Vor vierzig Jahren, am 20. Juli 1969, betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Dieser "kleine Schritt" war die Vollendung einer großen Vision. Kaum acht Jahre zuvor hatte US-Präsident John F. Kennedy vor dem Kongress seine Überzeugung zum Ausdruck gebracht: "Es wird nicht ein Mann zum Mond fliegen, sondern eine ganze Nation. Wir alle müssen daran arbeiten, ihn dorthin zu bringen."
Zu jenem Zeitpunkt war Europa in der Raumfahrt kaum aktiv. Diese Situation hat sich radikal gewandelt. Heute ist unsere Raumfahrtindustrie eine der leistungsfähigsten weltweit. Ihre Produkte erleichtern unseren Alltag und liefern uns unschätzbare Informationen über die Entwicklung unserer Umwelt.
Allein in den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Sektor europaweit um 15.000 gestiegen - auf insgesamt 40.000 im Jahr 2008. Mit der Raumfahrtindustrie verbundene Wirtschaftszweige beschäftigen weitere 250.000 Menschen.
Nach Ariane4 sichert heute die Trägerrakete Ariane5 Europas autonomen Zugang zum Weltraum. Erst kürzlich hat sie den weltweit größten Kommunikationssatelliten ins All befördert. Im vergangenen Jahr gelang es Europa, das Weltraumlabor Columbus sowie den Raumtransporter ATV an die internationale Raumstation ISS anzukoppeln. 2008 war also ein außerordentlich erfolgreiches Jahr: Nie war Europas Präsenz im All größer.
Reichen diese europäischen Erfolge aus? Nicht, wenn wir in den kommenden Jahrzehnten weiter eine bedeutende Rolle spielen wollen.
Zwischen Europas Aufwendungen für Raumfahrt von jährlich rund sechs Milliarden Euro und denen der USA, die rund acht Mal so hoch sind, wächst der Abstand immer weiter. Auch Russland pumpt heute wieder Milliarden in seine Raumfahrtindustrie.
Weitere Akteure tun sich hervor, besonders in Asien. China plant bis 2030 eine bemannte Mondmission, bis 2050 eine bemannte Marsmission. Peking investiert heute mindestens ebenso viel in Raumfahrttechnologien wie Europa. Um zwölf Prozent jährlich hat China seine Raumfahrtinvestitionen erhöht. In Indien beträgt der Anstieg sogar 25 Prozent pro Jahr. Auch Brasilien möchte seine Präsenz im Weltall verstärken. Im Gegensatz dazu verharren Europas Ausgaben seit Jahren auf dem gleichen Niveau.
Weltweit genießt die bemannte Raumfahrt hohe Priorität. 2007 wurde mit zwölf Milliarden Euro ein sehr großer Anteil des weltweiten Raumfahrtbudgets dafür aufgewendet - ein Anstieg von acht Prozent gegenüber 2006. Der Wettbewerb verschärft sich also, und die Erforschung des Alls hat heute denselben hohen Stellenwert wie vor 40 Jahren.
Um seine einflussreiche Stellung in der Raumfahrt zu erhalten, benötigt Europa eine neue Vision. Sie muss sich in mehreren Zielen manifestieren, deren Erreichen nicht nur Europas Position am Himmel stärken wird, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit unseres Kontinents in einer globalisierten Welt.
Europa braucht Galileo. Dieses Navigationssystem birgt die Chance, mehr als 100.000 Arbeitsplätze zu schaffen. Mit Galileo öffnet sich die Tür zu einer neuen Welt voller Möglichkeiten und Entdeckungen. Doch Europa geht dieses ambitionierte Ziel nur schleppend an. Andere treten wesentlich entschiedener auf. Im vergangenen Jahr haben die USA beschlossen, zehn Milliarden Dollar in ihr GPS der dritten Generation zu investieren. Russland schließt in Kürze sein Glonass-Programm ab, und China hat das Projekt Compass auf den Weg gebracht. Europa muss begreifen: Galileo ist eine Gelegenheit, die wir nicht verpassen dürfen. Aber dazu müssen wir die Umsetzung des Projekts beschleunigen.
Wir müssen Europas autonomen Zugang zum Weltraum auch in Zukunft sicherstellen. Die Lösung heißt Ariane6 - eine neue Trägerrakete. Sie wird von den drei Weisen empfohlen, die von der französischen Regierung beauftragt wurden, Optionen künftiger Raumfahrtpolitik aufzuzeigen. Soll diese Rakete zwischen 2025 und 2030 ihren Dienst aufnehmen, muss bereits zu Beginn des kommenden Jahrzehnts mit ihrer Entwicklung begonnen werden. Schließlich haben die USA, Russland und China bereits massiv in ihre Trägersysteme investiert. Daher muss Europa schnell und entschlossen handeln, um Ariane6 Realität werden zu lassen.
Ganz gleich, ob Europa den Mars oder den Mond ansteuern möchte: Wir benötigen Raumkapseln, die Sonden, Ausrüstung und Astronauten sicher aus dem All zurück zur Erde befördern können. Die "Advanced Re-Entry Vehicle" genannte Kapsel ist die gezielte Fortentwicklung des ATV. Die wesentlichen Technologien sind verfügbar, sie müssen nur zusammengeführt werden - das ist nichts, was wir nicht schaffen könnten.
Die zentrale Frage für die Zukunft der europäischen Raumfahrt lautet, wie viel Bedeutung wir bemannten Missionen beimessen: Haben wir den Mut - gemeinsam mit anderen - dieses größte aller Abenteuer zu wagen? Oder lassen wir uns von anderen abhängen? Unsere gemeinsamen europäischen Anstrengungen müssen dem jahrhundertealten europäischen Geist gerecht werden, das menschliche Wissen zu erweitern und seine Grenzen zu überwinden. Bemannte Raumfahrtexpeditionen sind der beste Beweis für unser Vertrauen in die Zukunft, für unser Vertrauen in Europa.
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