24-Stunden-Supermarkt: Weltniveau am Kühlregal

Von Marie Preuß

Shoppen rund um die Uhr, selbst mitten in der Nacht: Seit einer Woche ist das im Berliner Stadtteil Wilmersdorf möglich. Die Gewerkschaften sind nicht begeistert - die Kunden dagegen schon.

Berlin - Mitternacht in Wilmersdorf, verlassen liegt die Berliner Straße da. Eine Vespa knattert über die Kreuzung. Scheinbar kein Leben im westlichen Bezirk. Doch genau hier, zwischen Altbauten und Hochhäusern, hat Berlin gerade seinen ersten Non-Stop-Supermarkt eröffnet. "Das ist Weltniveau!" sagt eine rothaarige Wilmersdorferin vor der Fleischtheke begeistert - Berlin berauscht sich auch nachts am liebsten an sich selbst.

Seit einer Woche werden in der Bundeshauptstadt auf 17.000 Quadratmetern 20.000 Artikel rund um die Uhr zum Verkauf angeboten. Nur sonntags bleibt die Kasse zu. Von Montagmorgen ab 8 Uhr bis Samstag 23 Uhr verkauft der Berliner Traditionsladen "Reichelt" seine Produkte an nachtschwärmende Kunden. Hell leuchten die Buchstaben am Eingang und das blaue P der Tiefgarage in der Dunkelheit, und das eher für ältere Bewohner bekannte Wilmersdorf wirkt tatsächlich ein bisschen groovy.

Doch hinter der funkelnden Fassade wird geschuftet. 15 Leiharbeiter bestreiten die Nachtschicht. Sie kassieren und füllen die Regale auf, während die Kunden nach Kognac fragen oder Chips suchen. Geschult und bezahlt werden die Arbeiter von der Personaldienstleistungsfirma ISS. Thomas Köppel, zuständig für Marketing und Vertrieb, überzeugt sich heute vor Ort von der Arbeit seiner Kolonne. Herr Köppel schwitzt, die Kolonne schwitzt noch mehr.

Tagsüber im Callcenter, nachts im Supermarkt

Blitzschnell füllen Köppels Arbeiter die Regale auf, sortieren Milch und Hundefutter, verladen Bierkisten und Klopapier. Am nächsten Morgen um 7 Uhr muss der Laden "tiptop" übergeben werden – an die hauseigenen Angestellten von "Reichelt". Die Tagesarbeiter bekommen im Schnitt doppelt so viel an Lohn wie ihre nachtschaffenden Kollegen, denen nur ein Stundenlohn von fünf Euro zusteht. Trotzdem schuften seine Leute ohne Pause. Die "besonders motivierte Arbeitsweise" erklärt sich Herr Köppel mit den "Aufstiegschancen" in seiner Firma. Viele seiner Nachtschichtler leiten heute angeblich "ganze Betriebe" - vom "Verräumer" zum Vorarbeiter.

Da ist Hans Scharfe, 56 Jahre alt, der vor drei Jahren seinen Job bei einer Bank in Berlin verlor. Heute arbeitet er tagsüber im Callcenter, schläft danach ein paar Stunden, um dann ab 0 Uhr im Supermarkt die Regale aufzufüllen. 40 Stunden im Monat, 400 Euro Zusatz-Lohn. Scharfe rinnt der Schweiß von der Stirn. Keine Minute hält er inne, die Milchkartons müssen schnell ins Kühlregal, "die sind doch so verderblich".

Petra Ringer von der Gewerkschaft Ver.di Berlin-Brandenburg, Fachbereich Handel, kritisiert, dass die Mitarbeiter "für ein Päckchen Joghurt" soziale Kontakte und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen würden. Zudem rechnet Ver.di nicht mit einem Erfolg des Testprojekts Supermarkt: "Rentieren wird sich das nicht."

Klaus Fischer sieht das anders. Der Mann vom Handelsverband Berlin-Brandenburg verweist auf die wachsende Zahl der Spätverkaufsstände hin, die in den vergangenen Jahren unter dem Deckmantel "Imbissbude" geöffnet haben: "Der Bedarf scheint da zu sein." New York, London und Bremerhaven haben es vorgemacht. Bremerhaven? Da öffnete kurz vor Ostern der erste 24-Stunden-Markt in Deutschland. Das Prinzip des Non-Stop-Verkaufs funktioniert auch in der Provinz, nicht nur in Ku-Damm-Nähe. In den ersten drei Monaten habe es einen Umsatzzuwachs von 40 Prozent gegeben, schwärmt der Bremerhavener Marktleiter Wolfgang Behrends.

Der Laden ist eine "schwer geniale Idee"

0.30 Uhr, Wilmersdorf. Die rothaarige Kundin, Mitte 50, kann sich an der Fleischtheke noch immer nicht entscheiden. Ein Paar aus dem Nachbarbezirk Lichterfelde zieht vorbei, sie kommen gerade vom Abendessen auf ihrem Balkon und wollen noch ein Eis kaufen. Den 24-Stunden-Markt halten sie für eine "schwer geniale Idee." Um 1 Uhr kommt Sabrina, 18 Jahre. Sie wohnt gleich um die Ecke und will noch backen für ihren letzten Arbeitstag morgen: Es gibt Mandarinen- und Nusskuchen.

2 Uhr: Ablösung. Ayhan Yildirim, hausangestellter Nachtleiter, übernimmt die Kasse der ersten Schicht. Er ist zufrieden. Es hat sich schon gelohnt, den Laden aufzulassen, sagt er und erzählt, wie ihn die Kunden auf der Straße ansprechen, wenn sie ihn erkennen und sich für den guten Service bedanken. Herr Yildirim steht oft am Eingang und schenkt selbst den Kaffee ein, der den Nachtkäufern gratis angeboten wird. Ein älteres Ehepaar greift gern zu, die beiden sind gerade zurück aus dem Urlaub. Der Kühlschrank zu Hause ist leer, sie brauchen noch das Nötigste für ihr Frühstück. Der 24-Stunden-Service ist ihrer Meinung nach längst überfällig "in einer Weltstadt wie Berlin".

Um 3 Uhr hat die Weltstadt im Wilmersdorfer Warenhaus ihren toten Punkt. Nur ein junger Mann mit glitzernden Buchstaben auf der Armeejacke schleicht durch die Gänge. Der "Großstadtrocker" sieht müde aus. Herr Scharfe ist mittlerweile beim Fleischregal angekommen und sortiert Würstchen. Gegen 4 Uhr wird es dann wieder voller, Berlin wacht auf. Dann kommen die Nachtschicht-Heimkehrer "um ihren Einkauf zu erledigen, damit sie am nächsten Tag länger schlafen können", weiß Herr Yildirim über seine Kundschaft.

Auch Herr Scharfe wird dann nach Hause gehen. Um noch ein bisschen zu schlafen, bevor er ins Callcenter muss.

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24-Stunden-Shopping: "Eine schwer geniale Idee"