19. September 2008, 10:17 Uhr

Börsenkrise

US-Regierung plant, Banken Milliardenschulden abzunehmen

Von Marc Pitzke, New York

Sensation in der US-Finanzkrise: Washington will den wankenden Banken laut einem TV-Bericht Schulden von rund 500 Milliarden Dollar abnehmen. Die Wall Street reagierte begeistert. Doch wie diese größte Staatsintervention seit den dreißiger Jahren bewältigt werden soll, bleibt vorerst unklar.

New York - US-Präsident George W. Bush hat eine harte Woche hinter sich. Er bewirtete seinen ghanaischen Amtskollegen John Kufuor mit Maine-Lobster, Ingwer-Lamm und einem Medley aus dem "König der Löwen". Er inspizierte den Schaden des Hurrikans "Ike". Er empfing seinen früheren Irak-Kommandeur, General David Petraeus, und den Präsidenten von Panama, Martín Torrijos. Er würdigte den Tag der US-Verfassung und die Legalisierung des Schusswaffenbesitzes in Washington.

Gemeinsamer Auftritt, als die Finanzkrise noch weniger dramatisch war: George W. Bush, Finanzminister Henry Paulson, Notenbankchef Ben Bernanke im Januar
REUTERS

Gemeinsamer Auftritt, als die Finanzkrise noch weniger dramatisch war: George W. Bush, Finanzminister Henry Paulson, Notenbankchef Ben Bernanke im Januar

Zur Finanzkrise äußerte sich Bush auch - erst am Dienstag, dann am Donnerstag noch einmal. Exakt zwei Minuten lang las er da im Rosengarten des Weißen Hauses tröstende Allgemeinplätze vom Blatt vor und verschwand dann ohne weiteren Kommentar wieder. Fragen waren nicht erwünscht.

Bushs Zurückhaltung während des jüngsten Wall-Street-Dramas ist bezeichnend. Seine Laisser-faire-Finanzpolitik gilt für viele als eine der komplexen Ursachen, die mit zum Kollaps mehrerer großer, traditionsreicher Investmentbanken geführt und das Ende des dualen US-Bankensystems eingeläutet haben - eine Zuspitzung, die bis vor kurzem undenkbar war und die Börsen im Mark erschüttert hat.

Statt Bush haben längst zwei andere das Ruder übernommen: US-Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke. Das wissen vor allem die Börsen: Erst neue, massive Interventionen durch Paulson und Bernanke brachten am Donnerstag wieder Ruhe an die Wall Street. Der Dow-Jones-Index, der seit Montag rund 900 Punkte verloren hatte, erholte sich und schaffte kurz vor Feierabend sogar eine tolle Rallye, um mit 410 Punkten im Plus zu schließen: der größte Tagesgewinn in sechs Jahren - nach dem vorhergehenden größten Tagesverlust in sieben Jahren.

Der Auslöser dieser schwindelerregenden Kehrtwende ist ein weiterer Beweis dafür, dass sich das System derzeit aus eigener Kraft nicht mehr halten kann: Der Kurssprung stützte sich auf Gerüchte über die neueste, beispiellose Rettungsaktion für die US-Finanzbranche - eine staatliche Auffanglösung für Bankenschulden.

Diese Börsengerüchte, die vor allem vom TV-Wirtschaftssender CNBC verbreitet wurden, bestätigten sich am Abend - mit Knalleffekt. Nach einer Krisensitzung mit der US-Kongressführung und beiden Parteien trat Paulson mit Bernanke vor die Kameras und kündigte eine "zügige Lösung" an, um Banken von "illiquiden Aktivposten" zu befreien. Klartext: Washington will der Wall Street alle Giftschulden abnehmen. Der Rettungsplan könnte laut CNBC ein Volumen von 500 Milliarden Dollar haben. Es wäre der umfassendste derartige Staatseingriff seit der Depression - "der größte Umbau des US-Finanzsystems seit den dreißiger Jahren", wie das sonst mit Superlativen eher zurückhaltende "Wall Street Journal" schrieb.

Wie diese exorbitante Auffanglösung genau aussehen soll, ließ Paulson offen: Man werde übers Wochenende "alle Optionen" diskutieren. Damit haben die Protagonisten der Wall Street heute noch mal eine Atempause bekommen, um diese allerneueste Sensation zu verdauen.

Die hochdramatische Maßnahme - die nach weiteren Geldspritzen der Notenbank für die Finanzinstitutionen kommt - zeugt davon, wie brisant die Lage geworden ist. Die historische Auffanglösung solle die "Main Street", also Otto Normalverbraucher, von den windigen Verlustgeschäften der Wall Street abschotten, sagte Nancy Pelosi, die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses.

Denn diese Börsenwoche hat katastrophalen Schaden angerichtet. "Was wir hier erleben", schrieb der Kolumnist Steven Pearlstein in der "Washington Post", "ist die größte Zerstörung finanziellen Vermögens, den die Welt je erlebt hat - Verluste, die auf dem Papier Milliarden Dollar messen."

Der Druck auf Paulson und Co., über die bisherigen Milliardenzusagen hinauszugehen, stieg am Donnerstag fast stündlich. Hier gehe es nicht nur darum, "das Vertrauen in Amerika wiederherzustellen", sagte zum Beispiel Ex-Präsident Bill Clinton in einem CNBC-Interview. Viel Wichtigeres stehe auf dem Spiel: "Amerikas Finanzsystem und die Ersparnisse von Hunderten Millionen Amerikanern."

Die meisten US-Bürger vertrauen auf Aktienfonds, um ihre Renten zu bestreiten, sind von der aktuellen Krise also mit betroffen: "Es gibt keinen Amerikaner", sagte Clinton, "der von dem, was in den letzten zwei Tagen passiert ist, nicht potentiell geschädigt wurde."

Ein Broker: "Nichts wird mehr so sein, wie es war"

Vorbild für die avisierte Massenumschuldung ist nach US-Medienberichten die sogenannte Resolution Trust Corporation (RTC). Das war eine staatliche Auffanggesellschaft, die nach der Spar- und Darlehenskrise der achtziger Jahre hier eingerichtet wurde. Die RTC übernahm damals die Guthaben von mehr als tausend US-Sparkassen, die nach unregulierten Spekulationen untergegangen waren, und liquidierte sie nach Gutdünken - eine Art staatlicher Flohmarkt für private Altlasten.

Wie viel Geld hat die Fed noch in Reserve?

Der Unterschied zu heute: Diesmal rufen Banken um Hilfe, die (noch) nicht kollabiert sind und gerettet werden wollen. Wie das nun konkret aussehen soll, darüber gab es am Donnerstag zunächst nur wilde Spekulationen. Der demokratische Senator Chuck Schumer schlug vor, dass die Regierung als Teilhaber in die betroffenen Firmen investieren könnte, "um ihnen eine stärkere Kapitalbasis zu geben".

Die Frage ist: Wie viel Geld hat die Federal Reserve Bank - die sich erstmals in ihrer Geschichte als derart aktiver Teilnehmer in das Marktgeschehen einmischt - eigentlich noch übrig für solche gigantischen Engagements? Wie weit kann sie sich finanziell noch strecken?

Anfang des Jahres hatte die Fed noch rund 800 Milliarden Dollar in Reserve. Seither soll dieser Topf auf knapp 300 Milliarden Dollar geschrumpft sein. Mit der Ausgabe neuer Staatsanleihen verschafft sich die Bank nun kurzfristig Luft. Allein diese Woche füllte die Fed ihre Kasse mit weiteren 100 Milliarden Dollar. Ein Präzedenzfall: "Dies ist einzigartig", sagte der Ökonom Allan Meltzer der "New York Times". "So etwas hat die Fed noch nie gemacht."

Die Auffanglösung war nicht die einzige Maßnahme, die am Donnerstag zur Bewältigung der Mega-Krise angeleiert wurde. An allen Fronten wurde versucht, die Löcher zu stopfen. So will die US-Börsenaufsicht SEC nach einem Bericht des "Wall Street Journals" dem Beispiel der britischen Financial Services Authority folgen und bestimmte Blanko- oder Leerverkäufe vorübergehend verbieten - jene schnellen Deals, die auf Kursstürze wetten. Auch sollen Hedgefonds und andere institutionelle Großinvestoren solche Aktivitäten künftig offenlegen müssen.

Kritiker und die betroffenen Investmentbanken monieren, dass solche bisher legalen "Short Sales" ihre Probleme nur verschlimmerten, indem sie zu einem Teufelskreis führten - und dass deren Hintermänner dann davon profitierten. Schon im März hatte die SEC eine besonders umstrittene Variante des Leerverkaufs mit Finanzwerten verboten, das ungedeckte, sogenannte Naked Short Selling.

New Yorks Justizminister Andrew Cuomo leitete darüber hinaus "umfassende Ermittlungen" gegen Leerverkäufer in den Finanzmärkten ein. Im Visier hat er vor allem Geschäfte mit jenen Firmen, die in den vergangenen Tagen und Wochen am schlimmsten in den Schlagzeilen waren: Lehman Brothers, AIG, Morgan Stanley.

Atemberaubende, unwälzende Zeiten an der Wall Street also: Ohne den Staat geht es nicht weiter. "Nichts wird mehr so sein, wie es war", sagte ein Händler am Donnerstag. Auch wenn sich die Börse offenbar vorübergehend wieder gefangen hat - schon fragt die "New York Times": "Sind die Vereinigten Staaten nicht mehr länger das weltweite Leuchtfeuer des uneingeschränkten, freien Marktkapitalismus?"


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