30-Stunden-Streik GDL freut sich über bundesweite Zugausfälle

Aus Sicht der Lokführergewerkschaft GDL ist der Streik ein voller Erfolg. Im Regional- und S-Bahn-Verkehr sind in manchen Landesteilen allenfalls noch zehn Prozent der Züge im Einsatz - Millionen Pendler sind von den Behinderungen betroffen.


Berlin – Die Menschen in Ostdeutschland bekommen den Streik besonders zu spüren. Der um 2 Uhr gestartete Streik habe zu erheblichen Beeinträchtigungen geführt, teilte die Bahn am Morgen mit. Die zu Streikbeginn in Kraft getretenen Ersatzfahrpläne würden den Bahn-Kunden jedoch "eine verlässliche Planung" ermöglichen, erklärte ein Bahn-Sprecher.

GDL-Sprecherin Gerda Seibert bezweifelt dagegen, dass der Notfahrplan vollständig umgesetzt werden kann. Der Streik sei "gut angelaufen", sagte sie. Noch immer stünden viele Züge in den Depots, obwohl sie eigentlich längst fahren müssten. Eine besonders hohe Streikteilnahme werde aus Schleswig-Holstein und Berlin gemeldet: "Mit dem bisschen, was wir bisher wissen, sind wir zufrieden."

Nicht zuletzt eine Eilentscheidung des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg vom Mittwochabend habe die Streikbereitschaft gefördert, ergänzte die GDL-Sprecherin. Dem Beschluss zufolge darf die Bahn streikbereite Lokführer zumindest bis Freitag nicht in den Ersatzfahrplan einteilen.

Die Bahn will mit Hilfe des Notplans nach eigenen Angaben gut die Hälfte des üblichen Nahverkehrs sicherstellen. 200 zusätzliche Busse sollen die Lücken im ausgedünnten Zugnetz füllen. Außerdem sind zusätzliche Haltepunkte von ICE- und IC-Zügen geplant, über die die Bahn kurzfristig je nach Bedarf entscheiden will. Informationen zum Bahnverkehr gibt es auf der Internetseite www.bahn.de/aktuell und unter der kostenfreien Service-Telefonnummer 08000 99 66 33.

Laut Bahn hat sich ein großer Teil der Kunden auf die Streiks eingestellt und ist auf andere Verkehrsmittel umgestiegen. Die stärksten Einschränkungen gebe es in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Auch in Brandenburg seien im Regionalverkehr nur wenige Züge unterwegs. Der Takt der S-Bahn in Berlin sei stark ausgedünnt, die Bahnen rollten aber dennoch alle 10 bis 20 Minuten. Die S-Bahn in Hamburg fahre alle 20 Minuten, die beiden S-Bahn-Verstärkerlinien S 11 und S 2 fielen jedoch aus. In München und Frankfurt fuhr die S-Bahn teils nur im Stundentakt, im Rhein-Ruhr-Gebiet im Halbstundentakt.

Weil viele Pendler und Bahnreisende auf das Auto umsteigen, erwartet der ADAC für den Tag in einigen Regionen etwa 20 Prozent mehr Verkehr. Der Verkehrslagedienst der Polizei meldete am Morgen eine deutliche Zunahme an Staus, Unfälle führten zu zusätzlichen Behinderungen. "Bis 9 Uhr wird's noch dicker", sagte ein Sprecher. Mit einem Verkehrschaos sei jedoch nicht zu rechnen, die Pendler hätten sich insgesamt gut auf die Lokführer-Streiks eingestellt.

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Nach dem geplanten Ende des Streiks am Freitagmorgen um 8 Uhr sollten Regionalzüge und S-Bahnen nach und nach wieder im normalen Fahrplan verkehren. Zu Verspätungen wird es der Bahn zufolge aber noch bis zum Abend kommen. Am Wochenende solle der Verkehr wieder normal laufen, sagte ein Konzernsprecher. Im Fern- und Güterverkehr blieben Streiks gerichtlich untersagt.

Am Mittwoch hatte sich der Tarifstreit nochmals verschärft. Bahn-Personalchefin Margret Suckale forderte den Gewerkschaftsvorsitzenden Manfred Schell auf, seine Kur abzubrechen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Schell verlangte daraufhin Suckales Rücktritt, sofern das Unternehmen kein neues Angebot vorlegen wolle.

Suckale hatte Schells Äußerungen in einem Interview der Wochenzeitung "Die Zeit" so verstanden, dass dieser bereit sei, Lohnsteigerungen in Schritten über mehrere Jahre zu vereinbaren. "Jetzt lassen Sie Ihren Worten auch Taten folgen, kommen Sie an den Verhandlungstisch, Herr Schell, wir warten", sagte Suckale.

Mehr Lohn für Lokführer über mehrere Jahre könne man sofort im Rahmen der Tarifverhandlungen zur Entgeltstruktur vereinbaren. Außerdem könnten die Lokführer zusätzlich einmalig 1400 Euro erhalten, wenn ihnen bereits geleistete Überstunden ausbezahlt würden, sagte Suckale. Basis des Bahn-Angebots ist nach wie vor der Abschluss, der mit den anderen Gewerkschaften Transnet und GDBA vereinbart wurde. Er sieht 4,5 Prozent mehr Einkommen und eine Einmalzahlung von 600 Euro vor.

Unterdessen schwindet nach drei Streiks binnen zwei Wochen die Zustimmung in der Bevölkerung für den Arbeitskampf der Lokführer. In einer vorab veröffentlichten Umfrage für das Magazin "Stern" halten 50 Prozent der Befragten die Aktionen der GDL für falsch. Anfang Oktober, nach dem ersten - nur dreistündigen - Streik der GDL hatte die Unterstützung für die Lokführer noch bei 55 Prozent gelegen. Die Gewerkschaft kämpft für einen eigenständigen Tarifvertrag und höhere Löhne für die Lokführer. Die Bahn lehnt einen separaten Tarifvertrag indes strikt ab.

Das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) warnte vor negativen Auswirkungen des Streiks für die deutsche Wirtschaft. Der Leiter der Konjunkturabteilung des DIW, Alfred Steinherr, sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Donnerstagsausgabe), er befürchte einen Reputationsverlust Deutschlands, denn bisher habe das deutsche Infrastruktursystem vor allem durch seine Zuverlässigkeit überzeugt. Wegen des Streikrisikos müssten Unternehmer zudem künftig den "optimalen Mix von Schienen- und Straßenverkehr" zugunsten der Straße verschieben. Steinherr betonte, der Verspätungen der Pendler auf dem Weg zur Arbeit bescherten der Wirtschaft Verluste in zweistelliger Millionenhöhe.

mik/ddp/AFP/AP/dpa/Reuters

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