eingeschränkt war. Erst im Dezember 2005 gab Ballmer den Top-Manager frei. Im Verlauf dieses Verfahrens wurde auch die Möbelwurf-Episode mit Mark Lucovsky bekannt. Lucovsky sagte zu Gunsten seines Kollegen Lee aus - gegen Ex-Chef Ballmer.

Unterschwelliger Minderwertigkeitskomplex?

Ballmers Ehrgeiz ergibt sich wohl auch aus seiner Familienbiographie als Einwandererspross. Er ist der Sohn eines Schweizer Immigranten, der selbst nicht mal das Gymnasium abgeschlossen hatte. Vater Frederick, vormals Friedrich, war mit 23 Jahren aus Lausen bei Basel in die USA gekommen und schuftete bei Ford in Detroit.

Steve Ballmer hatte von Anfang an Höheres im Sinn. Er absolvierte eine Runde in Harvard, wo er sich mit dem späteren Microsoft-Gründer Bill Gates anfreundete. Sein nachfolgendes Wirtschaftsstudium an der Stanford University, der Kaderschmiede des Silicon Valley, brach er ab, als Gates ihm einen Job anbot.

Seitdem hat er sich bei Microsoft hochgearbeitet – und er wurde der erste US-Milliardär, der nicht selbst ein Unternehmen gegründet hat oder mit einem Gründer verwandt ist. Heute liegt er mit einem geschätzten Privatvermögen von 15 Milliarden Dollar auf Platz 31 der "Forbes"-Liste der reichsten Menschen der Welt.

Ein unterschwelliger Minderwertigkeitskomplex des Stanford-Abbrechers, behaupten Kritiker, sei bei seinen Auftritten aber immer spürbar. Was Ballmer besonders wurmen muss: Die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page, beide fast 20 Jahre jünger als er, lagen auf der letzten "Forbes"-Liste vor ihm.

Das soll sich nun ändern.


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