24. Oktober 2008, 13:49 Uhr

Ökonom Serageldin

"Wir brauchen einen neuen Geist der ehrlichen Finanzmakler"

Die US-Notenbank unter ihrem Ex-Chef Alan Greenspan trägt eine wesentliche Mitverantwortung an der Finanzkrise. Das wirft ihr der ägyptische Ökonom Ismail Serageldin vor - und sagt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, Deregulierung sei mit skrupelloser Wilderei verwechselt worden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor, Sie werfen den internationalen Finanzmagnaten sträfliche Nachlässigkeit vor...

Serageldin: Einigen, nicht den Entscheidungsträgern. Wie auch immer: Ich halte es für geradezu irreführend, wenn nicht gar unmoralisch, der Weltbevölkerung vorzugaukeln, dass diese erdumspannende Finanzkrise ein Zufallsereignis war, das im immer komplizierter werdenden Zahnradwerk der Geldwirtschaft eben mal vorkommt...

SPIEGEL ONLINE: ...aber ja auch kein Novum ist. Die Bankrotterklärung ganzer Staaten wie Argentinien oder Mexiko sind ja noch in frischer Erinnerung.

Serageldin: Durchaus, auch die Japaner haben sich zehn Jahre lang mehr oder weniger stillschweigend mit einer selbstverschuldeten Bankenkrise herumschlagen müssen. Ähnlich schlimm wirkte sich auch der Al-Manach-Börsenkrach in Kuwait aus, von dem sich das Erdölemirat bis heute noch nicht ganz erholt hat. Doch das waren und sind keine Schicksalsschläge, mit denen die Götter die Menschheit bestrafen, sondern logisch nachvollziehbare Auswirkungen fragwürdiger Machenschaften einer kleinen Gruppe von Bankern.

SPIEGEL ONLINE: Wer also sind die Schuldigen?

Serageldin: Mit Namen und Titeln will ich nicht argumentieren, ich sage nur soviel: Die Federal Reserve in der Ära Greenspan ist ihrem Auftrag nicht gerecht geworden. Es geht nicht an, dass eine Handvoll money maker das Recht demokratischer Entscheidungsfreiheit pervertieren und Hunderte Millionen Menschen ins Elend stürzen.

PIEGEL ONLINE: Wo lag das Versäumnis?

Serageldin: Eine Funktion von elementarer Wichtigkeit ist die Aufsichtspflicht über das reibungslose, gesetzmäßige und normengerechte Funktionieren der Banken.

SPIEGEL ONLINE: Das Prinzip der Bankenüberwachung wird in den Vereinigten Staaten meistens als unzulässiger Eingriff in die freie Wirtschaft gewertet. Die Gegner der staatlichen Kontrolle argumentieren mit dem Banken- und Wirtschaftsguru Adam Smith, der schon vor über zweihundert Jahren die Vorzüge der freien Wirtschaft gepriesen hatte.

Serageldin: Wer sein Urbuch "The Wealth of Nations" wirklich gelesen und nicht nur durchgeblättert hat, weiß, dass der immer wieder zitierte Vater der freien Marktwirtschaft auch eine Regulierung des banking trade gefordert hatte. Trennmauern sollten für Abgrenzung und Klarheit sorgen und das Übergreifen von Feuersbrünsten verhindern, in Anspielung auf den Großbrand von London.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist der Großbrand in der amerikanischen Finanzwelt entstanden - was war die eigentliche Ursache?

Serageldin: Investment-Banken entwickelten ein eigenartiges System, Hypotheken gewinnbringend weiter zu verscherbeln. Bauwillige Bürger zahlten, wie in den USA üblich, 20 Prozent des Bau- oder Kaufpreises und liehen sich die restlichen 80 Prozent von einer Bank mit relativ langer Laufzeit. Das kann letztlich schon mal zu einer Verdoppelung der Ausgangssumme führen, womit man leben kann. Doch die Investmentbanken wollten mehr und spielten mit den Krediten regelrecht Poker und verhökerten die Hypotheken an andere Finanzinstitute. Subprime-Hypotheken kamen ins Spiel, die Investmentbanker warfen Hypotheken mit anderen Arten von Kreditschulden zusammen, das brisante Gemisch blähte sich wie ein Riesenballon auf und explodierte mit einem großen Knall.

SPIEGEL ONLINE: Um wie viel Geld ging beziehungsweise geht es eigentlich?

Serageldin: Wir sprechen heute von Billionensummen, die man kaum noch aussprechen kann. Das Geld ist praktisch weg, der Gesamtschaden, der ja auch Europa und zahlreiche Staaten in anderen Erdteilen betrifft, ist noch nicht abzusehen. Die Drahtzieher hatten eben die Möglichkeit, ihre unsauberen Praktiken jahrelang ungestört auszuüben.

SPIEGEL ONLINE: Werden die gewaltigen Liquiditätsspritzen und andere Maßnahmen, die in Washington und in anderen Hauptstädten beschlossen wurden, den Schaden begrenzen?

Serageldin: Um einen völligen Zusammenbruch zu verhindern, werden wir wahrscheinlich schon gegen Jahresende ein bisschen aufatmen können. Doch die Aufräumarbeiten werden mindestens noch drei Jahre dauern. Der Kahlschlag auf dem Sektor der Investmentbanken ist enorm. Die sind entweder bankrott oder out of business, in vielen Fällen wohl für immer. Daher der Trend dieser Firmen, sich mit Handelsbanken zusammen zu tun. Ob das immer gut geht, steht dahin. Die Sofortmaßnahmen der Regierungen sind jedenfalls keine Garantie dafür, dass unsolide Finanzmogule ein für alle Mal ihre gefährlichen Experimente aufgeben. Dafür muss mehr geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt? Neue Gesetze?

Serageldin: Das beste wäre, ein neuer Geist der ehrlichen Finanzmakler würde die gefährliche Mentalität ersetzen, die unter der Ära Ronald Reagan und Margaret Thatcher um sich griff. Diese Mentalität mit dem im Prinzip nicht falschen Ansatz der Deregulierung verwechselte das Wirtschaften mit skrupelloser Wilderei und aggressivem Glücksspiel auf Kosten anderer.

SPIEGEL ONLINE: Einen Geist kann man nur beschwören, nicht abkommandieren.

Serageldin: Ich fühle mich an den Film "Wall Street" erinnert, in dem Michael Douglas die Geldmafia mit dem Lied "Greed is good" provozierte.

SPIEGEL ONLINE: Welche Kur sollte dem Patienten verschrieben werden?

Serageldin: Extreme Formen der Hedgefonds-Praktiken müssen abgeschafft werden, die G-8-Staaten und andere wichtige Handelsnationen sollten sich auf ein internationales Warnsystem und allgemeingültige Kontrollkriterien einigen. Darunter läuft nichts.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr


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