04. August 2008, 14:12 Uhr

Wall-Street-Krise

New Yorks Wirtschaft rutscht ab

Von Marc Pitzke, New York

Highlife war gestern: Die Malaise an der Wall Street reißt New Yorks Wirtschaft mit in die Krise. Banker fürchten um ihre Boni und die Stadtpolitiker um ihren Haushalt. Die Finanzlage ist schlimmer als nach dem 11. September 2001. Bürgermeister Bloomberg schlägt Alarm.

Neulich, in der Filiale des Juweliers Tiffany's an der Wall Street: Durch die Riesenfenster strahlt die Sonne in den hohen, hellen Verkaufssaal, der früher eine Bankhalle war. In der Auslage glitzern ein Armband aus Sterlingsilber (275 Dollar), eine Perlenkette (800 Dollar), tropfenförmige Goldohrringe, 18 Karat (850 Dollar) und - als Krönung - die Armbanduhr mit Diamanten (8100 Dollar). Ein paar Bedienungen stehen einladend an der Freitreppe. Doch kein Kunde lässt sich blicken.

Skyline von New York: Droht der größte Gehaltssturz in der Geschichte der Wall Street?
AP

Skyline von New York: Droht der größte Gehaltssturz in der Geschichte der Wall Street?

Die Tristesse verwundert kaum. Tiffany's vermeldete im vergangenen Quartal zwar weltweit ein Umsatzplus von zwölf Prozent. Doch den Zuwachs verdankte der Edeljuwelier hauptsächlich dem Überseegeschäft. In den US-Filialen dagegen stagnierte das Schmuckverkauf. Schon stufen erste Analysten die Firma herunter, mit schlechter Prognose für den Rest des Jahres. Der Grund, so Merrill-Lynch-Expertin Lorraine Maikis in einer Studie: "Entlassungen an der Wall Street und schlechte Investment-Leistung." Das ziehe nun auch Tiffany's "Highend-Stammkundschaft" in Mitleidenschaft.

Und nicht nur die. Wenn die Wall Street schnieft, hustet ganz New York - von unten bis oben. Das beginnt bei den Schuhputzern im U-Bahnhof Fulton Street, wo die Broker in der Mittagspause ihr Fußleder polieren lassen, und endet in Tiffany's allerneuester Dependance, die erst im vorigen Oktober direkt um die Ecke von der Börse eröffnete.

Schlechtes Timing, kann man da nur sagen. Im ersten Quartal 2008 fuhren die New Yorker Finanzfirmen Verluste in Höhe von fast 23 Milliarden Dollar ein. Allein im Juni verloren 4300 Menschen an der Wall Street ihre Jobs.

New Yorks Wirtschaft hing schon immer am Tropf der Börse, die fast ein Viertel aller Gehälter der Stadt und 27 Prozent der Steuern produziert. Jede Erschütterung im Finanzsektor trifft denn auch Gastronomie, Einzelhandel, Dienstleistungen und den Immobilienmarkt.

Eigentlich haben sich die Leute längst daran gewöhnt. Diese gemeinsame Achterbahnfahrt, sie gehört dazu. Doch noch nie in jüngster Zeit ging es so steil bergab wie jetzt.

Dank der Kreditkrise rechnet New York City dieses Jahr mit dem größten Gehaltssturz in der Geschichte der Wall Street - und in Folge dessen mit einem gigantischen kommunalen Haushaltsloch. Die Gehälter und Bonusausschüttungen der Investmentbanken, so fürchten die Rechenkünstler in den Geldtürmen nämlich, dürften 2008 um mehr als 18 Milliarden Dollar niedriger ausfallen als im Vorjahr.

Schon die Halbjahreszahlungen lagen 9,5 Milliarden Dollar unter dem Vorjahreswert. Die Lage ist damit schlimmer als nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Damals schrumpften die Bezüge der Wall-Street-Banker um rund 6,5 Milliarden Dollar.

Die Bonusmisere ist der schmerzhafteste Verlust für die Banker: Im Schnitt betragen diese an die Leistung der Firma und des Mitarbeiters gekoppelten Zahlungen bisher 60 Prozent der Gesamtbezüge. "New Yorks finanzielle Zukunft", so das Wirtschaftsblatt "Crain's", "sieht düster aus."

Straßen, Brücken und Tunnel auf der Verkaufsliste

Die politisch Verantwortlichen sehen es nicht anders: New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg und David Paterson, der Gouverneur des Bundesstaates, haben Alarm geschlagen. Bloomberg verhängte sofort eine kommunale Ausgabensperre. "Die Lücken sind einfach zu groß", klagte er. Für das Jahr 2010 prophezeit Bloomberg ein Defizit von 2,3 Milliarden Dollar, für 2011 werden es 5,2 Milliarden Dollar sein und 2012 liegt der Wert bei 5,1 Milliarden Dollar. Dabei rechnet Bloomberg noch konservativ. Die finanzielle Erblast freilich überlässt er seinem Nachfolger.

Während sich die Ökonomen landesweit noch streiten, ob eine Rezession herrsche, hat Gouverneur Paterson daran keinen Zweifel: Paterson schätzt, dass die Wall-Street-Bezüge dieses Jahr um 20 Prozent schrumpfen werden - und dass das den Staat fast zwei Milliarden Dollar an Steuereinnahmen kosten könnte. Der Gouverneur hielt jüngst eine Fernsehansprache. Bei dieser Gelegenheit kündigte er an, staatliche Straßen, Brücken und Tunnel womöglich an Investoren abzugeben, um die leeren Kassen aufzufüllen.

Äußerlich ist das der Stadt kaum anzumerken. Überall wird gebaut. Doch vieler dieser neuen Retorten-Wolkenkratzer sind mit ausländischem Geld finanziert, vor allem aus dem Nahen Osten. Andere Großprojekte stürzen in die Krise. Etwa die Neubebauung von Ground Zero: Die hinkt inzwischen, wie die Behörden jetzt zugeben mussten, um Jahre hinter dem Plan hinterher - und wird mehrere Milliarden Dollar teurer als erwartet. Dann verabschiedete sich aus Finanznot auch noch der Hauptpächter, die Investmentbank Merrill Lynch - womit sich das Defizit noch vergrößerte.

New Yorks Immobilienmarkt, lange immun gegen die Krise, "kühlt sich langsam ab", warnt Bloomberg. Die Grundsteuereinnahmen für Gewerbeimmobilien sind im ersten Halbjahr 2008 um die Hälfte zurückgegangen. Eigentumswohnungen lassen sich nur noch schwierig verkaufen. Und es geht weiter abwärts. Bill Staniford, Chef der Immobilien-Website PropertyShark.com, rechnet damit, dass die Immobilienpreise in Manhattan nächstes Jahr um bis zu 20 Prozent einbrechen könnten.

Und so macht die Krise einstige Helden zu Aussätzigen. Gestern waren die Börsianer noch heiß umworbene Kunden - fast ein Drittel der New Yorker Immobilien gingen bisher an Wall-Street-Klienten. Heute rümpfen Hypothekenbanken, Makler und Eigentümerversammlungen die Nase über die gestürzten "Masters of the Universe", denen plötzlich die Kreditwürdigkeit abhanden gekommen ist.

"Fast über Nacht", schreibt das Luxusmagazin "Trader Monthly", "sind Investmentbanker von Manhattans aggressivsten Wohnungskäufern zu Parias geworden".


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