Aus Bochum berichtet Anne Seith
Bochum - Eigentlich kann Christina Hetfeld schon jetzt nicht mehr. "Es ist hart", kann die Betriebsrätin gerade noch sagen, dann muss sie die Tränen wegwischen.
Es dauert einige Zeit, bis sie wieder sprechen kann.
Vier Monate steht sie jetzt schon fast täglich im "Soli-Zelt", oft von früh morgens bis spät in die Nacht. Sie hat informiert, Plakate aufgehängt, Kaffee gekocht, Veranstaltungen organisiert, Kollegen zugehört. Doch dieser Freitag ist vielleicht der schlimmste.
Es ist der letzte Arbeitstag für die meisten der 2300 Mitarbeiter im Nokia-Werk in Bochum. Seit 5 Uhr morgens bekommen sie schichtweise die Freistellungsbescheinigungen in die Hände gedrückt, geben ihre Werksausweise ab, dann die Spindschlüssel und Kittel. In kleinen Grüppchen kommen sie dann aus dem Haupttor, viele haben Plastik- oder Jutetüten in der Hand mit den letzten Habseligkeiten ihres Jobs.
"Das ist das einzige, was ich mitnehmen durfte", sagt eine, zieht ein paar ausgetretene Clogs aus dem Beutel. Es sind die Sicherheitsschuhe, die elektrische Ladung ableiten. Sie streckt sie den Fotografen entgegen und guckt sie an wie Relikte aus einer anderen Zeit.
Gestandene Männer haben Tränen in den Augen
"Komm her", sagt Christina Hetfeld immer wieder, drückt und umarmt und versucht, ein fröhliches Gesicht aufzusetzen. Wenn die Tränen wiederkommen, dreht sie sich schnell um oder zündet sich die nächste Zigarette an.
Viele hier kennt sie seit einer Ewigkeit: Der typische Nokianer arbeitet schon 10 oder 20 Jahre im Werk. Auch die 43-Jährige kam gleich nach der Schule zur Ausbildung, damals wurden hier noch Fernseher gebaut. "Ich kenn nix anderes", sagt sie und schaut auf die andere Straßenseite. Dort hängen DIN-A4-Fotos der Mitarbeiter am Zaun und ein Banner: "Jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht."
Viele Bilder haben sich inzwischen gelöst. Sie liegen auf dem Boden verteilt.
Viele Mitarbeiter wirken nach dem letzten Gang in die Fabrik derart geschockt, als hätten sie gerade erst von ihrer Entlassung erfahren. Männer breit wie Bären fahren sich hilflos durch die Haare, haben Tränen in den Augen.
"Als das hier gut lief vor elf, zwölf Jahren, haben alle Kinder gekriegt und Häuser gekauft", sagt einer. Von der Kampfstimmung der vergangenen Wochen ist nicht viel übrig.
Dabei hatte die Ankündigung, die Handy-Produktion werde nach Rumänien verlegt, einen Aufruhr hervorgerufen, der seinesgleichen sucht. Vor allem weil Nokia aus Sicht der Mitarbeiter so skrupellos vorging: Vom Aus des Werks erfuhren sie im Januar aus den Medien. "Morgens bekam ich einen Anruf, bei der Arbeit, da habe ich mal ins Internet geschaut", sagt einer. Da stand es dann schon. "Die Finnen" hätten sich erst später am Tag zu einer Info-Veranstaltung bequemt. "Mit extra Sicherheitspersonal", erinnert sich ein anderer. "So Leute mit dunklen Anzügen und Funkknopf im Ohr."
Niemand hatte etwas geahnt. 2007 hatte der Konzerngewinn bei 7,2 Milliarden Euro gelegen. In Bochum wurden Sonderschichten geschoben wegen der hohen Nachfrage.
"Wir haben schon diese dicken Telefone fürs Auto gebaut!"
Das sei das Schlimmste, sagt Betriebsrätin Hetfeld: Dieser Umgang nach all den Jahren - und das, obwohl viele genau wie sie schon 1989 da waren, als Nokia mit der Handy-Produktion überhaupt erst anfing. "Wir haben schon diese dicken Telefone fürs Auto gebaut, mit den Koffern. Wir haben dem Baby das Laufen beigebracht."
Ein paar Tage war die Belegschaft wie gelähmt, nachdem Nokia seine Pläne angekündigt hatte. Dann begann der Kampf - und die ganze Republik schien mitzumachen.
Tausende kamen zu Demonstrationen und bildeten im Februar eine Lichterkette um das Werk. Supermärkte spendeten Getränke für Malaktionen oder Info-Veranstaltungen, Baumärkte Bastelmaterial. Zu dem "Soli-Zelt", das der Betriebsrat vor dem Werk aufstellte, kamen fast täglich Nachbarn mit Proviant: "Ein älterer Herr brachte regelmäßig einen Kringel Fleischwurst vorbei", sagt Hetfeld. Ihr Betriebsratkollege Frank Schubert: "Daran werde ich mich mein Leben lang erinnern."
Minister verbannten ihre Nokia-Handys und drohten mit Klage
Und natürlich fand auch die Politik große Worte. Bundesminister verbannten Nokia-Handys, empörten sich über den "Karawanenkapitalismus". Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) kam mit dem Hubschrauber angeflogen und schmähte Nokia als "Subventionsheuschrecke". Die Konzernführung werde sich ihm stellen müssen. Seine Wirtschaftsministerin Christa Thoben forderte 41 Millionen Euro an Fördergeldern zurück, mit Zins und Zinseszins, drohte mit rechtlichen Schritten. Nokia habe die abgegebenen Jobgarantien nicht eingehalten. Auch die Bundesregierung schaltete sich ein.
Nach seinem ersten Besuch "ward Rüttgers freilich nicht mehr gesehen", sagt Betriebsrat Schubert bitter. Und im nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium hat man erst mal nachgerechnet, berichtete das "Handelsblatt": Allein die Anwaltskosten würden sich bei einem Rechtsstreit wohl auf rund 800.000 Euro belaufen. Thobens Mannen verhandeln deshalb doch lieber weiter - obwohl Nokia eine Frist zur Rückzahlung der Gelder schon ungerührt verstreichen ließ. Am Ende wird der finnische Konzern wohl einen zweistelligen Millionenbetrag an die Förderstiftung Wachstum für Bochum zahlen.
Im Prinzip habe sich nach dem ersten Aufruhr nur noch die Linke wirklich gekümmert, sagt Betriebsrat Schubert. "Ich habe von denen ja früher wenig gehalten", sagt er. Das habe sich jetzt ein wenig geändert.
Keine Zeit für Lehren zum Arbeitskampf
An diesem Tag sind auch die Linken nicht mehr gekommen. Nur noch zwei Mitglieder von der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD) haben einen Stand aufgebaut. Doch für die Flugblätter und Lehrbücher zum Arbeiterkampf interessiert sich niemand. Die Leute haben ganz andere Fragen. Einen Sozialplan über 200 Millionen Euro hat der Betriebsrat mit Nokia immerhin verhandelt - ursprünglich soll der Konzern nur 70 Millionen geboten haben.
Aber wie viel bedeutet das konkret für jeden einzelnen? Die Rede war von durchschnittlich rund 83.000 Euro, doch Genaues weiß noch niemand.
Und was, wenn man sich für den Eintritt in die geplante Transfergesellschaft und ihre Vermittlungs- und Weiterbildungsangebote entscheidet? Und vor allem: Wird man jemals wieder einen neuen Job finden?
Bei dem Blackberry-Hersteller RIM, der bald in Bochum ein Entwicklungszentrum eröffnen will, werden allenfalls die Ingenieure des Werks unterkommen. Viele sind aber ungelernt, oder sie haben Fernseh- und Radiotechniker gelernt, wie Hetfeld. Ein Beruf, der heute kaum noch gefragt ist.
Hetfeld hofft auf neue Investoren auf dem Nokia-Gelände. Gerüchten zufolge soll eine Solarfirma Interesse gezeigt haben. Ansonsten verschiebt sie die Frage auf später: "Erst die Kollegen", sagt sie.
Es klingt, als wäre sie auch ein bisschen dankbar dafür.
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