22. April 2009, 09:07 Uhr

McKinsey-Studie

Mit Umweltschutz Milliarden verdienen

In ihrer neuesten Studie plädieren McKinsey-Berater für eine energiesparende Produktion. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Frank Mattern, Top-Manager der Unternehmensberatung, warum Firmen den Klimaschutz ernst nehmen sollten - und wie sie damit Milliarden verdienen können.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mattern, wie viel CO2 hat Ihr Unternehmen im vergangenen Monat eingespart?

Frank Mattern: So genau kann man das natürlich nicht beziffern. Wir sparen CO2 durch den Verzicht auf Dienstreisen, durch den verstärkten Einsatz von Videokonferenzen. Im Kern befassen wir uns aber mit dem Thema Energie, weil unsere Klienten Antworten dazu erwarten. Energieeffizienz ist ein strategischer Wettbewerbsfaktor, aktuell und noch mehr in der Zukunft.

Braunkohlekraftwerk: Jahrelange Beschäftigung mit dem Klimawandel
DPA

Braunkohlekraftwerk: Jahrelange Beschäftigung mit dem Klimawandel

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer aktuellen Studie haben Sie sich intensiv mit den Marktchancen befasst, die sich durch die steigende Nachfrage nach energieeffizienten Produkten ergeben. Ein ganz neuer Ansatz - bisher galten die Energiesparer immer als Ökospinner.

Mattern: Unser Ansatz bleibt ein streng marktwirtschaftlicher. Positive Effekte für die Umwelt sind zwar in jeder Hinsicht wünschenswert. Doch auf die Dauer funktioniert das System nur, wenn marktwirtschaftliche Mechanismen greifen. Uns geht es um Kosteneinsparungen, Produktivitätsverbesserungen und Energieeffizienz - und natürlich die Entstehung neuer Märkte. Insoweit ist das kein Umschwung, sondern nur ein Anpassungsschritt der Volkswirtschaft, ohne aus dem bewährten System auszusteigen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem lesen sich die Empfehlungen Ihrer Experten wie aus einem Öko-Handbuch der neunziger Jahre. Das 1995 erschienene Buch "Faktor 4" von Ernst-Ulrich von Weizsäcker zum Beispiel erläutert die gleichen Mechanismen. Ist Ihre Studie eine späte Verneigung vor den Umweltaktivisten?

Mattern: Sie haben den Trend früh erkannt und einige waren sicherlich weitsichtig. Aber jetzt geht es darum, das Thema in allen Teilen der Wirtschaft zu verankern. Wir werden mit Elektroautos und verbesserten Verbrennungsmotoren nur erfolgreich sein, wenn viele Leute sie kaufen. Wenn wir aus der Nischenpolitik rauskommen, dann ergeben sich Chancen für viele Unternehmen.

SPIEGEL ONLINE: Die Marktchancen für energieeffiziente Produkte und Dienstleistungen führen im Ergebnis zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Könnte mit den von Ihnen beschriebenen Möglichkeiten sogar mehr eingespart werden als die im vergangenen Jahr für den BDI ermittelten 30 Prozent?

Mattern: Wenn wir fossile Brennstoffe einsparen, senken wir auch eins zu eins den CO2-Ausstoß. Darüber hinaus gibt es aber noch eine Vielzahl weiter Möglichkeiten, etwa durch den Einsatz von regenerativen Energiequellen oder Atomkraft. Damit wäre der Spareffekt sogar höher. In unserer aktuellen Studie ist die Perspektive allerdings eine andere: Wir haben die Marktchancen deutscher Unternehmen mit energieeffizienten Produkten analysiert, das sind bis 2020 mehr als zwei Billionen Euro. Und wir haben ausgerechnet, wie viel die deutschen Unternehmen und Haushalte an Energiekosten sparen können. Das sind wiederum bis 2020 immerhin 53 Milliarden Euro im Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit geht denn ihr Vorschlag? Sind die 53 Milliarden Euro Einsparvolumen das Optimum oder ginge noch mehr, wenn man sich nur anstrengt?

Mattern: Die von uns beschriebenen Einsparpotentiale sind realistisch, wenn die Unternehmen und Haushalte nur die Maßnahmen realisieren, die sich für sie auch rechnen. Sollte sich Energie noch weiter verteuern, dann würde der Anreiz steigen, noch mehr zu machen.

SPIEGEL ONLINE: McKinsey galt bisher nicht eben als klassische Umweltberatergesellschaft. Was hat in Ihrem Haus zu dem Umschwung geführt?

Mattern: Das ist kein Umschwung. Es ist unsere Aufgabe, wirtschaftliche Trends zu erkennen und für unsere Klienten Strategien zu entwickeln, die ihnen helfen, ihre Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft zu sichern. In diesem Zusammenhang beschäftigen wir uns seit Jahren auch mit dem Klimawandel. Dass hier etwas getan werden muss, darüber herrscht inzwischen breiter gesellschaftlicher und politischer Konsens. Damit steigen auch die Absatzchancen für energieeffiziente Produkte.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Plädoyer für zusätzliche Investitionen in energieeffiziente Produktionsmethoden kommt womöglich zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Betriebe sparen derzeit eher Energie durch die Stilllegung von Produktionsstraßen als durch deren Optimierung.

Mattern: Wir erleben derzeit eine wirtschaftliche Krise, die sich auf das Produktionsvolumen und die Investitionen auswirkt. Aber auch diese Krise wird ein Ende haben - und dann werden diejenigen Unternehmen profitieren, die verbrauchsarme Produkte anbieten können oder ihre Gewinnspanne durch geringeren Energieeinsatz in der Produktion verbessern können.

SPIEGEL ONLINE: Ergibt sich der Druck zu energiesparender Produktion von ganz alleine, oder muss der Gesetzgeber nachhelfen, etwa durch die Verschärfung von Grenzwerten?

Mattern: Beides geht Hand in Hand. Neben den hohen Energiepreisen haben auch gesetzliche Initiativen zur Veränderung des Bewusstseins beigetragen. Doch ich warne vor Aktionismus - zu strenge Regeln würden den Prozess eher konterkarieren. Derzeit vergeht ja kein Tag, an dem nicht eine neue Regulierung angekündigt wird. Langfristig werden neu entstehende Märkte und die Veränderung von Faktorkosten die größere Bedeutung haben.

CO2-Zertifikate als Beispiel für die sinnvolle Einrichtung von Marktmechanismen

SPIEGEL ONLINE: Sollte der Gesetzgeber mehr fordern als die Unternehmensverbände freiwillig anbieten?

Mattern: Die Festlegung von Grenzwerten funktioniert nicht allein am Markt. Die Entscheidung darüber fällt letztlich auf politischer Ebene. Entscheidend ist, dass die Industrie ausreichende Übergangsfristen eingeräumt bekommt, um sich realistischen Vorgaben anzupassen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Verbraucher werden mit Sicherheit das Verbot der Glühbirne als extreme Gängelung empfinden.

Mattern: Immerhin haben sich die Energiesparlampen in der letzten Zeit erheblich weiterentwickelt: Sie sehen besser aus und machen ein angenehmes Licht.

SPIEGEL ONLINE: Es bleibt ein Beleg dafür, dass die Marktteilnehmer anders entscheiden würden, wenn der Gesetzgeber nicht limitierend eingreifen würde.

Mattern: Das ist sicherlich richtig. Und ich würde nicht bestreiten, dass durch gesetzliche Vorgaben wünschenswerte Entwicklungen befördert haben, die unter reinen Marktbedingungen anders verlaufen wären. Man denke nur an den Katalysator. Ich glaube aber, dass ein Bewusstseinswandel der Marktteilnehmer - seien es nun Verbraucher oder Unternehmer - am ehesten durch die Realitäten des Marktes ausgelöst wird. Die Veränderung der Nachfrage aufgrund der gestiegenen Energiepreise ist dafür ein Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Der stolze Lamborghini-Besitzer wird wahrscheinlich auf die Einsparerfolge der Motorenentwickler verweisen, obwohl sein Auto immer noch exorbitant viel verbraucht.

Mattern: Sportwagenfahrer bezahlen für ihr Vergnügen eine Menge Geld, auch an der Zapfsäule. Wir sollten es den Menschen überlassen, wofür sie ihre Ersparnisse ausgeben. Ich bin überzeugt, dass sich Dirigismus mit dem Grundgedanken der Demokratie nicht verträgt - auch wenn er noch so wohlmeinende Ziele verfolgt.

SPIEGEL ONLINE: Speziell die deutschen Autoproduzenten haben sich lange Zeit mit intensiver Lobbyarbeit gegen allzu strenge Limits gewehrt.

Mattern: In einer Demokratie ist es legitim, dass Interessengruppen ihre Position geltend machen. Auch die deutsche Industrie hat Stellung bezogen. Das heißt aber nicht, dass die Konzerne nicht begriffen hätten, dass sich die Nachfrage und Märkte verändern werden. Sie investieren massiv in neue verbrauchsarme Verbrennungsmotoren und elektrische Alternativen.

SPIEGEL ONLINE: Marktchancen könnte auch der Handel mit CO2-Zertifikaten bieten. Ist ein Spareffekt festzustellen, oder konnten nur die Stromkonzerne ihre Kassen füllen?

Mattern: Die CO2-Zertifikate haben bei allen Unvollkommenheiten und Problemen den Vorteil, zur Preisbildung für ein knappes Gut beigetragen zu haben. Das knappe Gut ist das Recht, in der Produktion CO2 auszustoßen. Eine knappe Ressource muss mit einem Preis versehen sein, damit die Unternehmen sie in ihre Kalkulation einbeziehen können und die Verteilung dieser CO2-Rechte fair erfolgt.

SPIEGEL ONLINE: Die steigenden Energiepreise und die Ziele zur CO2-Reduktion haben zu einer Renaissance der Atomkraft geführt. Welche Argumente sprechen dafür, sich auf diese Risikotechnik einzulassen?

Mattern: Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Atomkraft eine Schlüsselrolle spielt, in der Energiewirtschaft weniger CO2 zu produzieren. Sie birgt alle möglichen anderen Probleme, bis hin zur nicht abschließend geregelten Endlagerung, aber sie hilft ohne Zweifel, den CO2-Ausstoß zu verringern. Der Ausstieg bleibt jedoch beschlossene Sache, und auch wir gehen in unseren Studien davon aus. Über die Verlängerung der Laufzeiten sollte man aber reden können.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker befürchten, dass dadurch die eigentlich zukunftsträchtigen regenerativen Energien wieder zurückgedrängt werden.

Mattern: Deren Anteil ist durch das Energieeinspeisungsgesetz EEG gesichert. Im Übrigen werden sie erheblich subventioniert - was auch richtig ist, damit sie sich entwickeln können.

SPIEGEL ONLINE: Das größte Sparpotential birgt Ihrer Studie zufolge nach wie vor die Wärmedämmung von Wohn- und Geschäftshäusern. Trotzdem geschieht in diesem Bereich vergleichweise wenig. Wo liegen die Gründe dafür?

Mattern: Bei den gewerblichen Bauten passiert relativ viel. Hier hat sich das Geschäftsmodell des Energie Contracting etabliert, bei dem zum Beispiel der Energieanbieter die notwendigen Investitionen vorstreckt und dies durch geringeren Energieverbrauch eingespartes Geld finanziert. Bei Wohngebäuden sieht es schlechter aus, auch weil Hauseigentümern häufig die Kenntnis fehlt. Ein Hinderungsgrund ist auch das Mietrecht. Wenn es für Vermieter einfacher wäre, wirtschaftlich sinnvolle Chancen zum Klimaschutz zu realisieren, wären wir ein Stück weiter.

Das Interview führte Michael Kröger


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