15. März 2010, 06:32 Uhr

Online-Boom in Chinas Provinz

Wohlstand dank WWW

Aus Shaji berichtet Wieland Wagner

Chinas Wirtschaftsboom ist an der Provinz vorbeigegangen. Bisher. Jetzt holen die ländlichen Regionen auf. Die Geschichte einer Kleinstadt, in der die Menschen noch vor kurzem vom Müllsammeln lebten - und die nun plötzlich als Internetunternehmer mit Pseudo-Designmöbeln reich werden.

Lange galt Shaji als besonders trostloser Flecken, und wenn die zersiedelte 60.000-Einwohner-Stadt im Norden der ostchinesischen Provinz Jiangsu überhaupt für irgendwas bekannt war, dann dafür, dass die bitterarmen Bewohner aus dem ganzen Land Kunststoffschrott sammelten, ihn in kleine Teile zerraspelten, in Säcke verpackten und weiterverkauften.

Reich wurde das sogenannte "Mülldorf" (chinesisch: "Polancun") auf diese Weise nicht. Vom Wirtschaftswunder der Volksrepublik bekam es vor allem die Fernlaster mit, die aus Richtung Peking oder Shanghai durch Shaji donnern und die Menschen hupend von der Fahrbahn scheuchen.

Doch neuerdings keimt ausgerechnet in diesem ländlichen Elend bescheidener Wohlstand auf. Nicht wegen des Plastikschrotts - der türmt sich seit Ausbruch der globalen Wirtschaftskrise oft unverkäuflich vor den Ziegelhütten -, sondern dank des Internets und auch dank Ikea, dem schwedischen Möbelhaus.

Schon 1200 Familien betreiben hier rund 2000 Online-Shops, über die sie lokal fabrizierte Möbel verkaufen - mit Designs, die zumeist unverkennbar durch Ikea-Produkte inspiriert wurden, was sie in Shaji geradezu triumphierend zugeben. Pro Jahr setzen sie geschätzt gemeinsam fünf Millionen Euro um. Für die rückständige Gegend ist das eine beachtliche Summe, und einige besonders Erfolgreiche gelten für die ländlichen Verhältnisse hier schon als reich.

Chen Lei, 29, ist der Pionier der neuen Wachstumsbranche. Schon vor drei Jahren gründete er eher zufällig beim Surfen im Internet seinen ersten Laden in der chinesischen Online-Shoppingmall "Taobao" (zu deutsch "Schatzsuche").

Der Jungunternehmer, dem die Haare stets ins Gesicht fallen, hockt am Computer. Er und seine Angestellten tragen dicke Jacken, die Häuser sind ungeheizt trotz Frost. Aber die Kälte stört sie nicht, sie kleben fast an ihren Monitoren, wenn nötig 12 bis 16 Stunden am Tag.

Chinas größte virtuelle Einkaufsstraße

Ständig tönt es "ding dong" aus den Lautsprechern. Ein neuer potentieller Kunde verlangt dann per Online-Chat Auskunft über die Möbel aus Shaji: Wie schnell könnt ihr liefern? Wie leicht lässt sich das Regal zusammenschrauben? Taugen eure Möbel wirklich etwas?

Der Rest ist Routine auf "Taobao", Chinas größter virtueller Einkaufsstraße. Das Portal gehört Jack Ma, dem größten chinesischen Internet-Tycoon. Mitte 2009 waren offiziell 145 Millionen Nutzer registriert, im Jahr zuvor kam das Portal auf einen Gesamtumsatz von 99,96 Milliarden Yuan. Gleichzeitig fanden laut "Taobao" angeblich rund 570.000 Menschen Arbeit durch die Gründung von Online-Shops.

Unter ihnen Chen, der anders als viele seiner Nachbarn nicht per Dreirad durch den Ort tuckert, sondern stolz ein Auto der heimischen Marke "BYD" ("Build your dreams") vor der Tür parkt - und schon daran denkt, sich einen Honda zu kaufen. Aber jetzt beginnt für Chen erstmal die tägliche Hauptgeschäftszeit. Vom frühen Nachmittag bis früh morgens loggen sich die meisten Kaufwilligen in Großstädten von Shanghai bis Shenzhen ins Internet ein, um in Shaji zu bestellen, anstatt bei Ikea - dem großen schwedischen Vorbild, das die neureiche Mittelschicht in den Millionenstädten bedient und dessen Regale, Schreibtische, Betten oft dreimal so teuer sind wie Produkte aus Shaji.

Nachbarinnen mit Schere, Pappe und Klebeband

In Shaji lässt sich beobachten, wie auch das ländliche China immer mehr von der wachsenden Binnennachfrage profitiert. Chen greift sich einen Stapel von Bestellscheinen, die an diesem Tag eingegangen sind. Es wird Zeit, die Arbeiter in seinen zwei kleinen Fabriken mit den neuen Aufträgen zu versorgen. Er hastet über die Straße, aus einem Hinterhof kreischt eine Kreissäge; in einem Schuppen unter einem zugigen Wellblechdach sägen zehn Arbeiter Bretter in allen Größen zurecht.

Ein Vorarbeiter im weißen Kittel klebt mit einer Maschine Kunststofffurnier auf die Teile für einen Computertisch. Er heißt Cha Junchen, 44, und hat vor mehr als einem Jahr noch in der Provinz Shandong als Wanderarbeiter auf Baustellen malocht - wie die meisten, die in Shaji nach der Schule keine Jobs fanden. Dank des aufblühenden Online-Handels lebt er jetzt wieder bei seiner Familie.

Die Produktionsweise erinnert bisweilen an Methoden, die in privaten Bastelkellern üblich sind. Chen beschäftigt Nachbarinnen, um Regalbretter und Schrauben zu verpacken, mit Schere, Pappe und Klebeband - alles per Hand. Ihre Löhne sind auch für China niedrig: 60 bis 300 Euro im Monat.

Die Pakete mit den Möbelteilen gehen später per Express auf die Reise. Pünktliche Lieferung ist so gut wie garantiert. Über den vielen kleinen Läden von Shaji prangen inzwischen Firmenschilder aller großen chinesischen Express-Zustelldienste - das ist praktisch ein Nebenzweig des neuen Online-Handels, ebenso die fünf Computer-Shops, die in Shaji unlängst aufgemacht haben.

Staat und Partei lassen sie in Ruhe

Und so entstehen ständig weitere Jobs in dem einstigen Mülldorf. Anfangs gaben die Bosse der Online-Shops ihre Möbel noch bei lokalen Tischlern in Auftrag. Doch mit eigenen Fabriken seien die Gewinne zu steigern, sagt Chen. In Kürze will er eine größere moderne Fabrik für rund eine Million Yuan bauen, dann werden in Shaji insgesamt fünf größere Betriebe und 30 kleinere Familien-Werkstätten Teile für Do-it-Yourself-Möbel produzieren.

Um zu zeigen, wie sein Neubau aussehen soll, besucht Chen seinen Freund Wang Yue, 26, einen anderen Online-Händler. Wang hat sich kürzlich eine Fabrik gebaut. Bei ihm sägen 17 Arbeiter das Holz mit vier nagelneuen Maschinen zurecht. Am Tor hängt ein Schild: Wang sucht dringend weitere Online-Verkäufer und Packerinnen. Das Geschäft blüht.

Wang kam durch Chen auf die Idee für den Online-Handel, genau wie sein Bruder Pu, 28, der nebenan auch eine neue Fabrik eingeweiht hat. Das nötige Geld haben sie sich von Freunden und Verwandten geliehen. Auf Kredite der staatlichen Banken können sie nicht hoffen, berichtet Wang, auch nicht auf Gelder aus dem Konjunkturpaket, mit dem die Regierung in Peking derzeit vor allem Straßen und Flughäfen bauen lässt. "Für kleine Privatunternehmer wie uns sind die Zinsen viel zu hoch", sagt Wang.

Aber eigentlich sind sie froh, solange Staat und Partei sie in Ruhe lassen. Sie haben schon genug mit Nachbarn und Verwandten zu tun, die an ihrem neuen Reichtum beteiligt werden wollen. Auf dem Rückweg schaut Chen bei Chang Li, 34, vorbei, die Nachbarin betreibt zwei Häuser weiter einen winzigen Kramladen. Bonbons, Buntstifte, Feuerwerksknaller - alles purzelt in Regalen und Vitrinen durcheinander. Doch Chang hat kaum noch Zeit, ihren vollgestopften Laden mal aufzuräumen oder sich länger um ihren kleinen Sohn zu kümmern, der ihr auf dem Schoß herumkrabbelt. Chang hockt auf dem Betonfußboden vor einem verstaubten schwarzen Computer und chattet mit Online-Kunden.

Mehr als bloße Kopien

Seit einem Jahr verdient sie auf diese Weise mit an einem der drei Online-Shops, die Chen inzwischen gegründet hat. Sie hat ihren Nachbarn solange gedrängt, bis er sie endlich einweihte, wie man einen Computer bedient. Zwar beherrscht sie nur die paar nötigen Klicks, um Online-Aufträge entgegenzunehmen - aber das reicht ihr.

Die Gründer-Bosse wie Chen oder die Wang-Brüder denken schon weiter. Sie ahnen, dass sie auf Dauer nicht mit Billigmöbeln bestehen können. In Shaji erwachsen ihnen ständig Nachahmer, der jüngste heißt Sha Wanli, ist 17 und hat erst im Juni die Schule beendet. Mit Ersparnissen, die seine Verwandten im Kunststoff-Recycling verdienten, hat er gerade eine Fabrik für Computertische eröffnet.

Jetzt grübeln Chen und die Wangs darüber, wie sie berühmte Marken aufbauen können. Da haben sie noch viel zu tun - wie manche Kundenkommentare auf Wangs Online-Shop zeigen. Viele loben zwar prompte Lieferung. Aber sie klagen über wacklige Tischbeine, fehlende Löcher für Schrauben oder schlampigen Service.

Die Aufsteiger von Shaji sind stolz, alle möglichen Möbel praktisch aus dem Gedächtnis nachbauen zu können. Sie wollen nicht als bloße Kopierer gelten. Und sie wollen aus ihren Fehlern lernen. Durch das Chatten mit den Kunden wisse er stets, was der Markt neu verlangt, sagt Chen. "Wir werden unsere Möbel stetig verbessern. Wir werden zeigen, wie kreativ wir Chinesen sind."


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