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11 Wall Street: Was Windows XP nicht kann

Von , New York

Nicht nur Microsoft erwartet einen kräftigen Schub von Windows XP. Die gesamte Technologieindustrie hofft auf das neue Betriebssystem. Aber wird es einen XP-Effekt geben?

Zauberbuchstaben: Bill Gates beim Start von Office XP im Mai
DPA

Zauberbuchstaben: Bill Gates beim Start von Office XP im Mai

New York - Der ursprüngliche Werbeslogan für Windows XP lautete "Prepare to fly". In einem der TV-Spots sollten Menschen durch Gebäude fliegen. XP macht frei und mobil, wollte Microsoft damit ausdrücken. Wenig überraschend wurde die Kampagne, die noch in der Planungsphase war, nach den Terroranschlägen vom 11. September eingestampft. Stattdessen gibt es den neuen Slogan "Yes you can", unterlegt mit dem spirituellen "Ray of Light" von Madonna. Das Lied verbreite eine positive, inspirierende Stimmung, heißt es zur Begründung.

Ironischerweise illustriert die neue Kampagne genau die Rolle, die Windows XP für Microsoft und die Technologiebranche spielt. Das Betriebssystem, das am Donnerstag mit viel Pomp am Times Square offiziell gelauncht wird, ist der Lichtstrahl in düsteren Zeiten. Computerhersteller wie Dell und Chiphersteller wie Intel hoffen darauf, dass das Interesse an XP den schwachen PC-Markt wiederbeleben kann.

Und mit dem Schlachtruf "Yes you can" scheint Bill Gates sich selbst zuzurufen: Du bist immer noch so gut wie früher. Die Messlatte ist Windows 95, das den Umsatz des Unternehmens damals mal eben um 62 Prozent erhöht hatte. Darüberhinaus sollen XP und die Videospielkonsole X-Box, die Mitte November an den Start geht, eine neue Ära einläuten. Die beiden Plattformen sollen die Portale in die vernetzte Zukunft sein. Dort sieht Gates das Potenzial für weiteres Wachstum.

Doch so wie es aussieht, wird es keinen XP-Effekt geben. Die ersten Erfahrungen der Computerhersteller, die bereits seit einem Monat Computer mit XP anbieten dürfen, sind enttäuschend. Die Nachfrage zieht nicht an. Für viele Analysten keine Überraschung. "Selbst in einer brummenden Wirtschaft könnte XP nicht das Wachstum der PC-Industrie beeinflussen", sagt Drew Brosseau von SG Cowen Securities.

Und im Moment ist der PC-Markt in der tiefsten Krise seiner Geschichte. Dieses Jahr werden zum ersten Mal weniger Computer verkauft als im Vorjahr. Die Marktforschungsfirma IDC schätzt, dass der US-Markt 2001 um sechs Prozent auf 67 Milliarden Dollar schrumpft. Die Ereignisse seit dem 11. September haben die Lage noch verschlimmert. "Die Unsicherheit der Verbraucher und der Unternehmen trifft den PC-Markt am härtesten", sagt John Gantz von IDC.

Keine guten Vorzeichen für XP also. Microsoft hat seine Umsatzerwartungen bereits zurückgeschraubt. Zwar betonte Finanzvorstand John Connors bei der sehr optimistischen Vorstellung der Quartalszahlen am vergangenen Donnerstag, Microsoft habe keine großen Schäden von der Terror-Attacke davon getragen. Dennoch rechnet er jetzt im laufenden Quartal mit einem Rückgang der PC-Verkäufe um zwei Prozent. Vorher hatte er noch einen XP-getriebenen Zuwachs von fünf Prozent prognostiziert.

Dank XP und X-Box erwartet Microsoft im laufenden Quartal einen Umsatzanstieg um neun Prozent. Aber das ist weit entfernt von der Wachstums-Explosion, wie sie Windows 95 ausgelöst hatte. Das Betriebssystem hatte damals im ersten Quartal nach der Einführung allein den Windows-Umsatz um 104 Prozent nach oben getrieben. Zum Vergleich: XP wird laut IDC-Schätzung im ersten Jahr magere fünf Prozent mehr Umsatz im Windows-Geschäft bringen.

Wie kann der Unterschied so groß sein? Unter anderem ist das mit der Größe des Unternehmens zu erklären. Damals hatte Microsoft einen Jahresumsatz von 6 Milliarden Dollar. Jetzt sind es 28 Milliarden Dollar. Je größer eine Firma wird, desto langsamer wächst sie für gewöhnlich. Doch der Hauptgrund für die schwache Performance ist ein anderer: Der Computermarkt ist gesättigt. Und trotz aller Bemühungen, in neue Bereiche wie Web-Services einzudringen, ist Microsoft immer noch zu 65 Prozent von PCs abhängig. "Man darf nie vergessen, dass Microsoft eine PC-Firma ist, und dass sie nicht viel tun können, um das Wachstum dieser Branche zu beeinflussen", sagt Brousseau. Eine Erholung wird frühestens für Mitte 2002 erwartet.

Dennoch ist Microsoft langfristig gut positioniert. Die soliden Quartalszahlen haben es bereits angedeutet: Wie IBM kann Microsoft eine Krise relativ unbeschadet überstehen. Gerade in schwierigen Zeiten vertrauen Kunden großen Firmen, von denen sie wissen, dass sie überleben werden. Das ist eine Chance für Microsoft, etwa bei den Web-Services Marktanteile zu gewinnen. Das Servergeschäft zeigt schon starkes Wachstum. Die Rezession wird die Konsolidierung im Tech-Sektor beschleunigen. Und die Sieger stehen für viele Beobachter bereits fest: Die Blue Chips werden als erste aus der Krise herauskommen.

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