30 Prozent mehr für Vorstände: Siemens-Mitarbeiter revoltieren im Intranet

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Unfähigkeit und Maßlosigkeit werfen Siemens-Beschäftigte ihren Chefs vor, deren Bezüge um 30 Prozent steigen sollen. Vorstandsvorsitzender Kleinfeld bekommt das zu spüren - in seinem internen Blog platzieren Mitarbeiter ätzende Kommentare.

Hamburg - Klaus Kleinfeld ist auf der Höhe der Zeit: Der Siemens-Chef hat ein elektronisches Tagebuch, ein Blog, im Intranet eingerichtet. Darin lässt er seine Belegschaft an seinen neuesten Einsichten teilhaben und ermuntert sie zu Kommentaren.

Dieser Aufforderungen kommen die Mitglieder der Siemens Chart zeigen-Familie derzeit eifrig nach - allerdings interessiert das vom Chef vorgegebene Thema "Kundenzufriedenheit" dabei niemanden mehr. Hauptthema stattdessen: die Erhöhung der Vorstandsbezüge um durchschnittlich 30 Prozent.

"Obszön", nannte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse die saftige Gehaltserhöhung schon, "maßlos", fand sie der Bischof von Trier, Reinhard Marx. Doch das ist noch harmlos gegen die Empörung der Mitarbeiter, die sich in Kleinfelds CEO-Blog entlädt. Rund 40 Seiten umfasst ein Ausdruck der hitzigen Diskussion, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. (Klicken Sie hier, wenn Sie Zitate aus dem Blog lesen möchten.)

"Gerade Sie, Herr Kleinfeld haben mit guten Ideen angefangen. Leider scheint die Maßlosigkeit auch in der Vorstandsetage rasch um sich zu greifen", schreibt eine Frau an den obersten Chef. "Ich frage mich schon lange, wohin Leute wie Sie unsere Gesellschaft treiben", kommentiert ein anderer.

Das Argument der Siemens-Oberen, auch nach der Erhöhung lägen ihre Bezüge im Vergleich zu anderen Konzernen noch im Mittelfeld, wollen die Mitarbeiter nicht gelten lassen: "Ich habe von unserer eigenen Siemens-Personalabteilung stets gelernt, dass nur Verweise auf eigene Leistungen das Gehalt rechtfertigen", heißt es im Intranet. "Während Mitarbeiter sich mit Dritte-Welt-Gehältern messen lassen müssen, lässt sich der Vorstand mit denen 'vergleichbarer Unternehmen' messen."

Im Konzern spielt man die Revolte im Intranet herunter: Der Vorwurf, dass Siemens-Mitarbeiter schlecht bezahlt würden, sei falsch. "Es äußern sich in solchen Kanälen meist nur die Verärgerten, die große Mehrheit der Andersdenkenden nimmt nicht teil", sagt ein Sprecher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wenn man bedenkt, dass Siemens rund 160.000 Mitarbeiter hat, ist die Zahl der Debatten-Beiträge sehr klein."

Der Siemens-Gesamtbetriebsrat dagegen erklärt, diese Menge an wütenden Zuschriften sei ausgesprochen ungewöhnlich. "Die Mitarbeiter müssen sich zur Teilnahme an dem Blog persönlich identifizieren, da ist die Hemmschwelle, sich kritisch zu äußern, sehr hoch", sagt ein Sprecher. Die explosiven Äußerungen seien repräsentativ: "Die Empörung zieht sich durch die ganze Belegschaft, das bekommen auch unsere Betriebsräte vor Ort mit."

"Was hier abläuft, macht regelrecht krank"

Kein Wunder, denn viele Mitarbeiter müssen gerade ein rigides Umbauprogramm über sich ergehen lassen, das Kleinfeld nach seinem Amtsantritt Anfang 2005 startete. Bis 2007 will er die Kosten um rund 1,5 Milliarden Euro drücken. Letztes Jahr schob der Konzernchef das verlustreiche Handygeschäft an BenQ ab, das Sorgenkind Com geht nun teilweise in einem Joint Venture mit Nokia auf. Über 5000 Jobs werden gestrichen, ein Großteil bei der tief in der Krise steckenden IT-Sparte SBS. Bereiche wie die Medizintechnik oder die Energie werden dagegen mit Milliardenzukäufen ausgebaut.

Vor allem an den Großbaustellen des Konzerns scheint die Stimmung eisig. "Schon sehr lange habe ich von keinem einzigen Kollegen gehört, dass er mit Motivation hier arbeitet", mailt etwa eine Frau an Kleinfeld, die bald dem neuen Siemens-Nokia-Joint-Venture NSN angehören wird. "Es mag Sie persönlich nicht berühren, dass das, was hier abläuft, regelrecht krank macht. Es ist Ihnen aber sicher bewusst, dass Mitarbeiter, die in ständiger Angst um ihren Arbeitsplatz leben, keine Höchstleistungen vollbringen können." Mitarbeiter von SBS berichten außerdem über verunsicherte Kunden, die sich wegen der anhaltenden Verkaufsgerüchte über den Bereich neue Partner suchten.

Vor allem über eine interne Mail von Kleinfeld mokieren sie sich die Mitarbeiter in dem Forum: "Mein persönlicher Anspruch an meine Arbeit ist 'work hard, win big, have fun'", habe der Siemenschef da an seine Belegschaft geschrieben. "Sehr geehrter Herr Kleinfeld, Ihr Motto klingt in den Ohren Vieler bei SBS eher so: 'Live hard, never rest, die young'."

"Früher habe ich mich in der 'Siemens-Familie' immer wohl gefühlt. Aber von diesem Gefühl ist nichts mehr übrig geblieben, da wir uns hier abrackern, Überstunden ohne Ende machen, und dafür in der Gewissheit leben, dass dieses Engagement nicht belohnt wird. Viele KollegInnen aus anderen Bereichen wissen nicht, wie es mit ihnen weitergeht", fasst ein Mitarbeiter seine Gefühle zusammen.

Neues Tarifsystem sorgt für Schock

Doch nicht nur wegen der radikalen Umstrukturierung bringt die Lohnerhöhung für die Siemens-Familienoberhäupter die Belegschaft in Rage. Nächstes Jahr im April wird bei Siemens ein neues Tarifsystem eingeführt - das mit der IG Metall ausgehandelte Entgeltrahmenabkommen (ERA). Dabei werden die Mitarbeiter ganz neu eingestuft. Dieser Tage flatterten bei vielen erste Berechnungen ein, was sie dann noch erwarten dürfen.

Dabei kam es offenbar zu einigen bösen Überraschungen: Von zehn bis 20 Prozent Einbußen berichten einige Debattenteilnehmer. Dieser Schock sitzt tief - auch wenn der Konzern zu Recht darauf verweist, dass es für solche Fälle Ausgleichszahlungen geben wird. "Die Neueinordnung wird nicht zu individuellen Gehaltseinbußen führen", sagt der Siemens-Sprecher. Ganz stimme das nicht, entgegnet der Betriebsrat. Je nachdem wie viel schlechter ein Mitarbeiter wegkomme, habe er bei späteren Gehaltserhöhungen sehr wohl Nachteile, schränkt er ein.

Die Stimmung sei aber nicht überall schlecht, fügt der Sprecher hinzu. Und auch aus dem Konzern heißt es: Der Blog mitsamt aller unverblümten Äußerungen sei ja eigentlich ein Zeichen von offener Kommunikationskultur. Trotzdem: "Man darf solche Äußerungen natürlich nicht bagatellisieren." Kleinfeld nehme diese Kontaktmöglichkeit zur Belegschaft sehr ernst.

Vor der Lektüre sollte sich der Siemens-Chef aber auf einiges gefasst machen. Denn vor allem in Bezug auf sein Management nehmen die Diskussionsteilnehmer kein Blatt vor den Mund. "Wenn ich meinen Job nicht richtig mache, kriege ich dann auch 30 Prozent mehr?", fragt einer voller Sarkasmus.

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Forum - Geldwert - Was dürfen Top-Manager kosten?
insgesamt 1466 Beiträge
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1.
DK81 12.04.2005
Wenn man schon eine Mindestlohndebatte führt, wäre da nicht eine Maximallohndebatte auch eine Idee? Immerhin kann man einfach nicht davon ausgehen, dass ein Mensch an einem Tag soviel arbeiten kann, wie andere in einem ganzen Jahr.
2.
vileda 12.04.2005
Zitat von DK81Immerhin kann man einfach nicht davon ausgehen, dass ein Mensch an einem Tag soviel arbeiten kann, wie andere in einem ganzen Jahr.
Einerseits ist das ja richtig. Andererseits ist es das gute Recht z.B. eines Schauspielers, eine Millionengage zu beanspruchen, wenn davon auszugehen ist, dass mit ihm in der Hauptrolle der Produzent einen 2-3 stelligen Millionengewinn erzielt. Ein schlechter bezahlter Schauspieler an einer Theaterbühne steht dabei dem persönlichen Aufwand in nichts nach. Auch wenn das ungerecht erscheint, es regiert aber Angebot und Nachfrage. Hier kommt allerdings das Problem. Viele hochbezahlte Manager spielen diese Gewinne überhaupt nicht ein, die ihr Gehalt rechtfertigen sollen. Sie bilden letztendlich eine unternehmensübergreifende Gemeinschaft, die ihre Nachfrage selber gegenüber den Aktionären festgelegt hat. Es wundert schon, dass eine Carly Fiorina als Weltbankpräsidentin ins Gespräch kam, ein Klaus Esser als Telekom-Chef Nachfolger und ein Bernd Pischetsrieder nach der Roverpleite von VW übernommen wurde und dort Vorstands-Chef wurde, obwohl er dort auch noch eine Pleite bei der Tochter Seat hingelegt hatte. Wenn jemand Millionen wert ist, dann soll er sie auch verdienen. Eine Kaste, deren Angehörige sich tagtäglich ihren Wert gegenseitig attestieren und Erfolge schuldig bleibt, verdient sie nicht.
3. Geldwert - Was dürfen Top-Manager kosten?
Karl Sulzer 12.04.2005
Vileda. Wenn jemand Millionen wert ist, dann soll er sie auch verdienen. Eine Kaste, deren Angehörige sich tagtäglich ihren Wert gegenseitig attestieren und Erfolge schuldig bleibt, verdient sie nicht.[/QUOTE] Vollkommen richtig! Aber wie bzw. wer kann diesen Finanzkannibalen Einhalt gebieten? Schwierig, schwierig! Diese "Herren" sind eine schändliche Beleidigung für jeden Kapitalisten (Bsp. Wolfgang Grupp). Ihr Handeln hat mit Kapitalismus soviel zu tun wie Hexenverbrennungen mit christlichem Glauben. Wie lange muss das Gemeinwesen diese ekelerregenden Gestalten noch ertragen? Hat nicht Professor Arnulf Baring geschrieben, dass wir auf die Barrikaden müssten? Aber wer soll denn diese errichten? Etwa polnische Spargelstecher, weil diese schwere "Arbeit" einem Deutschen nicht zugemutet werden kann? Den Finanzkannibalen brauchen sich nicht zu fürchten, Dahindämmernde machen keine Revolutionen.
4.
Rainer Dressler 12.04.2005
Zitat von DK81Wenn man schon eine Mindestlohndebatte führt, wäre da nicht eine Maximallohndebatte auch eine Idee? Immerhin kann man einfach nicht davon ausgehen, dass ein Mensch an einem Tag soviel arbeiten kann, wie andere in einem ganzen Jahr.
...in mehreren Jahren - nur als Ergänzung. :-)
5.
klaus meucht 15.04.2005
Zitat von DK81Wenn man schon eine Mindestlohndebatte führt, wäre da nicht eine Maximallohndebatte auch eine Idee? Immerhin kann man einfach nicht davon ausgehen, dass ein Mensch an einem Tag soviel arbeiten kann, wie andere in einem ganzen Jahr.
Wie wäre es an Lohn Managers an den Löhnen der Mitarbeiter zu koppeln? Wenn die Mitarbeiter gut verdienen, dann habe ich auch kein Problem dass die Manager gut verdienen.
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