18. September 2008, 18:28 Uhr

Schockwellen der Finanzkrise

Überall ist Wall Street

Es ist eine Kettenreaktion mit unabsehbaren Folgen: Weil mit der Wall Street das wichtigste globale Finanzzentrum kollabiert, gerät die Wirtschaft weltweit ins Schlingern. Ob Brasilien, Japan oder Frankreich - überall werden gravierende Auswirkungen auf die Konjunktur befürchtet.

Hamburg - Wenn sich die Wall Street erkältet, bekommt der Rest der Welt einen Schnupfen. Aber was passiert, wenn der wichtigste Finanzplatz der Welt einen schwere Lungenentzündung hat?

Textilproduktion im chinesischen Suining: Die Kreditkrise gefährdet die Exportwirtschaft der Volksrepublik.
REUTERS

Textilproduktion im chinesischen Suining: Die Kreditkrise gefährdet die Exportwirtschaft der Volksrepublik.

Nachdem die Börsen in Tokio, Hongkong oder Frankfurt in den vergangenen Tagen massiv einbrachen, werden nun allmählich die langfristigen realwirtschaftlichen Auswirkungen der Krise deutlich. Ob chinesische Sockenhersteller oder brasilianische Zuckerrohrbauern - alle sind betroffen. SPIEGEL ONLINE gibt eine Überblick über die Situation in wichtigen Länder:

Golfstaaten: 300 Milliarden Petrodollar sind futsch

Saudischer Investor Prinz Walid Bin Talal: Viele Öl-Dollars in US-Firmen investiert.
REUTERS

Saudischer Investor Prinz Walid Bin Talal: Viele Öl-Dollars in US-Firmen investiert.

Das Bankensystem der Golfstaaten gilt als relativ stabil - dennoch dürfte der Kollaps der Wall Street massive Auswirkungen auf die Volkswirtschaften von Bahrein, Kuweit, Oman, Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben.

"Die US-Bankenkrise dämpft das Wachstum und damit die Nachfrage nach Öl. Das wird dazu führen dass die Einnahmen (der Golfstaaten) massiv abstürzen", sagt Said al-Scheich, Chefökonom der saudi-arabischen National Commercial Bank.

Auch jenes Geld, dass die Ölnationen in den guten Jahren verdient haben, ist nicht sicher. Die Staatsfonds der Golfstaaten zählen zu den wichtigsten globalen Investoren und halten Wertpapiere im Wert von etwa 1,5 Billionen Dollar.

Wegen des Börsencrashs hat dieses Portfolio nach Berechnungen des kuweitischen Ökonomen Hadisch Bukhur bereits im vergangenen Jahr 30 Prozent seines Wertes eingebüßt - der Löwenanteil der Ölgewinne aus den vergangenen Jahre ist damit im Prinzip pfutsch.

Zuletzt hatten die Emirate und Kuwait mehr als zwölf Milliarden Dollar in angeschlagene US-Banken investiert - Geld, dass die Staatsfonds wohl komplett abschreiben können.

hil/AFP

Russland: Der Kreml macht die Börse dicht

Nach dem Georgien-Krieg hatten verunsicherte Investoren begonnen, massiv Geld aus Russland abzuziehen - die erneuten Turbulenzen an der Wall Street haben die bereits geschwächte Moskauer Börse nun vollends ins Chaos gestürzt. Der Aktienhandel wurde auf Anordnung des russischen Finanzministers Alexej Kudrin bis Freitag ausgesetzt. Zuvor hatte es tagelang massive Kursverluste gegeben.

Gaspipeline: Sinkende Rohstoffpreise machen Russland zu schaffen.
AP

Gaspipeline: Sinkende Rohstoffpreise machen Russland zu schaffen.

Sorge bereitet Beobachtern auch, dass eine globale Rezession die Preise für Öl und Gas drücken könnte, Russlands wichtigste Exportartikel. Präsident Dmitrij Medwedew wies die Regierung auf einer Krisensitzung an, über eine zusätzliche Hilfe für die Finanzmärkte in Höhe von 500 Milliarden Rubel (13,8 Milliarden Euro) zu entscheiden. Die Hälfte der Summe müsse sofort aus dem Haushalt bereitgestellt werden.

Noch vor wenigen Tagen hatte Premierminister Wladimir Putin Russland als "ruhigen Hafen" im globalen Börsensturm bezeichnet. Medwedew spricht inzwischen bereits ganz offen von einer "Wirtschaftskrise".

hil/dpa

Brasilien: Angst vor dem Zuckerschock

Wegen der Furcht vor einer globalen Rezession infolge der Finanzkreise sind die Preise für Rohstoffe seit Wochen rückläufig - und das ist schlecht für Brasilien. Ölderivate, Zucker und Sojabohnen gehören zu den wichtigsten Exportgütern des südamerikanischen Landes.

Zuckerrohr-Schneider in Guariba: Sinkende Rohstoffpreise, weniger Investments in neue Anbauflächen.
AFP

Zuckerrohr-Schneider in Guariba: Sinkende Rohstoffpreise, weniger Investments in neue Anbauflächen.

Ökonomen erwarten, dass sich das Wirtschaftswachstum 2009 deshalb abschwächt. Zudem wird es nach Einschätzung der Beratungsfirma Datagro für Agrarbetriebe schwieriger, neues Land für den Anbau zu erschließen - denn Investments für große Zuckerrohrplantagen werden in der Regel über die internationalen Finanzmärkte finanziert.

hil/AFP

Frankreich: Krise? Welche Krise?

Der Präsident gibt sich "cool", vorläufig jedenfalls. Nicolas Sarkozy, der sonst keine Gelegenheit auslässt sich als umtriebiger Krisenmanager zu profilieren, hat zur weltweiten Finanzkrise bislang noch kein Wort gesagt. Während Opposition, Regierungsmitglieder und Parteifreunde ein deutliches Wort des Staatschefs zum internationalen Einbruch von Börsen und Banken fordern, vertröstete der Elysée die Politiker und Experten gleich eine ganze Woche.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy: Die Krise hat bis kommende Woche Zeit.
AP

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy: Die Krise hat bis kommende Woche Zeit.

Erst nächsten Donnerstag - so jedenfalls der aktuelle Stand - will sich Sarkozy mit einer programmatischen Rede 45 Minuten lang zu Wirtschaft, Haushalt und Reformplänen äußern. Solange muss sich die Nation gedulden. Zunächst wird die Ministerriege zur Besänftigung an die Finanzfront geschickt: Luc Chatel, Staatsekretär für Verbraucher und Industrie und zugleich Sprecher der Regierung verkündete am Mittwoch, das französische Bankensystem sei "gesund" und gewappnet die "Kettenreaktion der Kräche" abzufedern.

Auch Wirtschaftsministerin Christine Lagarde verfolge die Entwicklung, verriet Chatel, habe sich die Expertin "mit einer gewissen Zahl von europäischen Kollegen" unterhalten. Was nur bedeuten kann: An Frankreich wird die Finanzkrise vorbeiziehen wie einst die radioaktiven Wolken nach der Explosion des Atomreaktors in Tschernobyl 1986. Und derweil eben wacht Madame Lagarde "Tag und Nacht". Das Motto ist ausgegeben: Nur keine Bange machen.

Stefan Simons, Paris

China: Schlechter Start des Weihnachtsgeschäfts

Einige von Chinas Banken müssen wegen der Pleite der US-Bank Lehman Brothers Abschreibungen tätigen - dennoch reagieren Börsianer eher gelassen: "Chinas Finanzmarkt ist nicht vollständig liberalisiert", sagt Jing Ulrich, die Chefin des Aktienhandels von JP Morgan Securities in China, "deshalb gibt es nur indirekte Auswirkungen auf den Finanzsektor".

Vasenproduktion in Heking, Provinz Yunnan: Angst vor dem US-Konsumentenstreik
REUTERS

Vasenproduktion in Heking, Provinz Yunnan: Angst vor dem US-Konsumentenstreik

Größere Probleme könnte dem Land eine längere Rezession in den USA bereiten. In den vergangenen Jahren hatten amerikanische Konsumenten ihrer Kauflust freien Lauf gelassen und der Exportnation China damit immer neue Wachstumsrekorde beschert.

Damit, befürchten Beobachter, ist nun möglicherweise Schluss. Kurz vor dem wichtigsten Weihnachtsgeschäft könnten die Exporte schwächeln. "China wird den Preis zahlen", barmte die "South China Morning Post".

Was für chinesische Produzenten von Spielzeug, Textilien oder Unterhaltungselektronik eine wirtschaftliche Katastrophe wäre, wirkt aus deutscher Sicht indes wie Elend auf hohem Niveau; im kommenden Jahr dürfte die chinesische Wirtschaft wegen der US-Delle nur noch um neun Prozent wachsen.

hil/Reuters/Xinhua

Großbritannien: Die Krise könnte die Regierung hinwegfegen

Mit keinem anderen Finanzplatz ist New York so eng verknüpft wie mit der Londoner City - entsprechend sind die Auswirkungen der Wall-Street-Krise auf Großbritanniens Wirtschaft besonders gravierend. Mit Northern Rock und HBOS sind bereits zwei Finanzinstitute beinahe kollabiert, die Londoner Dependancen von Lehman Brothers oder Bear Stearns werden wohl Tausende Banker entlassen.

Notenbank-Chef Mervyn King rechnet damit, dass die Inflation in diesem Jahr auf fünf Prozent steigt. Die Briten frösteln angesichts der dramatischen Preisanstiege: Strom plus 16 Prozent, Nahrungsmittel plus 13 Prozent. Parallel dazu stürzen die Immobilienpreise ab - wodurch das Vermögen von Hausbesitzern weiter zusammenschmilzt.

Die Finanzkrise könnte der Labour-Regierug den Garaus machen. Einer neuen Umfrage des Instituts Ipsos-Mori zufolge würden inzwischen 52 Prozent der Wahlberechtigten für die Konservativen stimmen - aber nur noch 24 Prozent für die Partei von Regierungschef Gordon Brown. Es ist der größte Abstand zwischen den beiden Parteien, der je von Ipsos-Mori gemessen wurde.

hil/Reuters

Indien: Ohne Wall Street keine UMTS-Handys

Indiens Finanzminister Palaniappan Chidambaram sieht keinen Grund, seine Wachstumsprognose von acht Prozent nach unten zu korrigieren. Dennoch hat die US-Finanzkrise die Bürger des Landes verunsichert: Die von der US-Regierung vor dem Kollaps gerettete Versicherungsgruppe AIG ist - über eine Beteiligung an dem Joint Venture Tata-AIG - einer der wichtigsten Versicherer des Landes, bei dem viele Menschen Lebensversicherungen abgeschlossen haben.

 Telefonierender Inder: Die bevorstehenden UMTS-Auktion muss ohne Lehman und Konsorten abgewickelt werden.
REUTERS

 Telefonierender Inder: Die bevorstehenden UMTS-Auktion muss ohne Lehman und Konsorten abgewickelt werden.

Die "Times of India" berichtet unterdessen, der Kollaps der US-Investmentbanken könne Auswirkungen auf Indiens Telekom-Unternehmen haben. Der Staat will demnächst Lizenzen für schnelle Mobilfunknetze der dritten Generation versteigern - die Milliardengebote und die Finanzierung solcher Auktionen wurden in der Vergangenheit von Instituten wie Lehman Brothers begleitet. "Das ist der schlechtestmögliche Zeitpunkt für eine solche Auktion", zitiert das Blatt einen Banker.

hil/Reuters

Japan: Lehmans Gläubiger sitzen in Tokio

Einige der größten Gläubiger der insolventen US-Investmentbank Lehman sitzen in Japan. Entsprechend gehörten die Großbanken Mizuho, Mitsubishi und Sumitomo Mitsui in den vergangenen Tagen zu den Verlieren an der Tokioter Börse.

Toyota-Produktion: Absatzziele wegen der US-Krise deutlich zurückgestutzt.
REUTERS

Toyota-Produktion: Absatzziele wegen der US-Krise deutlich zurückgestutzt.

Mittelfristig dürfte jedoch auch Japans Exportindustrie hart von der Finanzkrise getroffen werden. Vor allem die Autoindustrie könnte Schaden nehmen, wenn die USA in die Rezession rutschen; Toyota hat sein US-Absatzziel für 2009 bereits kassiert. Auch Unterhaltungselektronik-Riesen wie Sony könnten zu den Verlierern zählen.

hil/Reuters


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