23. April 2008, 19:31 Uhr

Blackout-Debatte

Öko-Energie kann Atomstromlücke nicht schließen

Von Anselm Waldermann

Woher kommt künftig Deutschlands Energie? Solar- und Windfirmen versprechen, den Wegfall von Atommeilern durch Öko-Strom wetttzumachen. Ein extrem ehrgeiziges Ziel - moderne, neue Kohlekraftwerke wird man trotzdem brauchen.

Hamburg - Kernkraftgegner können jubeln: Der Reaktor Biblis A, Inbegriff ständiger Pannen, geht bald vom Netz. Laut Atomausstieg muss Betreiber RWE das Kraftwerk noch in diesem Jahr, spätestens aber im kommenden, abschalten - auch wenn sich das Unternehmen dagegen wehrt.

Windrad: Kaum neue Standorte
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Windrad: Kaum neue Standorte

In den Monaten und Jahren darauf soll ein Meiler nach dem anderen folgen: Erst Biblis B, dann Brunsbüttel, später auch Krümmel, Philippsburg und Brokdorf. Voraussichtlich im Jahr 2021 soll mit Neckarwestheim II das letzte deutsche Kernkraftwerk herunter gefahren werden. So hat es noch Rot-Grün beschlossen, auch die Energiekonzerne selbst hatten zugestimmt.

Heute wollen RWE, E.on, Vattenfall und EnBW nichts mehr davon wissen. Ihr Argument: Ohne Kernenergie drohe Deutschland ein massiver Engpass in der Stromversorgung. Eine Studie der Deutschen Energie-Agentur gab den Konzernen kürzlich Recht: Demnach könnte die Bundesrepublik schon bald zu einem Stromimportland werden.

Alles Panikmache, erwidert nun die Branche der Öko-Energien. "Die angebliche Energielücke ist eine Angstkampagne der konventionellen Energiewirtschaft", sagt Dietmar Schütz, der Präsident des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Ziel der Offensive sei es lediglich, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern.

Dabei gebe es ganz andere Möglichkeiten, den Energiebedarf der Deutschen zu decken, rechnet Schütz vor. Nach dem Ausbauszenario seines Verbandes könnten im Jahr 2020 mehr als 35 Prozent des deutschen Stromverbrauchs mit Wind, Biomasse, Wasser und Sonne gedeckt werden. Heute liegt der Anteil der Öko-Energien bei rund zwölf Prozent. Laut BEE ist die Öko-Stromproduktion zuletzt um mehr als zehn Milliarden Kilowattstunden pro Jahr gewachsen. Dies entspreche der Produktion von ein bis zwei konventionellen Großkraftwerken.

Trotzdem ist das 35-Prozent-Ziel des Verbandes äußerst ehrgeizig. Denn gleich mehrere Probleme machen der Ökobranche zu schaffen:

BEE-Präsident Schütz gibt offen zu, dass die Ökobranche die Atomlücke nur dann schließen kann, wenn neue Subventionen fließen. Bei der geplanten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) seien deshalb "Nachbesserungen" nötig. Weil Stahl für Windräder und Getreide für Biomassekraftwerke immer teurer würden, müssten die Vergütungssätze für Öko-Strom ebenfalls steigen.

Alles in allem könnte es für die Umweltpioniere damit schwierig werden, die Atomlücke zu schließen - zumal Wind- und Sonnenenergie nur wetterabhängig zur Verfügung stehen. Insgesamt müssen 17 Reaktoren mit einer Nennleistung von 21.500 Megawatt ersetzt werden. Zum Vergleich: Ein großes Windrad schafft gerade einmal fünf Megawatt.

Natürlich kann man darauf hoffen, dass die Deutschen in Zukunft sparsamer mit Energie umgehen. Die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass Effizienzsteigerungen schnell wieder aufgefressen werden: Das, was man an einer Stelle einspart, gibt man an anderer Stelle für zusätzlichen Komfort mehr aus. Im Ergebnis bleibt der Stromverbrauch der Deutschen seit Jahren konstant - trotz immer neuer Appelle zum Energiesparen.

Eins scheint damit klar: Ohne konventionelle Energieträger lässt sich die Stromversorgung kaum aufrechterhalten, zumindest nicht auf dem aktuellen Niveau. Das gibt auch Schütz vom BEE zu: Das ein oder andere Kohlekraftwerk werde man wohl noch bauen müssen. Die Deutsche Energieagentur vertritt diese Meinung ebenfalls. Moderne Kohlekraftwerke hätten zudem den Vorteil, dass sie klimaschonender seien als die alten Dreckschleudern.

Einfach dürfte der Neubau aber nicht werden. Exemplarisch zeigt dies der Streit um das geplante Kohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg. Die Grünen, die demnächst die Umweltsenatorin stellen werden, wollen das Projekt auf jeden Fall verhindern.

Betreiber Vattenfall geht deshalb in die Offensive. Einerseits droht das Unternehmen mit einer Milliardenklage, andererseits schlägt Vorstand Hans-Jürgen Cramer einen "Masterplan Energie" vor. Wichtigste Botschaft: Für die Grundlastversorgung in Hamburg sei das Kohlekraftwerk zwingend geboten. Wenn diese Bedingung erfüllt sei, sagt Cramer, könne man auch über weitere Investitionen in erneuerbare Energien reden.

Mit Material von AFP/AP/Reuters/dpa


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