Berlin/München - Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft war nur von kurzer Dauer: Nach guten Wachstumszahlen im vergangenen Jahr hat sich jetzt die Stimmung in den Unternehmen merklich eingetrübt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im April auf den niedrigsten Stand seit Januar 2006. "Das war der lang erwartete Einbruch", sagt Sebastian Wanke von der Deka-Bank.
Hamburger Hafen: Der schwache Konsum verstärkt Deutschlands Abhängigkeit vom Export
Die deutsche Wirtschaft steht damit am Scheideweg. Bis vor kurzem waren Experten noch davon ausgegangen, dass die hiesigen Unternehmen den weltweiten Verwerfungen trotzen könnten. Nun mehren sich die pessimistischen Stimmen.
"Es scheint sich die Ansicht durchzusetzen, dass die Finanzkrise länger dauert als erwartet und sich verstärkt auf die Wirtschaft auswirkt", sagt Wanke von der Deka-Bank. Der Ifo-Index dürfte nun "auch in den nächsten Monaten zurückgehen".
"Die Vorzeichen stehen auf einer Abkühlung der Dynamik", ergänzt Carsten Klude von MM Warburg. Bei einem Eurokurs von 1,60 Dollar sei mit einer Abschwächung der Exporterwartungen zu rechnen.
Immerhin: Eine Rezession erwartet Klude in Deutschland nicht. Dafür seien die Auftragsbestände noch zu gut. Diese Einschätzung teilt auch die Bundesregierung. Für das laufende Jahr geht sie weiterhin von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um 1,7 Prozent aus. "Die deutsche Wirtschaft befindet sich durchaus in einer ordentlichen Verfassung", sagte Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Trotz Gegenwinds gehe es aufwärts.
Andere Experten betonen hingegen, die deutsche Wirtschaft werde in den kommenden Monaten an Dynamik verlieren. Der aktuelle Ifo-Index gibt ihnen Recht: Im April fiel das Stimmungsbarometer um 2,4 Punkte auf 104,8 Zähler. Laut Ifo-Institut ist nun eine langsamere Gangart der Konjunktur zu erwarten. "Die bremsenden Einflüsse haben wieder die Oberhand gewonnen", erklärten die Wissenschaftler.
Die Börse reagierte auf die negativen Ifo-Zahlen mit Kursverlusten. Der Dax notierte gegen Mittag rund ein Prozent im Minus. Volkswirte hatten zwar mit einem Fallen des Konjunkturbarometers gerechnet, der Rückgang fiel aber deutlicher aus als erwartet.
Experten weisen darauf hin, dass die Verschlechterung vor allem auf die Entwicklung im Groß- und Einzelhandel zurückzuführen ist. "Das deutet darauf hin, dass die lange erwartete Verbesserung im Konsum nicht stattfindet", sagt Bernd Weidensteiner von der DZ Bank. "Die deutsche Wirtschaft hängt weiterhin einseitig am Export. Sobald der Euro steigt, ist es mit dem Aufschwung vorbei."
"Wir sind jetzt zurück auf dem Abwärtstrend", sagt Ralph Solveen von der Commerzbank. "Die Wirtschaft wird an Fahrt verlieren."
wal/ddp/dpa/Reuters
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH