Von Anne Seith, Frankfurt am Main
Eigentlich hätte Wendelin Wiedeking auf das Theater pfeifen, seinen Lebensabend in Saus' und Braus genießen können. Ein bisschen Porsche fahren, weiter seine Kartoffeln auf dem "Äggerle" in Bietigheim-Bissingen anbauen, auf die er immer stolz verwies. Der 56-Jährige muss sich in dem baden-württembergischen Städtchen nicht verstecken, dort ist er ein angesehener Mann. Schließlich ist Wiedeking der größte Steuerzahler - und vor ein paar Jahren hat er mit zwei weiteren Gesellschaftern den Lederschuh-Hersteller im Ort gerettet.
Das Geld für ein sorgloses Leben hätte Wiedeking, sogar weit mehr als das. Rund 80 Millionen Euro hat er im vergangenen Jahr verdient, obendrein erhält er eine riesige Abfindung. Er soll zum erzwungenen Abschied einen "goldenen Handschlag" bekommen und eine Abfindung von 50 Millionen Euro kassieren. Obwohl er die Hälfte spenden will, bliebe für einen sorglosen Ruhestand noch genug.
Aber zum In-Rente-Gehen ist er nicht der Typ.
"Wiedeking muss morgens aufstehen und sich sagen können: Ich bin der Größte", sagt einer, der ihn kennt. Das ist sehr boshaft ausgedrückt - doch auch Wiedeking hat einmal in der "Bild am Sonntag" bekannt, dass er "nun mal" nicht gern verliert. Nun hat er verloren.
Er wird an dieser Demütigung zu knabbern haben, an diesem Scheitern, diesem unfassbar peinlichen Ende des Projekts "VW-Übernahme", das eigentlich sein größter Coup werden sollte. Und nun zu seinem Verhängnis geworden ist.
Zumal jetzt alle über ihn herfallen, ihren Hohn über den scheinbar Größenwahnsinnigen ausgießen werden. Der Ton, der in der Branche gepflegt wird, ist rau. Statt von David und Goliath zu sprechen, benutzt ein Insider das Bild von "Ameisen, die einen Elefanten vergewaltigen wollen", um die Geschichte von Porsche und VW zu erklären. Es passt ja auch besser. Denn in diesem Fall hat Goliath gewonnen.
Wiedeking habe einen verhängnisvollen Fehler begangen, heißt es in der Industrie. Der Manager hat sich mit dem beinharten VW-Aufsichtsratschef und Porsche-Mitgesellschafter Ferdinand Piëch angelegt. "Da hat wieder jemand mit Piëch getanzt und gedacht, er könne dabei führen", sagt einer.
Lust am prolligen Feiern
Hört man Branchenkenner über Wiedeking sprechen, gewinnt man den Eindruck, dass es fast zwangsläufig so weit kommen musste. Dann hört sich die Geschichte des Westfalen an, wie die eines Mannes, der hauptsächlich von einem Motiv getrieben ist: von der Gier nach Anerkennung. Einer beschreibt den gescheiterten Porsche-Chef als "Ghetto-Boxer" - als jemanden, dessen Talent ihn aus dem Elendsviertel brachte, der das Ghetto aber immer im Kopf mitnimmt. Und an der Sucht nach sozialem Aufstieg und Erfolg letztlich kaputt geht.
Ganz kommt der Vergleich freilich nicht hin. Das 40.000-Einwohner-Städtchen Beckum kann man wohl kaum als Ghetto bezeichnen. Als westfälisches Kaff vielleicht, wenn man es böse meint. Der Ort preist sich auf seiner Website vor allem für die schöne Umgebung, die "münsterländische Parklandschaft", für die traditionelle Zementindustrie und den "urigen Beckumer Karneval".
Die Verhältnisse, in denen Wiedeking hier unter mehreren Geschwistern aufwächst, sind einfach. Als er 15 ist, stirbt sein Vater. Wiedeking macht Abitur und studiert Maschinenbau in Aachen. Es hätte gut gepasst, wenn er einfach ein erfolgreicher mittelständischer Unternehmer geworden wäre.
Strenggenommen kann er den sogar besser geben als den Chef einer Luxusautofirma. Wiedekings Lust am etwas prolligen Feiern bis in die frühen Morgenstunden ist legendär. Und er erinnert mit seinem fusseligen Oberlippenbärtchen und dem Seitenscheitel noch heute an den "Buchhalter einer Rolladenfirma", als der er bei seinem Amtsantritt bei Porsche verspottet wurde.
Wiedeking hatte zudem einen guten Job, als er mit nur 39 Jahren in den Porsche-Vorstand geholt wurde. Nach einer Promotion war er flott zum Chef bei einem Auto-Zulieferbetrieb aufgestiegen, den er gründlich auf Vordermann brachte. Die Arbeit bei Porsche wirkte dagegen wie ein Himmelfahrtsunternehmen. Der Sportwagenhersteller schien damals am Ende. Der Aktienkurs lag am Boden, die Wagen galten als Zuhälter-Kisten. Noch 1993 musste Zuffenhausen einen Verlust von 240 Millionen Mark verkünden.
"Wenn es klappt, ist es eine Löwennummer"
Es hätte sich niemand gewundert, wenn Wiedeking dankend abgelehnt hätte. Doch da ist dieser Ehrgeiz. "Mit 15 habe ich mir bereits das Ziel gesetzt, mit 30 meine erste Million zu haben", sagte Wiedeking der "BamS". Schon als Student gründete er deshalb eine Immobilienfirma. In den ersten Semesterferien fuhr er dann angeblich mit einem nagelneuen Mercedes nach Hause. Mit der Million klappte es später auch.
Wiedeking ist keiner, der sich mit sehr gutem Mittelmaß zufriedengibt. Seine Promotionsnote ist ein "summa cum laude".
Also ging er auf volles Risiko. Nach nicht mal einem Jahr als Produktionsvorstand bei Porsche wurde er Chef. Der Posten sei ein "Schleudersitz" gewesen, wird Wiedeking in der "Süddeutschen Zeitung" zitiert. Einer, der für einen jungen Manager leicht zum Verhängnis werden kann. "Andererseits wusste ich auch, wenn es klappt, ist es die Löwennummer."
Die gelingt. Wiedeking greift eisenhart durch, baut fast 3000 von 9000 Jobs ab. Mit Hilfe japanischer Berater führt er die "just in time"-Fertigung von Toyota ein. Und er krempelt die Modellstrategie um, setzt auf topmodernes Design und feilt mit Kommunikationschef Anton Hunger am Image der Wagen.
Beliebt macht sich Wiedeking in diesen Jahren nicht unbedingt. Er gilt als herrisch, als einer, dem immer gehuldigt werden muss, der keinen Widerspruch duldet. Von Wiedeking stammen Zitate wie: "Ich habe keine Angst. Nie." Banker beschimpft er als "Hasenfüße", die oft "die Hosen voll" haben.
"Ein Kotzbrocken", sagt ein Branchenkenner spontan, als er nach dem Westfalen gefragt wird. Ein anderer sagt, Wiedeking schieße ohne Bedenken "auf die eigene Jagdgesellschaft und nicht aufs Reh", wenn es ihm helfe.
Trotz oder gerade wegen dieser Skrupellosigkeit hat Wiedeking sagenhaften Erfolg. Ein Porsche wird wieder zum Statussymbol hedonistischer Gutverdiener, der Börsenwert des Unternehmens steigt in seiner Zeit von 350 Millionen Euro auf mehr als 17 Milliarden Euro.
Löwennummer Nummer zwei misslingt
Wiedeking hätte sich ab diesem Zeitpunkt einfach zurücklehnen, sein Imperium in Ruhe ausbauen und seinen Ruhm genießen können. Zeitungen preisen ihn als "König Wendelin" oder als einen der Deutschen, "um die uns die Welt beneidet". Der Manager erhält allerlei Ehrungen, der Preis "Excellence in Leadership" wird ihm gleich sechsmal in Folge verliehen.
Aber der Ghetto-Boxer will mehr. Eine zweite "Löwennummer" packen. Vielleicht kann einer wie er einfach nicht aufhören. "Wiedeking dachte, er könne übers Wasser gehen", sagt ein Insider. So kam es zu dem unglaublichen Versuch, Volkswagen zu übernehmen.
Der Coup ist gründlich in die Hose gegangen. Das Vorzeigeunternehmen Porsche hat sich tief verschuldet, wird wohl nun selbst ein Teil von VW. Und Wiedeking wurde bei der Konstruktion dieses Rettungsplans eiskalt abgesägt.
Denn er ist nicht der einzige skrupellose Egomane in dem Poker.
Der Porsche-Gesellschafter und VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch hat schon vor Wochen begonnen, Wiedeking zu demontieren. Auf Sardinien plazierte er bei der Vorstellung des neuen Polo in seine Plaudereien kaum verhohlene Fiesheiten gegen den Porsche-Chef. Bei der Hauptversammlung strafte Piëch Wiedeking mit Missachtung.
Auch Wiedekings Abgang wurde in der Presse vorweggenommen. Insider streuten die Nachricht unter anderem in der "Wirtschaftswoche", bei Porsche reagierte man hektisch, dementierte, sprach von "Mobbing". Doch Wiedeking war längst angeschossen, mehrfach.
Sein forscher Auftritt beim 100-jährigen Jubiläum von Audi am vergangenen Donnerstagabend wirkte wie ein letztes Aufbäumen gegen das Unvermeidbare. Schwungvoll entstieg er einem Porsche Panamera, erklärte demonstrativ gutgelaunt: "Ich bin ein glücklicher Vorstandschef und fühle mich in dieser Rolle pudelwohl."
Einen Tag später schon meldete SPIEGEL ONLINE: Wiedeking muss den Posten des Vorstandsvorsitzenden aufgeben.
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