18. März 2008, 14:40 Uhr

Schürf-Rausch in Mosambik

Sklaven des Goldes

Aus Manica berichtet Thilo Thielke

In den Bergen Mosambiks graben Tausende Glücksritter nach Gold - mit bloßen Händen, gegängelt und gequält von ihren Herren. Sie träumen von märchenhaften Schätzen. Doch die meisten erwartet nichts anderes als Sklavenarbeit, Seuchen, Tod.

Manica - Schwül ist es in der mosambikanischen Hafenstadt Beira und unerträglich heiß. 36 Grad zeigt das Thermometer. Dann und wann weht ein feuchtwarmer Wind vom Indischen Ozean herüber. Wir haben tatsächlich die schlimmste Zeit für unseren Besuch gewählt, nie ist es heißer, nie ist die Niederschlagsmenge in Beira höher als im Februar und März.

1887 war diese Stadt als portugiesischer Militärstützpunkt gegründet worden; später, während des 16-jährigen Bürgerkriegs, war das hier die Hochburg der grausamen Renamo-Guerilla, die das sozialistische Regime in Maputo bekämpfte. Noch immer erkennt man die Spuren dieses Gemetzels: Granatsplitter in Plattenbauten.

DER SPIEGEL
Ausgerechnet hier stehen wir jetzt also und schwitzen: Toby Selander, schwedischer Fotograf mit Wohnsitz in Kapstadt, ein Freund und langjähriger Reisegefährte, und ich, ein SPIEGEL-Korrespondent aus Nairobi. Wir warten auf zwei Mosambikaner und ein Auto. Wir wollen in das legendäre Goldgebiet nahe der Chimanimani-Berge an der Grenze zu Simbabwe. Vor Jahren ist in dieser Hügellandschaft ein wahrer Goldrausch ausgebrochen, und Frank und Yussuf, die beiden Mosambikaner (die wirklich so heißen), sollen uns in dieses afrikanische Klondike führen. Die zwei sind nett und zuverlässig und sprechen neben Englisch auch Shona, die Sprache der Simbabwer.

Flucht aus Mugabes Reich

Sie sind also unersetzlich: In den Goldgräbercamp wimmelt es nämlich von Simbabwern, die den Herrschaftsbereich des durchgeknallten Tyrannen Robert Mugabe verlassen haben, um hier ihr Glück zu suchen.

In Simbabwe beträgt die Inflationsrate fast 70.000 Prozent, und mehr als 80 Prozent der Menschen sind arbeitslos. Mittlerweile sollen von den 20.000 Goldsuchern, die im Grenzland die rote mosambikanische Erde umpflügen, mindestens 15.000 aus dem ehemaligen Rhodesien stammen.

Nach einer Weile erscheinen Yussuf, Frank und ein Toyota-Pick-up, wie er in diesen Regionen gerne gefahren wird. Wir laden unser Gepäck auf und machen uns auf den Weg in die malariaverseuchten Fiebersümpfe des Westens. Erstaunlicherweise sind die Straßen gut, sehr viel besser als in Kenia jedenfalls. Nach vier Stunden erreichen wir unser Ziel, ein heruntergekommenes Hotel in der Stadt Manica.

Unsere beiden Reisebegleiter hatten diese leicht verlauste Absteige mit Billardtisch und Bar ausgesucht. Abends beim Bier können wir verstohlen das Gefeilsche der libanesischen Händler mit ihren mosambikanischen Geschäftspartnern verfolgen, die den Ort zu ihrer Börse erkoren haben. Der eine oder andere Nugget wechselt hier seinen Besitzer, bevor er den Weg auf die Goldmärkte in London, Zürich oder New York findet.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf in die Camps der Desperados. Sie sind nicht weit entfernt, 15 Kilometer vielleicht. Wir fahren auf engen Pfaden durch meterhohe Bambusfelder. Aber schwer sind die Glücksritter wirklich nicht zu finden, jeder kennt diese illegalen Minen, gegen die der mosambikanische Staat schon lange nichts mehr unternimmt. Zu groß ist der Druck der Flüchtlinge aus Simbabwe, zu schwach die örtliche Polizei, deren korrupte örtliche Vertreter zudem ganz gut mitverdienen an der Bonanza.

Die Geschichte der Verzweifelten

Nach einer guten halben Stunde stehen wir in einer schlammigen Kraterlandschaft, durch die sich Kolonnen von lehmverschmierten Arbeitern ziehen. Sie bilden lange Ketten, die oben an der gut acht Meter tiefen Grube beginnen, nach unten führen, einer Wasserrinne folgen und sich auf der gegenüberliegenden Seite wieder nach oben fortsetzen. Von der einen Seite wird die Erde nach unten geschlagen, gewälzt oder losgetreten, unten wird sie in einer Kette auf große ständig bewässerte Siebe gewuchtet und nach Goldstaub durchsucht, danach wird sie auf der anderen Seite des Lochs entsorgt. Zum Teil arbeiten bis zu 40 Männer in so einer Mine. Doch die meisten Minen sind kleine Schächte, an denen sich Teams von vier bis sechs Arbeitern abmühen.

An einem solchen Schacht begegnen wir drei Simbabwern, die uns zu sich herüberwinken. Der Wortführer der Gruppe stellt sich als Alec Pot vor, er laboriert immer noch an einer Malaria, hat seit vier Wochen kein Körnchen Gold gefunden, aber zu Hause in Simbabwe elf Menschen zu ernähren. Wir verabreden ein Treffen am Abend in der Stadt, wo wir uns die Geschichte der Verzweifelten erzählen lassen wollen. Gegen sechs Uhr kommen wir mit dem Wagen, um die Truppe abzuholen, und fahren nach Manica. Die drei bestellen sich Huhn und Reis und jeweils eine Cola. Für die Simbabwer ist es ein Festmahl, und uns beschämt ihre Dankbarkeit. Sie berichten von der Ausweglosigkeit in ihrer Heimat, von Hunger, Aids und Tod und dem ruchlosen Regime des sozialistischen Regenten, der sich in einer Mercedes-Pullman-Limousine durch die Straßen seines Reichs fahren lässt, während seine Landsleute verhungern.

Sie berichten aber auch von sadistischen mosambikanischen Polizisten, die kommen und prügeln und die Goldsucher berauben. Und sie berichten von den mosambikanischen Pächtern des Landes, die sie wie Sklaven schuften lassen und nachher ihren Teil kassieren. Sie sind unterernährt und anfällig für Krankheiten, und in der Nähe ist kürzlich die Cholera ausgebrochen.

Der Fahrer kommt nicht zurück

Als Dank für die Zeit, die sie sich uns gewidmet haben, beschließen Toby und ich, ihnen am nächsten Tag eine Schaufel, eine Picke und eine Machete zu kaufen. Viel kann man zwar auch damit nicht erreichen, doch vielleicht kommen sie dann etwas schneller voran als bisher. Bislang nämlich haben sie mit verrosteten Eisen gegraben und mit bloßen Händen.

Zunächst jedoch vereinbaren wir ein Treffen früh am Morgen. Um vier Uhr in der Nacht beginnen die drei Männer nämlich mit ihrem Tagwerk, manchmal nutzen sie den Schein des Monds, manchmal errichten sie Lagerfeuer aus Plastik oder Müll, um die Arbeitsstätte zu erleuchten. Zu nachtschlafender Zeit sind wir auch tatsächlich pünktlich zur Stelle, überall haben sich bereits erste Grüppchen von Arbeitern aufgemacht, sie ziehen mit Picke und Spaten durch die sumpfige Landschaft, um die Kühle der Nacht nutzen. Am Tag wird das Arbeiten dann immer beschwerlicher werden.

Frank, unser Chauffeur, muss noch einmal in die Stadt, um etwas zu holen, und langsam geht die Sonne auf über den sanften Hügeln der Berge und hüllt alles in ein rötliches, mildes Licht. Dumm nur, dass Frank nicht mehr auftaucht. Eine Stunde müsste er eigentlich für die Strecke hin und zurück brauchen, nach zwei Stunden denken wir, er werde sich wohl noch ausruhen, nach drei Stunden berichtet einer, der aus der Stadt kommt, unser Fahrer habe einen Platten und müsse den Reifen wechseln, aber einen Reifen zu wechseln, dauert nicht dreieinhalb Stunden, nicht einmal in Afrika.

Verprügelt und verjagt - wegen Kontakt mit Weißen

Also mache ich mich zu Fuß auf den Weg in die Stadt, angeblich soll unser Reifenwechsel ja auch nur ein paar hundert Meter entfernt stattfinden, nach einigen Kilometern ist allerdings von dem Pick-up noch keine Spur zu sehen, und ich muss mich noch über ein paar dieser tückischen Hügel quälen. Doch da steht es dann endlich, unser Auto, der linke Kotflügel an einem Fels aufgeschlitzt, halb im Graben hängend, aber auch in sich merkwürdig schief. Dass hier kein Plattfuß die Fahrt beendet hat, sondern ein Achsbruch, erkenne selbst ich. Ganz gut, dass das Unglück bergauf geschah, das sah alles schon schlimm genug aus; kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn der Wagen auf abschüssiger Bahn verunglückt wäre.

Wir müssen uns nun mühsam einen neuen Wagen samt Fahrer besorgen. Danach erfüllen wir unser Versprechen und kaufen ein paar Gerätschaften für die simbabwischen Flüchtlinge. Dann packen wir unsere Sachen, wir müssen schließlich zurück nach Beira. Und plötzlich stehen da wieder Alec Pot und seine zwei Freunde vor unserem Hotel. Einer ist übel zusammenschlagen worden und hält sich den Arm, Alec hat ein paar Habseligkeiten geschultert, der dritte ist kaum ansprechbar. Was sie mit den Weißen zu tun hätten, ob sie Verräter seien, ob die Fremden vorhätten, Unglück über das Lager zu bringen und mit geheimnisvollen Mächten im Bunde seien, wollten die mosambikanischen Schläger wissen. Alec und seine Freunde sollten jedenfalls verschwinden. Sofort. Und hier nie wieder auftauchen.

Wir versuchen nach Kräften, den drei Armen zu helfen: Wir stellen Kontakt zu ein paar Entwicklungshelfern in der Region her; wir geben ihnen das Fahrtgeld gegeben, um einen sicheren Ort zu erreichen, entweder eine andere Mine oder die Heimat in Simbabwe, wir drücken ihnen ein paar Lebensmittel in die Hand. Irgendwann müssen wir uns dann selbst auf den Weg machen. Natürlich haben wir nun ein schlechtes Gewissen.

Von Alec und seinen Freunden haben wir seitdem nichts gehört. Hoffentlich melden sie sich noch.


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