30 Jahre Pinochet Das Märchen von den Chicago Boys

Schocktherapie oder der Patient stirbt - das war die Diagnose der Chicago Boys in Chile vor bald 30 Jahren. Heute ist das Land der ökonomische Star von Lateinamerika. Aber Pinochets Boys hatten weniger damit zu tun, als gemeinhin angenommen wird.

Von , Santiago de Chile


Liberale Wirtschaftsikone Milton Friedman: Dem Diktator die Aufwartung gemacht
AP

Liberale Wirtschaftsikone Milton Friedman: Dem Diktator die Aufwartung gemacht

Santiago de Chile - Wenn heute jemand die Diktatur Augusto Pinochets (1973 bis 1990) verteidigt, dann geschieht das gewöhnlich mit den Worten: Schaut, was er aus dem Land gemacht hat. Chiles Wirtschaft ist das allseits bewunderte Vorbild in Lateinamerika. Man ist stolz auf das Gütesiegel des Weltwirtschaftsforums, das Investment-Grade-Rating der US-Agenturen, und die moderne Hauptstadt Santiago. Mit Neid schauen die Nachbarn auf die Oase der Stabilität. Für Peruaner und Bolivianer ist Chile seit langem ein Magnet. Und inzwischen wandern selbst die stolzen Argentinier ein, um Jobs zu finden.

Für die Pinochetistas ist klar, wem das Wirtschaftswunder zu verdanken ist: den Chicago Boys, jenen radikalen Ökonomen, die an der University of Chicago studiert hatten und die monetaristischen Theorien ihres Gurus Milton Friedman ab 1975 in Chile ausprobieren durften. Die Laborbedingungen waren ideal: Die Inflation lag nach dem fehlgeschlagenen sozialistischen Experiment Salvador Allendes bei 600 Prozent, politische und sonstige Störfaktoren waren ausgeschaltet, die Akademiker hatten dank der Diktatur freie Hand.

Der Durchschnittslohn sank während der Pinochet-Ära
AFP

Der Durchschnittslohn sank während der Pinochet-Ära

Friedman höchstpersönlich machte Pinochet 1975 seine Aufwartung und sprach die berühmte Diagnose: Schocktherapie oder der Patient stirbt. Für seine Visite kassierte der Doktor aus Chicago ein Honorar von 30.000 Dollar. Es folgte, was die internationale Linke gerne als abschreckendes Beispiel eines entfesselten Neoliberalismus anführt. Hunderte von Privatisierungen, Senkung von Steuern und Zöllen, Abschaffung von Gewerkschaften und Mindestlohn, Deregulierung des Finanzsektors. Die Inflation wurde gebändigt, und Chile erwarb sich den Ruf als "Tiger Lateinamerikas".

Enttäuschender Rückblick

Aus dem Norden gab es Applaus. Das "Wall Street Journal" empfahl dem damaligen US-Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan, "diese Jungs" nach Amerika zu holen, um auch dort eine Schocktherapie durchzuführen. Andere stimmten in den Chor ein: "Die Bereitschaft der Chicago Boys, für einen grausamen Diktator zu arbeiten, war eins der besten Dinge, die Chile je passiert sind", schrieb Nobelpreisträger Gary Becker 1997 in "Business Week".

Doch war es das wirklich? Bei aller Erfolgsrhetorik wirkt die Bilanz der Chicago Boys im Rückblick eher enttäuschend: Das durchschnittliche Wachstum zwischen 1973 und 1990 lag bei mageren 2,9 Prozent - nicht besser als der weltweite Durchschnitt. Damit nicht genug: Der Durchschnittslohn sank während der Pinochet-Ära, und der Anteil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze stieg dramatisch von 20 auf 44 Prozent.

"Unter der Demokratie haben wir bessere Resultate geschafft", sagt Ricardo Ffrench-Davis, ehemaliger Chef-Volkswirt der chilenischen Zentralbank und heute Berater der Uno-Kommission für Lateinamerika (ECLAC). In den goldenen Jahren von 1990 bis 1997 wuchs die chilenische Wirtschaft um durchschnittlich sieben Prozent. Dann kam die Asienkrise, seither hat sich das Wachstum auf durchschnittlich zweieinhalb Prozent verlangsamt - was aber immer noch doppelt so hoch ist wie der Rest Lateinamerikas.

Anti-Friedman-Reformen

Laut Ffrench-Davis war es ausgerechnet die Radikalität der Schocktherapie, die ein höheres Wachstum unter Pinochet verhinderte. "Sie verursachte extreme Volatilität", erklärt der Ökonom. Auf Phasen des hohen Wachstums folgten tiefe Abstürze, die den Durchschnitt drückten: Allein 1982 schrumpfte die Wirtschaft um 14 Prozent.

Erst als das Militärregime nach der Krise 1982 einen Prozess der Re-Regulierung und Staatsinterventionen einleitete, kam die Wirtschaft auf einen nachhaltigen Wachstumspfad. Das hatte dann aber mit der reinen Lehre der Chicago Boys schon nichts mehr zu tun. So verteilte die Regierung Geld an bankrotte Unternehmen - für Friedman-Jünger der absolute Frevel, schließlich hatte der Markt die Firmen zum Sterben verurteilt.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.