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35-Milliarden-Hilfsaktion: Warum Hypo Real Estate in höchste Not geriet

Von Andreas Nölting und Christoph Rottwilm

Dramatische Rettung in der Nacht: In letzter Minute organisierten Bund und ein eilig zusammengetrommeltes Bankenkonsortium eine Finanzspritze für die Hypo-Real-Estate-Tochter Depfa Bank. Dabei tragen die Institute nicht den größten Teil des Risikos - dafür soll der Steuerzahler geradestehen.

Hamburg - In einer dramatischen Nachtaktion ist die Depfa Bank plc. Chart zeigen, deutsch-irische Tochter des Münchner Finanzkonzerns Hypo Real Estate (HRE) Chart zeigen, offenbar vor dem Zusammenbruch gerettet worden. Diverse Geschäfts- und Landesbanken sowie die Bundesbank und die BaFin haben, so ein Insider, einen "virtuellen Interbankenmarkt" installiert, der der Depfa Bank aus der Liquiditätskrise helfen soll.

Zentrale der Hypo Real Estate: Banken und Bund bringen Rettungspaket auf den Weg
DPA

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Damit aber nicht genug: Inzwischen hat sich die Bundesregierung bereit erklärt, die Risiken mit einer Garantie in zweistelliger Milliardenhöhe abzusichern. Damit muss im Ernstfall letztlich der Steuerzahler die Rechnung begleichen.

Insgesamt wollen Banken und Bund Verlustrisiken in Höhe von 35 Milliarden Euro übernehmen. Das erklärte der Sprecher des Bundesfinanzministeriums, Torsten Albig, am Mittag in Berlin. Die Garantievereinbarung stehe unter dem Vorbehalt einer Genehmigung durch den Haushaltsausschuss.

Regierungssprecher Ulrich Wilhelm erklärte, mit dem Schritt sei ein Ausweiten der Finanzkrise auf Deutschland verhindert worden. Albig fügte hinzu, es gehe im Moment nur um Hypo Real Estate; es sei keine andere Realkreditbank betroffen. Eine Verstaatlichung der Hypo Real Estate werde nicht beabsichtigt.

Im Gegenzug zu den Liquiditätshilfen und Bürgschaften hat die Hypo Real Estate eigene Sicherheiten in Milliardenhöhe eingesetzt. "Die Hypo Real Estate hat die Kreditlinien mit der Hinterlegung von 42 Milliarden Euro an erstklassigen Forderungen, meist gegen Staatsschuldner besichert", teilte das Institut mit.

Die Struktur der Hypo Real Estate: Sorgenkind Depfa belastet den Konzern
manager-magazin.de

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Hintergrund der Aktion: Die Depfa Bank ist eine 100-prozentige Tochter der im Dax notierten Hypo Real Estate Chart zeigen und gilt als einer der weltweit führenden Finanzdienstleister für die öffentliche Hand. Die Depfa, die 2002 aus der Teilung der Deutschen Pfandbriefbank hervorgegangen war, wurde erst im Oktober 2007 von der HRE übernommen. Der Kaufpreis von mehr als fünf Milliarden Euro machte die Transaktion seinerzeit zu einem der bisher größten M&A-Deals in Deutschland. Um den Kauf stemmen zu können, hatte die HRE eigens ihr Eigenkapital per Ausgabe neuer Aktien um die Hälfte auf rund 603 Millionen Euro erhöht.

Das Problem, dass die aktuelle Ad-hoc-Rettung erforderlich gemacht hat, war nun, dass das Depfa-Management umfangreiche Kredite langfristig ausgeliehen und kurzfristig gegenfinanziert hat - und dass diese Refinanzierung ausgerechnet jetzt erneuert werden musste. Denn nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers in den USA ist der Interbankenmarkt, über den sich die Geschäftsbanken kurzfristig finanzieren, komplett kollabiert. Kredite sind seitdem kaum noch und wenn dann nur zu horrenden Preisen zu bekommen.

Große Rechnung für den Steuerzahler

Geldmarktinsider wundern sich über die Schwierigkeiten der HRE daher nicht. "Das hat sich seit mindestens einer Woche abgezeichnet", sagt der Analyst einer Großbank. "Der Aktienmarkt vollzieht heute lediglich nach, was der Kreditmarkt vor zwei Wochen vorgemacht hat." Unmittelbar nach Handelsstart verlor der Kurs der HRE-Aktie heute den Boden unter den Füßen und brach in der Spitze um deutlich mehr als 70 Prozent ein.

Ein am Vorgang Beteiligter bestätigt: Das Depfa-Management habe in den vergangenen Tagen bei verschiedenen Banken um Kredite gebeten, hätte diese allerdings nur zu "exorbitanten Preisen" erhalten können. "Das hätte bei der Depfa sofort zu einer weiteren Verschärfung der Liquiditätsprobleme geführt", so der Insider.

Auf Initiative der Bundesbank hätten sich daraufhin in der Nacht zum Montag die Top-Manager etlicher Banken getroffen, um eine schnelle Lösung zu finden. Das Ergebnis: Die Deutsche Bank Chart zeigen, die Commerzbank Chart zeigen, die Dresdner Bank und diverse Landesbanken stellen der Depfa die Kreditlinie in Höhe von 35 Milliarden Euro zur Verfügung. Mit diesem Rettungspaket, so heißt es, sei die Depfa bis zur zweiten Hälfte des Jahres 2009 finanziert.

"Wenn es tatsächlich 35 Milliarden Euro sind, dann dürfte das erst mal ausreichen", sagt Bankenanalyst Manfred Jakob von der SEB Bank. Auch er meint: "Weil nahezu alle Teilmärkte im Geld- und geldmarktnahen Bereich aktuell kaum mehr handelbar sind, können sich Hypobanken zur Zeit nicht über Märkte refinanzieren."

Andere Branchenkenner reagierten schockiert auf die dramatische Krise des Unternehmens und forderten personelle Konsequenzen: "Wir haben keinen Funken an Vertrauen mehr in das gegenwärtige Managementteam", sagte LBBW-Experte Martin Peter. Es müsse dringend einen Umbruch geben. Schon Anfang 2008 war Firmenchef Georg Funke wegen völlig überraschender Abschreibungen in die Kritik geraten. Die Hypo Real Estate sei so gut wie nicht betroffen und werde gestärkt aus der Krise hervorgehen, hatte das Unternehmen zuvor immer wieder erklärt.

LBBW-Analyst Peter kritisiert, dass Finanzchef Markus Fell noch vor wenigen Tagen bei einer Investorenkonferenz die Refinanzierung der Tochter Depfa als stabil bezeichnet hatte. Das sei "unfassbar". Ein Sprecher der Bank sagte, der Aufsichtsrat habe sich klar zu Funke bekannt.

Der jetzt gezimmerte Plan sieht im Einzelnen vor, dass die Garantie in zwei Teile von 14 Milliarden Euro und von 21 Milliarden Euro aufgespalten werden soll. Für den ersten Teil übernähmen die Banken 60 Prozent der Garantie und der Staat 40 Prozent. Für den zweiten Teil von 21 Milliarden Euro trete der Staat allein ein.

Eine ziemlich große Rechnung also, die da auf den deutschen Steuerzahler zukommen könnte.

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