Hamburg - Wenn sich die Wall Street erkältet, bekommt der Rest der Welt einen Schnupfen. Aber was passiert, wenn der wichtigste Finanzplatz der Welt einen schwere Lungenentzündung hat?
Textilproduktion im chinesischen Suining: Die Kreditkrise gefährdet die Exportwirtschaft der Volksrepublik.
Golfstaaten: 300 Milliarden Petrodollar sind futsch
Saudischer Investor Prinz Walid Bin Talal: Viele Öl-Dollars in US-Firmen investiert.
"Die US-Bankenkrise dämpft das Wachstum und damit die Nachfrage nach Öl. Das wird dazu führen dass die Einnahmen (der Golfstaaten) massiv abstürzen", sagt Said al-Scheich, Chefökonom der saudi-arabischen National Commercial Bank.
Auch jenes Geld, dass die Ölnationen in den guten Jahren verdient haben, ist nicht sicher. Die Staatsfonds der Golfstaaten zählen zu den wichtigsten globalen Investoren und halten Wertpapiere im Wert von etwa 1,5 Billionen Dollar.
Wegen des Börsencrashs hat dieses Portfolio nach Berechnungen des kuweitischen Ökonomen Hadisch Bukhur bereits im vergangenen Jahr 30 Prozent seines Wertes eingebüßt - der Löwenanteil der Ölgewinne aus den vergangenen Jahre ist damit im Prinzip pfutsch.
Zuletzt hatten die Emirate und Kuwait mehr als zwölf Milliarden Dollar in angeschlagene US-Banken investiert - Geld, dass die Staatsfonds wohl komplett abschreiben können.
hil/AFP
Russland: Der Kreml macht die Börse dicht
Nach dem Georgien-Krieg hatten verunsicherte Investoren begonnen, massiv Geld aus Russland abzuziehen - die erneuten Turbulenzen an der Wall Street haben die bereits geschwächte Moskauer Börse nun vollends ins Chaos gestürzt. Der Aktienhandel wurde auf Anordnung des russischen Finanzministers Alexej Kudrin bis Freitag ausgesetzt. Zuvor hatte es tagelang massive Kursverluste gegeben.
Gaspipeline: Sinkende Rohstoffpreise machen Russland zu schaffen.
Noch vor wenigen Tagen hatte Premierminister Wladimir Putin Russland als "ruhigen Hafen" im globalen Börsensturm bezeichnet. Medwedew spricht inzwischen bereits ganz offen von einer "Wirtschaftskrise".
hil/dpa
Brasilien: Angst vor dem Zuckerschock
Wegen der Furcht vor einer globalen Rezession infolge der Finanzkreise sind die Preise für Rohstoffe seit Wochen rückläufig - und das ist schlecht für Brasilien. Ölderivate, Zucker und Sojabohnen gehören zu den wichtigsten Exportgütern des südamerikanischen Landes.
Zuckerrohr-Schneider in Guariba: Sinkende Rohstoffpreise, weniger Investments in neue Anbauflächen.
hil/AFP
Frankreich: Krise? Welche Krise?
Der Präsident gibt sich "cool", vorläufig jedenfalls. Nicolas Sarkozy, der sonst keine Gelegenheit auslässt sich als umtriebiger Krisenmanager zu profilieren, hat zur weltweiten Finanzkrise bislang noch kein Wort gesagt. Während Opposition, Regierungsmitglieder und Parteifreunde ein deutliches Wort des Staatschefs zum internationalen Einbruch von Börsen und Banken fordern, vertröstete der Elysée die Politiker und Experten gleich eine ganze Woche.
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy: Die Krise hat bis kommende Woche Zeit.
Auch Wirtschaftsministerin Christine Lagarde verfolge die Entwicklung, verriet Chatel, habe sich die Expertin "mit einer gewissen Zahl von europäischen Kollegen" unterhalten. Was nur bedeuten kann: An Frankreich wird die Finanzkrise vorbeiziehen wie einst die radioaktiven Wolken nach der Explosion des Atomreaktors in Tschernobyl 1986. Und derweil eben wacht Madame Lagarde "Tag und Nacht". Das Motto ist ausgegeben: Nur keine Bange machen.
Stefan Simons, Paris
China: Schlechter Start des Weihnachtsgeschäfts
Einige von Chinas Banken müssen wegen der Pleite der US-Bank Lehman Brothers Abschreibungen tätigen - dennoch reagieren Börsianer eher gelassen: "Chinas Finanzmarkt ist nicht vollständig liberalisiert", sagt Jing Ulrich, die Chefin des Aktienhandels von JP Morgan Securities in China, "deshalb gibt es nur indirekte Auswirkungen auf den Finanzsektor".
Vasenproduktion in Heking, Provinz Yunnan: Angst vor dem US-Konsumentenstreik
Damit, befürchten Beobachter, ist nun möglicherweise Schluss. Kurz vor dem wichtigsten Weihnachtsgeschäft könnten die Exporte schwächeln. "China wird den Preis zahlen", barmte die "South China Morning Post".
Was für chinesische Produzenten von Spielzeug, Textilien oder Unterhaltungselektronik eine wirtschaftliche Katastrophe wäre, wirkt aus deutscher Sicht indes wie Elend auf hohem Niveau; im kommenden Jahr dürfte die chinesische Wirtschaft wegen der US-Delle nur noch um neun Prozent wachsen.
hil/Reuters/Xinhua
Großbritannien: Die Krise könnte die Regierung hinwegfegen
Mit keinem anderen Finanzplatz ist New York so eng verknüpft wie mit der Londoner City - entsprechend sind die Auswirkungen der Wall-Street-Krise auf Großbritanniens Wirtschaft besonders gravierend. Mit Northern Rock und HBOS sind bereits zwei Finanzinstitute beinahe kollabiert, die Londoner Dependancen von Lehman Brothers oder Bear Stearns werden wohl Tausende Banker entlassen.
Notenbank-Chef Mervyn King rechnet damit, dass die Inflation in diesem Jahr auf fünf Prozent steigt. Die Briten frösteln angesichts der dramatischen Preisanstiege: Strom plus 16 Prozent, Nahrungsmittel plus 13 Prozent. Parallel dazu stürzen die Immobilienpreise ab - wodurch das Vermögen von Hausbesitzern weiter zusammenschmilzt.
Die Finanzkrise könnte der Labour-Regierug den Garaus machen. Einer neuen Umfrage des Instituts Ipsos-Mori zufolge würden inzwischen 52 Prozent der Wahlberechtigten für die Konservativen stimmen - aber nur noch 24 Prozent für die Partei von Regierungschef Gordon Brown. Es ist der größte Abstand zwischen den beiden Parteien, der je von Ipsos-Mori gemessen wurde.
hil/Reuters
Indien: Ohne Wall Street keine UMTS-Handys
Indiens Finanzminister Palaniappan Chidambaram sieht keinen Grund, seine Wachstumsprognose von acht Prozent nach unten zu korrigieren. Dennoch hat die US-Finanzkrise die Bürger des Landes verunsichert: Die von der US-Regierung vor dem Kollaps gerettete Versicherungsgruppe AIG ist - über eine Beteiligung an dem Joint Venture Tata-AIG - einer der wichtigsten Versicherer des Landes, bei dem viele Menschen Lebensversicherungen abgeschlossen haben.
Telefonierender Inder: Die bevorstehenden UMTS-Auktion muss ohne Lehman und Konsorten abgewickelt werden.
hil/Reuters
Japan: Lehmans Gläubiger sitzen in Tokio
Einige der größten Gläubiger der insolventen US-Investmentbank Lehman sitzen in Japan. Entsprechend gehörten die Großbanken Mizuho, Mitsubishi und Sumitomo Mitsui in den vergangenen Tagen zu den Verlieren an der Tokioter Börse.
Toyota-Produktion: Absatzziele wegen der US-Krise deutlich zurückgestutzt.
hil/Reuters
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH