Aus Havanna berichtet Bernd Bieberitz
Havanna - Weltweit korrigieren Regierungen und Unternehmen angesichts der globalen Wirtschaftskrise ihre Wachstumsprognosen nach unten - wenn sie überhaupt noch welche abgeben. Auf Kuba herrscht dagegen Optimismus. "Wir werden uns auf die essentiellen Ziele des Landes konzentrieren, um ein Wachstum von sechs Prozent im Jahr 2009 zu erreichen", betonte Wirtschaftsminister José Luis Rodríguez García am 27. Dezember in seiner Rede vor dem kubanischen Parlament.
Revolutionsmalerei in Havanna: Lethargie und Langeweile
Die Gründe für die Delle waren weniger die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern vor allem die drei verheerenden Hurrikane, die zwischen Ende August und Anfang November über die Insel fegten und Schäden in Höhe von rund zehn Milliarden Dollar verursachten. Für die kubanische Volkswirtschaft eine beispiellose Naturkatastrophe, die dafür sorgte, dass statt der anvisierten acht Prozent Wachstum nur etwas mehr als die Hälfte erwirtschaftet wurde. So jedenfalls schreibt es der Wirtschaftsminister in seinem Rechenschaftsbericht.
Agonie statt Dynamik
Doch selbst angesichts von vier Prozentpunkten Wachstum reibt man sich überrascht die Augen, wenn man über die Insel fährt. Lethargie und Langeweile prägen nicht nur das Treiben in den Gassen von Havannas Altstadt. Auch auf den Feldern zwischen Matanzas und Santa Clara herrscht Tristesse. Dürres Vieh steht auf den Weiden und dort, wo sich noch Mitte der neunziger Jahre Zuckerrohrfelder bis zum Horizont erstreckten, dominiert heute der Marabú.
Nicht vom bekannten afrikanischen Storchenvogel ist die Rede, sondern von einem überaus widerspenstigen Gestrüpp, das in Kuba längst als Fluch der Landwirtschaft gilt. Auf bis zu einem Drittel der Anbaufläche hat sich die widerstandsfähige Pflanze breitgemacht Das dornige Buschwerk ist zum Symbol des landwirtschaftlichen Niedergangs geworden.
Die Agrarmisere scheint weiter anzuhalten, denn auch die jüngsten Reformbemühungen im Landwirtschaftsektor, wo offiziell immerhin zwanzig Prozent der Erwerbstätigen arbeiten, sind ein Schlag ins Wasser, so Armando Nova: "Die große Agrarreform, auf die wir mehrere Jahre gewartet haben und die groß angekündigt wurde, ist auf halben Weg stecken geblieben. Das Gesetz hat so viele Haken und Ösen, ist so bürokratisch, dass die Bauern kaum Interesse haben Land vom Staat zu übernehmen", kritisiert der Agrarspezialist der Universität von Havanna.
Zwei Millionen der 6,6 Millionen Hektar Ackerland liegen in Kuba brach und das ist der wesentliche Grund für die steigende Abhängigkeit der Insel von Lebensmittelimporten aus den USA, Brasilien und anderen Lieferländern. Über 2,4 Milliarden Dollar mussten laut Wirtschaftsminister Rodríguez für die Importe von Lebensmitteln 2008 aufgewendet werden – gut achthundert Millionen mehr als im Vorjahr.
Der Anstieg sei zwar auch auf die Verluste durch die drei Stürme zurückzuführen, aber das Grundübel sei die fehlende Produktivität in der Landwirtschaft, urteilt Agrarexperte Nova. Mehr Flexibilität ist zwar offiziell gewünscht, doch hinter den Kulissen regt sich Widerstand. "Die Ministerien haben bestenfalls gelernt, Ressourcen zu verteilen, aber eben nicht, sie wirkungsvoll einzusetzen und neue innovative und dezentrale Konzepte zu entwickeln", erklärt ein europäischer Entwicklungsexperte, der lieber anonym bleiben will. Obendrein gehe in den Ministerien die Angst um, obsolet zu werden, weshalb hartnäckig um Pfründe gefeilscht werde. Eben deshalb avancierte die Landwirtschaft zum größten Problemfall in der kubanischen Ökonomie.
Dynamik nach außen, Stagnation im Inneren
Doch nicht nur die Agrarwirtschaft leidet. Kubas geringe Produktivität ist ein Problem in den allermeisten Sektoren. "Letztlich steht einer kleinen produktiven eine große unproduktive Sphäre gegenüber. Zu letzterer gehört auch der soziale Bereich mit dem Gesundheits- und dem Bildungssystem", sagt der kubanische Ökonom Omar Everleny Pérez. Zur produktiven Sphäre zählen neben dem Nickelsektor der Tourismus und die pharmazeutische Industrie.
Der Rest der kubanischen Binnenwirtschaft dümpelt hingegen mit wenigen punktuellen Ausnahmen vor sich hin. "Diese ökonomische Schieflage hat faktisch dazu geführt, dass der Dienstleistungsbereich in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Wirtschaftszweig Kubas geworden ist", erklärt Everleny, der als Vizedirektor am Forschungszentrum der kubanischen Wirtschaft (CEEC) arbeitet.
Ein Grund dafür ist der florierende Tourismus, der Kuba im vergangenen Jahr immerhin 2,3 Millionen Besucher bescherte. Vor allem aber Export von Leiharbeitern nach Venezuela, Bolivien oder Brasilien trägt zum Boom bei. Ärzte, Krankenschwestern, aber auch Lehrer, Ingenieure und Sporttrainer schieben im Auftrag der Revolution im befreundeten Ausland Dienst.
Statistiken ohne Transparenz
Das wirkt sich in den offiziellen Statistiken ausgesprochen positiv aus. Doch ob dem satten Zuwachs auch ein konkreter Zufluss an Devisen und Güter gegenübersteht, kann auch Everleny nicht sagen. "Niemand weiß genau, wie die erbrachten Leistungen verrechnet werden", moniert der Wissenschaftler.
Unstrittig ist zwar, dass Venezuela nicht nur Erdöl sondern auch mit Petro-Dollars von den Konten des staatlichen venezolanischen Erdölkonzerns (PdVSA) und manchmal sogar bares Geld für kubanische Dienstleistungen bezahlt, aber wie abgerechnet wird, weiß man wohl nur ganz oben. Das gesamte Geschäft mit dem "Bruderland" ist derart intransparent, dass selbst Experten wie Everleny keine Ahnung haben, wie sie die offiziellen Wirtschaftsstatistiken prüfen sollen.
"Obendrein hat unsere Regierung nur geringe finanzielle Reserven, um die derzeitige Situation zu überstehen und immun gegen die internationale Krise sind wir auch nicht", warnt Everleny. Zur angespannten Haushaltssituation hat nicht nur die Talfahrt des Nickel-Weltmarktpreises beigetragen, sondern auch erste Einbußen beim Tourismus. Beide Wirtschaftssektoren sind von der internationalen Konjunktur abhängig und beim Nickel lagen die Einnahmen 2008 schon gut zweihundert Millionen Dollar unter dem Plan, wie Wirtschaftsminister Rodríguez in seinem Bericht vorrechnete.
Bescheidene Jubiläumsfeiern
Auch das ist ein Grund, weshalb die Feiern zum 50. Jahrestag der Kubanischen Revolution deutlich bescheidener ausfielen als ursprünglich geplant. "Den Gürtel enger schnallen", lautet das Motto von Staatschef Raúl Castro derzeit und auch deshalb entsandten die guten Freunde, allen voran Venezuela, Bolivien und China, keine großen Delegationen, wie einst geplant, sondern schickten nur solidarische Grußbotschaften zu den zentralen Feierlichkeiten am 1. Januar in Santiago de Cuba.
Feierstimmung will da nicht wirklich aufkommen, denn die wirtschaftlichen Probleme drücken allerorten. Nur beim Wirtschaftsminister scheint das noch nicht ganz angekommen zu sein. Doch dessen Aufgabe weniger Tage vor dem Revolutionsjubiläum könnte es natürlich auch gewesen sein, etwas statistischen Glanz im alles anderen als leuchtenden revolutionären Alltag zu verbreiten.
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