Von Marc Pitzke, New York
New York - Es war eine historische Szene. In der Mitte des langen, ovalen Mahagonitischs saß der Präsident, am linken Ende der demokratische Aspirant auf seine Nachfolge, am rechten der republikanische. Dazwischen hatten sich als Puffer die Top-Vertreter des Kongresses verteilt. An jedem Platz waren Tassengedecke und Notizblöcke angerichtet. Alle Anwesenden strahlten um die Wette.
Zum Auftakt des Krisengipfels am Donnerstag im Weißen Haus herrschte eitel Sonnenschein. Eine Einigung über das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket für die Wall Street könne "sehr bald" erreicht werden, sagte George W. Bush. "Ich danke Ihnen, dass Sie im Geist überparteilicher Zusammenarbeit agiert haben."
Krisengipfel im Weißen Haus: Hoffnung auf schnelle Lösung geplatzt
Bushs Zuversicht schien zunächst berechtigt: Schon am Mittag Ortszeit hatten Demokraten und Republikaner im Kongress erklärt, sie hätten sich "prinzipiell" auf einen Deal verständigt, der bei dem Treffen im Weißen Haus nur noch festgezurrt werden müsse: "Wir werden in der Tat einen Plan haben", sagte der republikanische Senator Bob Bennett - noch bevor die beiden Kandidaten Barack Obama und John McCain für den fotogenen Termin mit Bush eingeflogen waren.
Die US-Börsen schlossen daraufhin kräftig im Plus - im selben Moment, als die Herren und eine Dame im Kabinettssaal des Weißen Hauses Platz nahmen.
Doch dann das erste schlechte Omen: Nach dem Treffen flohen Obama und McCain durch einen Seitenausgang - kommentarlos. Und noch ein böses Omen: Bushs Sprecherin Dana Perino wich konkreten Fragen aus und murmelte nur etwas von einem "Gefühl der Dringlichkeit".
Schließlich die Sensationsmeldung: Die Gespräche waren geplatzt. Der Republikaner Richard Shelby bestätigte es als Erster: "Ich glaube nicht, dass wir eine Einigung haben." Sein demokratischer Senatskollege Christopher Dodd stimmte ihm erschöpft zu: "Dieses politische Theater im Weißen Haus hat uns wahrlich nicht weitergeholfen."
Im Klartext: Vor dem mit großem Brimborium inszenierten Krisengipfel mit Bush, Obama und McCain war eine Einigung in Sicht. Nach dem Krisengipfel war alles wieder offen. Binnen weniger Stunden stand Washington vor einem politischen Scherbenhaufen - und keiner weiß, wie die Wall Street heute darauf reagiert.
Obama selbst fasste das Debakel am Abend in Worte: "Wenn man Wahlkampfpolitik in delikate Verhandlungen einspeist, kann man am Ende mehr Probleme schaffen als lösen."
Und so fiel der milliardenschwere Notfallplan für die Finanzbranche am Donnerstagabend wieder in sich zusammen. Trotz tagelangen Feilschens, trotz einer dramatischen TV-Ansprache Bushs, trotz beispielloser Einmischung der beiden Präsidentschaftskandidaten - und trotz fast greifbarer Lösung. "Fundamental fehlerhaft", nannte Shelby das Paket stattdessen auf CNN. "Ich halte jetzt nichts mehr von diesem Plan."
Zur selben Stunde flimmerte die jüngste Hiobsbotschaft von der Wall Street über die Bildschirme: Die größte US-Sparkasse Washington Mutual ist zusammengebrochen - die größte Bankenpleite in der US-Geschichte.
Die Gespräche in Washington hätten also zu keinem schlechteren Zeitpunkt implodieren können. Wie es dazu kam und was sich wirklich hinter den verschlossenen Türen abspielte, darüber gab jeder Teilnehmer eine andere Version zum Besten. Es sei zu hitzigen Schlagabtauschen gekommen, hieß es. Bush wurde mit den Worten zitiert: "Wenn hier kein Geld locker gemacht wird, wird das alles zusammenbrechen."
In einem waren sich die meisten Teilnehmer jedoch einig: Die Anwesenheit der Präsidentschaftskandidaten, zum Medienspektakel aufgebauscht, sei wenig nützlich gewesen - vor allem die John McCains. Denn es seien die Republikaner gewesen, die ohne Warnung gebremst hätten.
Völlig offen bleibt damit auch, ob es nun zur ersten TV-Präsidentschaftsdebatte kommt, die am Freitag in Mississippi stattfinden soll. McCain will nur teilnehmen, sofern die Verhandlungen über das Rettungspaket zu einem gütlichen Ende gebracht werden. Obama will die Debatte durchziehen, so oder so. Die Veranstalter auch - notfalls ohne McCain.
Welcher der beiden Wahlkämpfer letztendlich von diesem Eklat strategisch profitiert und wem er schadet, ist zunächst nicht abzusehen. Es war jedenfalls McCain, der den Streit um den Wall-Street-Plan eigenmächtig in eine ganz neue Dimension katapultiert hatte - indem er seinen Wahlkampf aussetzte, um sich in Washington persönlich einzuschalten: "Ich bin ein alter Marinepilot, und ich weiß, wenn eine Krise alle Mann an Deck erfordert."
Obama reagierte kühl: Ein Präsident müsse auch mal "zwei Sachen gleichzeitig" jonglieren können - etwa Wahlkampf und Finanzkrise.
Demokraten geben McCain die Schuld
Auch bei den Kongress-Demokraten löste die Intervention des Wahlkämpfers McCain wenig Begeisterung aus. Dodd, der Vorsitzende des Bankenausschusses im Senat, nannte das Störmanöver im Weißen Haus "mehr einen Rettungsplan für John McCain und nicht einen Rettungsplan für die Wirtschaft".
Beide Parteien hatten die Nacht zuvor durchgerackert, um die Grundzüge des Pakets festzuzurren. So einigten sie sich, dass die Summe von 700 Milliarden Dollar in Raten gezahlt werden könnte. McCain blieb derweil in New York, wo er reiche Spender traf, ein CBS-Interview gab und am Morgen mit seiner Vizekandidatin Sarah Palin bei der Clinton Global Initiative auftrat, dem Spendengipfel von Ex-Präsident Bill Clinton. Palin machte übrigens später ungerührt weiter Wahlkampf.
Als McCain schließlich in Washington eintraf, war das meiste gelaufen. "Er war irrelevant", sagte der demokratische Abgeordnete Barney Frank. McCains Wahlkampfjet landete etwa zur selben Zeit, als die Parteien ihren vorläufigen Deal bekanntgaben.
McCain hielt sich insgesamt knapp drei Stunden im Kongress auf. Dabei beriet er sich mit John Boehner, dem republikanischen Minderheitenführer im Repräsentantenhaus. Es war denn auch Boehner, der kurz darauf im Weißen Haus schwere Einwände gegen das Milliardenpaket von Finanzminister Henry Paulson und den erzielten Kompromiss erhob.
Paulsons Kniefall vor den Demokraten
Die Demokraten machten McCain nach dem Gipfel im Weißen Haus direkt dafür verantwortlich: Er habe die Gespräche "unterminiert", sagte Frank, der Vorsitzende des Finanzausschusses. Auch Senatsführer Harry Reid griff den republikanischen Kandidaten an. "John McCain hat im Senat seit April nicht abgestimmt", sagte er frostig. "In den Stunden, seit er hier ist, hat er nichts getan, um diesem Verfahren zu helfen."
Im Gegenteil: Der Republikaner Spencer Bachus bestätigte den Widerstand McCains gegen eine schnelle Lösung. "Er lehnt den Plan in seiner jetzigen Form ab." Die Hardliner der Republikaner betonten, sie hätten die Einwände schon vor McCains Eintreffen gehegt.
Steny Hoyer, der demokratische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, sagte, konservative Republikaner hätten in letzter Minute noch versucht, zusätzliche Bedingungen in den Plan einzubringen. Boehner, so war anderswo zu hören, habe eine geringere Beteiligung der Regierung gefordert.
McCain selbst, berichtete Reid, habe nur einmal gesprochen, am Ende, kurz und unverständlich. "Er sagte nichts von Substanz", behauptete er.
Irritiert trat Obama am Abend vor die Journalisten. "Ich glaube, dass wir irgendwann zu einem Deal finden werden", sagte er. "Es gibt noch einiges zu tun." Obama wiederholte seine Bedingungen für das Milliardenpakt: strengere Regulierung der Wall Street, eine Beteiligung der Steuerzahler als "Investoren" an dem Notverkauf, eine Deckelung der Managerabfindungen und zusätzliche Hilfe für "die eigentlichen Hausbesitzer", mit deren maroden Hypotheken die Krise begonnen hat.
Auch Obama deutete an, dass McCains späte Intervention mit zu dem Flop geführt habe. In den Stunden zwischen der ersten Abmachung und dem Termin im Weißen Haus sei "irgendetwas geschehen". Zudem habe die Medienhysterie um McCains Wahlkampfauszeit die Verhandlungen überschattet.
Am Abend eilte Finanzminister Paulson in den Kongress zurück, um erneut zu vermitteln - vergeblich. Er sei sogar vor Top-Demokratin Nancy Pelosi niedergekniet, wurde kolportiert. Ihre Reaktion: "Ich wusste nicht, dass Sie katholisch sind."
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