11 Wall Street Sterntaler in New York

Es war einmal ein kleines Unternehmen namens Travelzoo.com, das schenkte den Besuchern seiner Webseite 700.000 scheinbar wertlose Aktien. Jetzt fällt Geld vom Himmel. Ein Dotcom-Märchen

Von , New York


Webseite Travelzoo: Weniger wert als gebrauchte Rabattmarken

Webseite Travelzoo: Weniger wert als gebrauchte Rabattmarken

New York - Es gab eine Zeit, da taten Internet-Unternehmen alles, um Websurfer auf ihre Seiten zu locken. Sie boten Gutscheine. Nackte Mädels. Oder Aktien. Pionier der Gratisaktie war seinerzeit Travelzoo.com. Die Tourismusseite schenkte jedem, der ihren Newsletter abonnierte, drei Aktien. Wer weitere Interessenten köderte, konnte bis zu zehn Travelzoo-Anteilsscheine umsonst bekommen.

Es war eine hübsche PR-Aktion, die sich der deutsche Travelzoo-Gründer Ralph Bartel damals ausgedacht hatte. Die Surfer kamen in Scharen und alle großen Blätter, darunter die "New York Times" und das "Wall Street Journal" druckten die Geschichte - wenn auch meist mit einem negativen Tenor. Travelzoos Massenbeschenkung galt vielen als Beweis dafür, dass die junge Internet-Branche inzwischen völlig durchgeknallt war (dabei wurde es später noch viel schlimmer). Auch das "Handelsblatt" witterte Verrat: "Die Angebote", meckerte die Zeitung, "riechen nach Bauernfängerei."

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Das Misstrauen war durchaus berechtigt. Weder Travelzoo noch ein anderes Unternehmen, das so genannte Aktien verschenkte, notierte seinerzeit an der Börse, die Papiere waren folglich nichts wert. Für das zweifelhafte Privileg, Shareholder einer drittklassigen Internet-Firma sein zu dürfen, hatten die Beschenkten im Gegenzug ihre persönlichen Daten herausrücken müssen. Das sah nach einem ungleichen Tauschgeschäft aus. Auch gab es Ärger mit der US-Börsenaufsicht SEC. Die störte sich an dem ihrer Ansicht nach irreführenden Begriff "Aktie".

Dennoch versicherte Travelzoo seinen Aktionären, ganz im träumerischen Stil der Zeit, dass große Reichtümer auf sie warteten. Im Kapitel Frage-und-Antwort der Webseite wurde auch der Wert der Anteilsscheine diskutiert. Das Unternehmen wies darauf hin, dass die beliebtesten Websites im Internet "1.000.000.000 Dollar oder mehr" wert seien. "Travelzoo ist keine von ihnen", kommentierte das Börsenmagazin "Barrons" damals trocken.

Auch in den kommenden Jahren wurde aus Travelzoo kein Amazon und auch kein Yahoo!. Nicht einmal innerhalb des Universums der Reiseseiten wurde das Unternehmen eine bekannte Marke; wer in den USA Flüge oder Hotels bucht, klickt eher zu Expedia, Orbitz oder Hotels.com. Travelzoo listet hingegen lediglich die Werbeangebote von Fluggesellschaften oder Autoverleihen auf. Und so geriet die ganze Sache schnell in Vergessenheit. Es schien sinnvoller, abgelaufene Rabattmarken aufzubewahren denn Travelzoo-Aktien. Erstere besitzen zumindest einen - wenn auch geringen - Materialwert.

So kann man sich irren.

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Mit einer an Starrsinn grenzenden Zielstrebigkeit machte Vorstandschef Bartel nach dem Platzen der Dotcom-Blase weiter. Zunächst verlegte Travelzoo seinen Firmensitz von den Bahamas nach Delaware. Dann brachte der studierte Journalist sein Unternehmen im August 2002 an den so genannten OTC-Markt der Börse. Das ist das Wall Streetsche Pendant zu Rudis Resterampe, aber immerhin. Anfang 2004 erreichte Bartel dann sein Ziel: Nicht zuletzt dank eines soliden Geschäfts und schwarzer Zahlen gelang Travelzoo im Januar der Wechsel an die Wachstumsbörse Nasdaq.

Seit dem Börsengang 2002 hatten Travelzoos Gratisaktionäre zwei Jahre Zeit, ihre Alt-Anteile in richtige Aktien zu konvertieren. Nur wenige nahmen das Angebot wahr, die meisten hatten vermutlich bereits vor Jahren die Hoffnung aufgegeben. Schade eigentlich: Am Tag der Erstnotierung an der Nasdaq kostete das Papier mit dem Kürzel TZOO 8,65 Dollar. Wer viereinhalb Jahre zuvor die maximale Stückzahl von zehn Aktien abgegriffen hatte, bekam somit 86,50 Dollar geschenkt. Nicht die Welt, aber immerhin ein flottes Abendessen zu zweit. Und umso beachtenswerter, als man an der Wall Street für gewöhnlich nichts geschenkt bekommt - außer zweitklassigen Analystenberichten, wenn einem der Broker eine angeblich sensationelle Aktie andrehen will.

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Aber der wahrhaft märchenhafte Teil der Geschichte kommt erst noch.

Ende April 2004 setzte bei Travelzoo die Schwerkraft aus. Binnen eines Monats stieg die Aktie um 224 Prozent auf 22,56 Dollar. Anfang Juni kletterte der Preis auf den bisherigen Höchststand von 27,25 Dollar. Warum, weiß keiner so genau. Gerüchte über eine Übernahme oder einen bevorstehenden Riesendeal gibt es nicht. Auch das Unternehmen hat nach eigenen Angaben keine Ahnung, warum die Aktie durch die Decke geht.

Ein Rücksturz zur Erde scheint unausweichlich. Irgendwann wird den Börsianern auffallen, dass eine werbelastige Reiseseite mit ein paar Millionen Abonnenten keine 350 Millionen Dollar wert ist. Der Kurs bröckelt bereits wieder. Bis auf weiteres können sich die Aktionäre von einst jedoch freuen. Am Freitag waren zehn Travelzoo-Aktien 179,90 Dollar wert. Bartel sieht die Entwicklung einer Unternehmensmitteilung zufolge mit gemischten Gefühlen: "Wir glauben nicht, dass es im Interesse unseres Unternehmens oder unserer Aktionäre ist, wenn Handel auf Basis unfundierter Gerüchte ... stattfindet." Na ja. Für den Mehrheitsaktionär ist mit ein paar Jahren Verspätung der Traum jedes Dotcom-Gründers wahr geworden. Mit einem Aktienpaket im Wert von über 240 Millionen Dollar ist der Deutsche nun märchenhaft reich.

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