Von Tobias Lill
Madrid – Seit August ist der Süden Spaniens um ein Sonnenkraftwerk reicher. In nicht einmal drei Monaten hatten knapp 400 Arbeiter im Auftrag des Düsseldorfer Energieunternehmens Systaic den Solarpark in Belmez errichtet. Rund 35 Hektar misst die 68 Millionen Euro teure Anlage und erreicht damit die Größe von 50 Fußballfeldern. Das Ökokraftwerk kann rund 5000 Haushalte mit Strom versorgen. "Spanien bietet bislang gute Bedingungen, weshalb wir uns dort schon länger engagieren", begründet Vorstand Hans-Jörg Hölzenbein das Engagement.
Spanischer Solar-Park (bei Alicante): Leistung von 425 Megawatt installiert
So generierte etwa der Berliner Branchenriese Solon 2007 nach eigenen Angaben bereits rund 40 Prozent seines Umsatzes auf dem spanischen Markt. "Der Anteil am operativen Ergebnis ist bei Solon sogar noch deutlich größer", weiß Patrick Hummel, Analyst bei UBS. Er geht davon aus, dass die deutschen Solarunternehmen in diesem Jahr etwa 30 bis 60 Prozent ihres Umsatzes im iberischen Sonnenparadies erzielen.
Vor allem die bislang großzügige Förderpolitik macht Spanien zum weltweit zweitgrößten Markt für Sonnenenergie. Fünf der zehn größten Photovoltaik-Kraftwerke stehen dort. Laut dem europäischen Solarindustrieverband Epia wurden im Jahr 2007 Module mit einer Leistung von 425 Megawatt installiert. Damit ging fast ein Fünftel der weltweiten Nachfrage auf die Iberer zurück. Von SPIEGEL ONLINE befragte Analysten gehen für 2008 sogar von einem Zuwachs von 1 bis 1,2 Gigawatt installierter Leistung aus.
Doch der Sonnen-Boom neigt sich seinem Ende. Weil vor allem ausländische Firmen davon profitieren und Spaniens Strompreise explodieren, will die Regierung von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero den subventionierten Aufschwung nun stoppen. Sie plant, die Einspeisevergütung spätestens zum Jahresende um bis zu 35 Prozent zu senken und die jährlich neu installierten geförderten Solaranlagen auf insgesamt 300 Megawatt zu beschränken. Wenn eine Höchstgrenze kommt, wäre das laut Analyst Zank "eine kleine Katastrophe für die Branche".
"Der Umsatz der Solarfirmen auf dem spanischen Markt würde 2009 wegen der Deckelung im Vergleich zu diesem Jahr um mehr als zwei Drittel einbrechen", prognostiziert Benedikt Ortmann, Geschäftsführer der auf Planung und Bau von Solarparks spezialisierten Solon-Tochter Solon Solar Investments GmbH. Und das, obwohl die geplante Einspeisevergütung mit 33 Cent pro Kilowattstunde für Dachanlagen und 29 Cent für Solarparks noch immer ansehnlich ist.
Projekte müssen auf den Prüfstand
Noch ist das Gesetz zwar nicht beschlossen. Doch dass eine Begrenzung auf 300 Megawatt und eine erhebliche Kürzung kommen werden, halten viele von SPIEGEL ONLINE befragte Experten wie etwa Georg Abegg, Leiter der Wirtschaftskanzlei Rödl & Partner in Madrid, für äußerst wahrscheinlich. "Geplante Projekte müssen dringend auf den Prüfstand", empfiehlt er.
Die Gewinnmargen der meisten deutschen Anbieter werden wegen der neuen Fördergrenzen nach Einschätzung von Analyst Hummel sinken. "Es wird mit Sicherheit keine Rezession in der Branche geben, aber wohl eine Konsolidierungsphase. Manche werden sich behaupten können, andere werden den härteren Wettbewerb wohl kaum überleben", prognostiziert der Experte.
Bei den Unternehmen stellt man sich bereits auf einen schrumpfenden spanischen Markt ein. So will Q-Cells, das im ersten Halbjahr mehr als ein Fünftel seines Umsatzes in Spanien erwirtschaftete, auf verstärkte Exporte nach Nordamerika und Asien setzen. "Dadurch können wir eventuelle Rückgänge in Spanien ausgleichen", versichert ein Sprecher. Solon rechnet ebenfalls mit einem nachlassenden Geschäften in Spanien. Und auch Geschäftsführer Ortmann will die Rückgänge mit Zuwächsen in anderen Ländern kompensieren, insbesondere in Italien.
Doch Experten sind skeptisch. "Auch wenn die Unternehmen das behaupten. Es existieren keine Massenmärkte, die den Rückgang in Spanien abfedern könnten", weiß WestLB-Analyst Zank. Vor allem Italien wird von den Unternehmen oft als neues Mekka der Sonnenhungrigen gefeiert. Doch die tatsächlichen Zuwächse können auch wegen bürokratischer Hindernisse nicht einmal ansatzweise mit den Erwartungen der Branche mithalten.
Deutschland als "Abladehalde für Solarmodule"
2007 betrug die neu installierte Leistung dort gerade einmal 50 Megawatt. Zank schätzt, dass in diesem Jahr 60 Megawatt und im Jahr 2009 voraussichtlich 200 Megawatt hinzukommen werden. "Das ist nur ein Bruchteil dessen, was in Spanien wegbrechen dürfte", erklärt der Analyst. Auch der US-Markt bleibt bislang unter den Erwartungen. "Hier hängt viel von den politischen Rahmenbedingungen ab", sagt UBS-Analyst Hummel. Allerdings hat sich der Senat kürzlich gegen eine stärkere Förderung ausgesprochen.
Hummel geht davon aus, dass im Falle eines Wegbrechens des spanischen Marktes die deutschen und asiatischen Hersteller noch stärker versuchen könnten, ihre Produkte auf dem hiesigen Markt abzusetzen. Die Bundesrepublik könne leicht zur "Abladehalde für Solarmodule" avancieren. Hummel schätzt, dass in Deutschland im nächsten Jahr zwei bis drei Gigawatt neu installiert werden. 2007 waren es laut dem Bundesumweltministerium noch 1,1 Gigawatt.
"Das könnte für den heimischen Stromkunden teuer werden", warnt der UBS-Analyst. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) schreibt die Vergütungssätze für 20 Jahre fest. Das bedeutet: Eine heute errichtete Solaranlage verursacht auch in 20 Jahren noch Kosten. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung beziffert diese Last auf über 20 Milliarden Euro - allein für die bis Ende 2007 installierten Module.
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH