11 Wall Street Wie der US-Justizminister den Dow Jones beeinflusst

Die wirtschaftlichen Daten der USA sind verheerend, doch die Wall Street erlebt eine erstaunliche Rallye. Wie kommt das?

Von , New York


Haufenweise schlechte Konjunkturdaten: Die Bullen an der Wall Street kratzt es nicht
REUTERS

Haufenweise schlechte Konjunkturdaten: Die Bullen an der Wall Street kratzt es nicht

New York - Finanzmärkte sind einfach faszinierend. Da befindet sich das Land in einem riskanten Zwei-Fronten-Krieg, die Wirtschaft in einer handfesten Rezession, und an der Wall Street gibt es Champagner.

Oktober ist normalerweise der Angstmonat, die Zeit der Schwarzen Freitage und Montage. Und dieser Oktober erfüllte alle Voraussetzungen, um die Tradition fortzuführen. Fast jeden Tag wurde eine neue Horrorstatistik veröffentlicht: Die Wirtschaft schrumpft im dritten Quartal zum ersten Mal seit 1993. Das Verbrauchervertrauen sinkt auf den tiefsten Stand seit 1994. Die Güter-Produktion fällt auf das niedrigste Niveau seit 1991. Und die Firmengewinne erleben den schlimmsten Einbruch seit 1951.

Doch statt Reißaus zu nehmen, feiern die Börsianer einen goldenen Herbst. Der Dow Jones gewann im Oktober 2,6 Prozent, der S&P 500 stieg 1,8 Prozent und der Technologie-Index Nasdaq Composite verbuchte ein sattes Plus von 12,7 Prozent.

Etliche Beobachter sind überzeugt, dass die Rallye anhalten wird. Dabei wird es schlechte Nachrichten nur so hageln: Ende dieser Woche geben die US-Einzelhändler ihre Verkaufszahlen für Oktober bekannt. Am Donnerstag veröffentlicht das Arbeitsministerium den Bericht zum Produktivitätswachstum. Beide werden enttäuschend ausfallen. Und das vierte Quartal wird nach allgemeiner Einschätzung noch schlimmer als das dritte. Die Unternehmensgewinne werden um 27 Prozent einbrechen, schätzt die Investmentbank Lehman Brothers.

Wie können die Aktienkurse angesichts solcher Zahlen steigen? Hören die an der Börse keine Nachrichten? So ähnlich. "Schlechte Nachrichten können den Markt nicht mehr überraschen", sagt Charles Reinhard, Analyst von Lehman Brothers. Mit anderen Worten: Die Marktteilnehmer sind so abgestumpft, dass sie tatsächlich nicht mehr hinhören. Gute Nachrichten allerdings dringen noch durch. Die Bereitschaft der US-Regierung, rund 150 Milliarden Dollar in die Wirtschaft zu pumpen, habe die Börsianer beeindruckt, sagt Reinhard. Auch die aggressive Zinspolitik der Federal Reserve werde inzwischen ernst genommen.

Justizminister Ashcroft: Börsenboom durch Verhaftungen?
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Justizminister Ashcroft: Börsenboom durch Verhaftungen?

"Die Psychologie hat sich um 180 Grad gedreht", sagt Bryan Piskorowski von Prudential Securities. "Der Markt glaubt an den schnellen Wirtschaftsaufschwung", bestätigt Joseph Abbott, Analyst bei Deutsche Banc Alex Brown. Schon gilt das Kursniveau des 21. Septembers als der vielzitierte "Boden", der Tiefstand, den Analysten monatelang herbeigeredet hatten. Ab sofort gehe es aufwärts, sagt Reinhard.

Aber wie lange kann der Bullenmarkt dauern? Nach Meinung der Analysten kann er die Hiobsbotschaften der nächsten Monate locker überstehen. "Nur eine weitere terroristische Attacke kann die Rallye aufhalten", meint Abbott. Für Reinhard zeigt die Rallye bereits das Ende der Rezession an. "Der Markt ist den Ereignissen voraus." Historisch habe der Aktienmarkt seinen Tiefpunkt immer sechs Monate vor der Wirtschaftserholung erreicht. Demnach werde die Rezession nächstes Frühjahr enden.

Doch wer weiß - am Ende hat der Aktienboom gar nichts zu bedeuten. Lawrence Kudlow, Miterfinder der "Reagonomics", der Wirtschaftspolitik des früheren US-Präsidenten, hat sich seine eigene Erklärung zurecht gelegt. Auf einem Forum vergangene Woche sagte er, ihm sei ein Zusammenhang zwischen dem Dow Jones und den Handlungen des Justizministers John Ashcroft aufgefallen. Am Tag, nachdem Ashcroft die vorläufige Festnahme von 400 Personen im Zusammenhang mit der Terror-Attacke angekündigt hatte, stieg der Dow Jones um 375 Punkte. Das habe ihm zu denken gegeben, erzählte Kudlow dem kichernden Publikum. Er verfolgte die Entwicklung weiter - und fand Bestätigung: "Inzwischen sind tausend Personen im Gewahrsam, und der Dow Jones hat tausend Punkte zugelegt". Kudlow wird übrigens als Nachfolger für Alan Greenspan gehandelt.



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