1700-Euro-Tata "Der sieht ja aus wie ein echtes Auto!"

Es ist die Auto-Sensation der Saison. Der Tata-Konzern präsentiert in Neu-Delhi sein Billig-Mobil Nano. Indien feiert Firmenchef Ratan Tata wie einen Superstar - der Konzern hat große Träume: Er plant die Expansion auch nach Europa.

Von Sascha Zastiral, Neu-Delhi


Neu-Delhi - Autofreaks, Journalisten, Fachleute - aus der ganzen Welt drängen Hunderte Menschen in die riesige Halle 11 der Auto-Expo in Neu-Delhi. Manche Besucher stehen auf Stühlen und Lautsprecherboxen. An den Eingängen greifen die Ordner hart durch. Es kommt zu Raufereien, als immer mehr Menschen versuchen, in die völlig überfüllte Messehalle zu drängen.

Dann der Moment, auf den die Automobilwelt seit Wochen wartet. Auf der Bühne öffnet sich das Tor, über dem das große Logo des indischen Tata-Konzerns prangt. Ein kugeliger weißer Kleinwagen rollt langsam in das Blitzlichtgewitter. Am Steuer sitzt Unternehmenschef Ratan Tata selbst.

Die Zuschauer sind begeistert, der Wagen übertrifft alle Erwartungen. "Der sieht ja aus wie ein echtes Auto", entfährt es einem französischen Reporter. "Great, man great", ruft ein indischer Kollege.

Der kleine Viertürer, der aussieht, als hätte man einen Renault Twingo mit einem Ford Ka gekreuzt, fährt ein wenig über die Bühne und bleibt schließlich stehen. Vier Personen steigen aus, schon das ist bei der Präsentation ein Statement: Welcher Kleinwagen sonst kann eine ganze Familie transportieren?

Hintergrund: Tata Nano
Technische Daten
AFP
Der Nano wird mit einem 33 PS starken 623-Kubikzentimeter-Zweizylindermotor angetrieben, der im Heck untergebracht ist. Die dreitürige Basisversion ist 3,10 Meter lang, 1,50 Meter breit und 1,60 Meter hoch. In Europa soll der Wagen ein Dreizylinder-Aggregat erhalten.
Preis
Mit rund 1700 Euro kostet der Nano die Hälfte des bislang weltweit billigsten Modells. Der QQ3 des chinesischen Herstellers Chery wird bei den Autohändlern in der Volksrepublik für rund 3400 Euro angeboten. Der Nano soll im März 2009 in den Verkaufsräumen der indischen Händler stehen. Experten erwarten, dass der Viersitzer weltweit in vielen Schwellenländern Käufer finden wird. In Europa wird es das Fahrzeug vermutlich ab 2012 geben - für rund 5000 Euro.
Sicherheit
Der Nano hat eine Metallkarosserie und serienmäßig Sicherheitsvorkehrungen wie Knautschzone, verstärkte Türen und Sicherheitsgurte. Er erfüllt nach Herstellerangaben die indischen Sicherheitsstandards. Die Europa-Version erhält Airbags und ein NCAP-Crashtest-Rating.
Umweltschutz
Durch die Verarbeitung von Kunststoffen ist das Auto leicht und verbraucht weniger als vier Liter Benzin auf 100 Kilometer. Das entspräche CO2-Emissionen von 94,8 g/km. Umweltschützer befürchten aber, dass durch hohe Verkaufszahlen der sparsame Verbrauch relativiert wird. Dem Chef des Weltklimarats, Rajendra Pachauri, bereitet der Kleinwagen nach eigenen Worten "Alpträume".

Ratan Tata steht neben dem weißen Zwergflitzer und grinst. Die Sensation ist perfekt: Der Tata Nano ist da.

Die Entwicklung des "indischen Volkswagens" hatte Konzernchef Tata vor fünf Jahren angekündigt. Damals versprach er, das Auto werde nicht mehr als 100.000 Rupien kosten, rund 1700 Euro. Kritiker spotteten, zu diesem Preis könne man nur ein vierrädriges Motorrad mit Türen bauen. Ratan Tata beweist heute das Gegenteil.

Der 70-jährige Topmanager mit dem markanten Falkengesicht gilt normalerweise als smart und zurückhaltend. Heute trägt er seinen Stolz offen zur Schau. "Ein Meilenstein" sei die Entwicklung, ruft er ins Mikrofon. Der Wagen werde in seiner einfachsten Ausführung tatsächlich nur 100.000 Rupien kosten, wenn er in der zweiten Hälfte des Jahres bei den Händlern steht. "Und zwar deshalb, weil ein Versprechen eben ein Versprechen ist." Zum Preis kämen lediglich die Steuer und die Transportkosten hinzu.

Drei Tage vor Eröffnung der prestigeträchtigen Detroiter Automesse ist dem Tata-Konzern damit ein fulminanter Coup geglückt. Denn die gesamte automobile Weltpresse drängt sich heute in Neu-Delhi, um bei der Vorstellung des Nano dabei zu sein. Nach Angaben des Unternehmens erfüllt der Billigflitzer trotz des geringen Preises alle indischen Sicherheitsstandards - und die wichtige Euro-IV-Norm. Allerdings: In Europa ist der Wagen vorerst nicht zu haben.

Angetrieben wird der Nano von einem 33 PS starken Zweizylindermotor, der im Heck untergebracht ist. Verbrauchen soll der 3,10 Meter lange, 1,50 Meter breite und 1,60 Meter hohe Zwergflitzer nur fünf Liter auf 100 Kilometern. Um Gewicht zu sparen, bestehen viele Teile der Nano-Karosserie aus Kunststoff.

Ein wesentlicher Zulieferer ist der deutsche Bosch-Konzern. So stammt die Einspritztechnik für die Motoren von dem Stuttgarter Unternehmen. Außerdem steuert Bosch Bremssysteme und Teile der Autoelektrik bei.

Der Nano als Lebensretter

Nach der Zielgruppe für das Plastikmobil muss man in Neu-Delhi nicht lange suchen. In der Nähe der Messehallen steht das India Gate, ein gigantisches Monument aus der Kolonialzeit. Im riesigen Kreisverkehr um das Denkmal suchen sich Unmengen von Autos, Fahrrädern und Dreiradrikschas hektisch hupend ihren Weg.

Jedes Jahr sterben auf Indiens staubigen Schlaglochpisten rund 90.000 Menschen. Immer wieder kommen ganze Familien ums Leben, wenn sie bis zu fünfköpfig auf Rollern und Motorrädern waghalsig um Kühe und Fußgänger jonglieren. Genau an diese Familien habe er bei der Entwicklung eines indischen Volkswagens gedacht, sagt Konzernchef Tata.

Die Kalkulation könnte aufgehen. Ein gut ausgestattetes Motorrad kostet in Indien 70.000 Rupien. Der Nano bringt es im Handel vermutlich auf 120.000 Rupien - nicht übermäßig viel mehr. Zumal der kleine Flitzer nur halb so viel kosten wird wie das derzeit billigste Auto am Markt.

Und der Konzern denkt schon weiter: In ganz Südostasien, Afrika und Südamerika soll der indische Kleinstwagen Käufer finden. Man führe darüber Gespräche mit dem Kooperationspartner Fiat, sagte der Konzernchef. Mit im Boot ist auch der deutsche Autokonzern Daimler. Er ist nach eigenen Angaben zu 6,64 Prozent an Tata beteiligt. Eine Zusammenarbeit in der Produktion gebe es aber nicht.

Insgesamt ist zunächst der Bau von 250.000 Nanos pro Jahr geplant. Mittelfristig sollen eine Million Fahrzeuge vom Band rollen.

Auch über Europas Straßen soll der Nano in ein paar Jahren rollen. Wegen der hohen europäischen Sicherheitsstandards wird hier aber eine technische aufgerüstete und stärker motorisierte Variante zu haben sein, die mehr als das Basismodell kosten dürfte.

"Der Nano ist kein Ökomobil"

Doch Kritiker schlagen Alarm: Schon heute sind die Straßen in den meisten indischen Städten gnadenlos verstopft, der Ausbau der Verkehrswege geht äußerst schleppend voran. Die Aussicht auf Millionen kleiner Nanos löst deshalb nicht nur Begeisterung aus. Rajendra Pachauri, der oberste Klimawissenschaftler der Uno, sagte im Dezember, das Billigauto bereite ihm Alpträume.

Diese Vorwürfe sind Ratan Tata nicht fremd. Er gibt nach der Präsentation zu: "Der Nano ist kein Ökomobil. Das wäre zu diesem Preis nicht zu machen gewesen." Trotzdem solle der Wagen mit seinem Spritverbrauch von fünf Litern und seinem nur 623 Kubikzentimeter großen Motor das schadstoffärmste Auto auf Indiens Straßen sein.

Der Tata Nano soll die Mobilität für Millionen Inder verändern: "Ich hoffe, dass wir für die Menschen einen Unterschied machen können", sagt Tata. Die indischen Journalisten quittieren es mit lautem Applaus. Tata wird in Indien seit der Übernahme des britisch-niederländischen Stahlriesen Corus gefeiert.

Schon bald könnte Tata die nächste Sensation schaffen. In der Übernahmeschlacht um Land Rover und Jaguar liegt der Konzern laut Presseberichten vorn. Läuft alles nach Plan, dann fährt bald nicht nur das billigste Auto der Welt unter der Marke Tata. Auch die edlen Briten-Modelle gehören dann zu dem indischen Konzern.

Mit Material von dpa

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