London - Kurz vor dem G-20-Treffen in London geht Japans Ministerpräsident Taro Aso mit dem wirtschaftspolitischen Kurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel hart ins Gericht. Aso sagte der "Financial Times", es gebe Länder, "die die Bedeutung einer fiskalischen Mobilisierung verstehen und andere Länder, die das nicht verstehen - das ist, wie ich glaube, der Grund für die deutschen Ansichten".
Taro Aso: Kritik an der deutschen Kanzlerin
Japan hatte am Dienstag ein umfassendes Konjunkturprogramm angekündigt. In den Medien war von einem Umfang von 157 Milliarden Euro die Rede. Die Regierung in Tokio will dazu einen Nachtragshaushalt vorlegen.
Der japanische Regierungschef erinnerte daran, dass sein Land aufgrund der Vergangenheit Erfahrung im Umgang mit wirtschaftlichen Krisen habe. "Wegen der Erfahrungen der vergangenen 15 Jahre wissen wir, was notwendig ist, während die USA und europäische Länder eine solche Situation wohl zum ersten Mal erleben", sagte Aso der Zeitung.
Sein Land bekommt die Krise derzeit besonders drastisch zu spüren. Japans Bruttoinlandsprodukt (BIP) nahm Ende vergangenen Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,3 Prozent ab. Das teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mit.
Entsprechend hat sich die Stimmung in der japanischen Großindustrie katastrophal verschlechtert. Der Stimmungsindex in der weltweit beachteten Tankan-Umfrage stürzte im ersten Quartal von minus 24 Punkten auf minus 58 Punkte ab. Die Stimmung in der japanischen Großindustrie ist damit so schlecht wie noch nie seit Beginn der Umfragen 1974.
Ähnlich stark schrumpfte die Wirtschaftsleistung laut Statistischem Bundesamt in Südkorea (minus 3,4 Prozent) und Italien (minus 2,9 Prozent). In Deutschland ging die Wirtschaftsleistung den Angaben der Statistiker zufolge um 1,6 Prozent zurück; die EU-Staaten litten im Schnitt unter einem Einbruch von 1,3 Prozent.
Trotz Wirtschaftskrise konnten in den letzten Monaten des vergangenen Jahres die Volkswirtschaften einzelner Schwellenländer noch immer deutliche Wachstumsraten verzeichnen, wie die Statistiker mitteilten. Demnach betrug das Wachstum in Ländern wie China, Indien, Indonesien oder Argentinien von 4,9 bis 6,8 Prozent.
Jedoch hätten diese Werte deutlich unter dem Niveau der ersten Jahreshälfte 2008 und des Vorjahres gelegen. Die G-20-Staaten erwirtschafteten nach Angaben der Weltbank im Jahr 2007 fast 90 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und beheimateten rund zwei Drittel der Weltbevölkerung.
cte/Reuters/AFP/dpa
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH