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23. Juni 2003, 11:35 Uhr

35-Stunden-Woche

Die Stunde der Streikbrecher

Zu Beginn der vierten Woche des Arbeitskampfs in der ostdeutschen Metallindustrie beginnt die Streikfront zu bröckeln. Im für die westdeutsche Autoindustrie wichtigen ZF-Getriebewerk nahm ein Drittel der Belegschaft am Montag die Arbeit wieder auf. Die Arbeitgeber signalisierten Verhandlungsbereitschaft.



Streik bei den ZF Getriebewerken: Erste Risse in der Gewerkschaftsfront
DPA

Streik bei den ZF Getriebewerken: Erste Risse in der Gewerkschaftsfront

Brandenburg an der Havel - Die rund 300 Beschäftigten betraten das Werk unter den Pfiffen ihrer streikenden Kollegen durch eine drei Meter breite Gasse, zu deren Freihaltung vor dem Werkstor die Streikposten gerichtlich verpflichtet worden waren.

Der Verhandlungsführer der IG Metall, Hasso Düvel, bezeichnete es als einmaligen Vorgang, dass der Brandenburger Wirtschaftsminister Ulrich Junghans am Morgen die arbeitswilligen Beschäftigten des Betriebes besuchte. "Sie kommen, um mitzuhelfen, diesen Streik zu brechen", sagte Düvel zu dem CDU-Politiker. "Sie haben sich benutzen lassen." Junghans dagegen erklärte, er wolle sich persönlich vor Ort über die Tarifauseinandersetzung zu informieren. Er halte jedoch den Streik in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation für nicht günstig und hoffe, dass dieser bald beendet werde, sagte Junghans.

Drei BMW-Werke betroffen

Unterdessen kündigte BMW an, die am Montag wegen fehlender Getriebe aus Brandenburg in den Werken München, Regensburg und Dingolfing eingeführte Kurzarbeit möglicherweise zu verlängern. Der Vorstand war bisher von einem Streikende am vergangenen Wochenende ausgegangen und hatte deshalb beschlossen, die Werke bis zur Frühschicht am kommenden Mittwoch herunterzufahren. "Jeder Tag der jetzt länger gestreikt wird, wird sich entsprechend auch für uns auswirken", sagte der Leiter Einkauf, Antrieb und Fahrwerk des BMW-Konzerns, Dieter Bergmann. Jeder ausgefallene Tag koste BMW etwa 38 Millionen Euro Umsatz.

Im Kampf um die Arbeitszeitverkürzung in Ostdeutschland hatte die IG Metall am Montag erneut 9000 Beschäftigte in Sachsen, Brandenburg und Ost-Berlin zur Arbeitsniederlegung aufgerufen. "Dieser Streik steht und er wird auch weiter stehen", sagte IG-Metall-Verhandlungsführer Düvel. Die Gewerkschaft sei jedoch verhandlungsbereit und warte auf ein Angebot der Arbeitgeber. Es gehe nicht darum, die Wirtschaft in den neuen Ländern kaputt zu streiken, erklärte Düvel. "Wenn wir das Image als Billigtarifgebiet loswerden, dann wird es auch hier Arbeitsplätze geben."

Arbeitgeber verhandeln angeblich wieder

Wie die Nachrichtenagentur Reuters am Montag aus ostdeutschen Arbeitgeberkreisen erfuhr, wird dort in den nächsten Tagen die formelle Aufforderung der IG Metall für Verhandlungen erwartet. In den Kreisen wurde darauf hingewiesen, dass am Mittwoch alle Verhandlungsführer der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie in Berlin zu Beratungen zusammen kämen. "Es wäre sinnvoll, wenn die IG Metall bis dahin zu Verhandlungen auffordert", hieß es in den Kreisen. Mit einer solchen Aufforderung sei vermutlich erst nach dem für Montag geplanten Treffen von Betriebsräten von Autokonzernen und Zulieferfirmen der Gewerkschaft in Frankfurt zu rechnen.

Der Arbeitgeber-Dachverband Gesamtmetall verwies auf Anfrage auf Aussagen seines Präsidenten Martin Kannegiesser, der bereits am Freitag erneut Verhandlungsbereitschaft erklärt hatte. Dabei sei für Gesamtmetall die Beendigung des Streiks nicht das einzige Motiv zur Aufnahme von Gesprächen. Die Arbeitgeber strebten eine Lösung an, die der Situation der Betriebe in Ostdeutschland gerecht werde und zugleich moderne Tarif-Elemente einbringe. Keinesfalls dürfe es durch Arbeitszeitverkürzungen bedingte Kostenerhöhungen für die Betriebe geben.

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