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60.000 freie Stellen: Fachkräftemangel alarmiert Wirtschaft

Pädagogen warnen vor fehlenden Lehrern, Wirtschaftsverbände beklagen einen massiven Mangel an Fachkräften. Laut BDA und BDI fehlen schon jetzt 60.000 Spezialisten - mit gravierenden Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

Berlin - Die deutsche Wirtschaft kämpft noch mit den Folgen der schweren Weltwirtschaftskrise, Experten fürchten einen dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit - gleichzeitig warnt die Wirtschaft vor einem Mangel qualifizierter Fachkräfte.

Deutsche Unternehmen müssen nach Angaben ihrer Spitzenverbände auf wichtigen Basis- und Zukunftsfeldern mit einem immer größer werdenden Mangel an Fachkräften kämpfen. Im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) fehlten bereits mehr als 60.000 Fachkräfte, beklagen der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Gründe seien der strukturelle und vor allem der demografische Wandel.

Dieses Problem werde noch zunehmen, warnten die Verbände. Sie stützen ihre Prognose auf Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. "Die Fachkräftelücke liegt derzeit bei rund 61.000", erklärte Hans-Peter Klös vom IW. Spätestens nach dem Ende des konjunkturellen Abschwungs werde sich diese Lücke noch weiter öffnen.

Allein für altersbedingt ausscheidende Fachkräfte der genannten Bereiche seien jährlich 50.000 bis 60.000 Nachwuchskräfte nötig. Weitere rund 50.000 Experten aus diesen Fachrichtungen bräuchten die Unternehmen zur Expansion. Die Hochschulen könnten diesen Bedarf bei weitem nicht decken. Der Personalvorstand der Deutschen Telekom und Vorstandsvorsitzende der BDI/BDA-Initiative "MINT Zukunft schaffen", Thomas Sattelberger, warnte, sich durch die Krise den Blick auf die strukturelle Fachkräftelücke verstellen zu lassen.

Wo die Krise kurzfristig Berufsaussichten verdunkle, sollten die Unternehmen den Absolventen Brücken in den Arbeitsmarkt bauen. Experten halten den Mangel an Spezialisten für bedenklich, da vor allem Forschungsarbeiten für die Erschließung neuer Märkte und Geschäftsfelder wichtig seien - und zur Überwindung der Krise beitragen könnten. Der ehemalige Astronaut und Vizedirektor des Instituts für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart, Ernst Messerschmid, unterstrich die Bedeutung der Bereiche für die Raumfahrt. "Ohne MINT wäre Neil Armstrong mit seiner Rakete niemals vom Erdboden abgehoben." Nicht nur im All, auch auf der Erde seien die genannten Wissenschaften ein elementares Werkzeug, etwa bei der Weiterentwicklung der Medizin oder bei der Bekämpfung des Hungers in der Welt oder der Entwicklung neuer Werkstoffe.

Auch der Lehrermangel wird sich im nächsten Schuljahr verschärfen. Die "Bild"-Zeitung berichtete unter Berufung auf den Deutschen Philologenverband, im Herbst würden bundesweit rund 40.000 Lehrkräfte fehlen. Das seien rund 15.000 oder 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders groß sei der Lehrermangel in den Fächern Mathematik, Informatik, Physik und Chemie.

Der Philologenverband regte den verstärkten Einsatz osteuropäischer Lehrer an deutschen Schulen an. Verbandschef Heinz-Peter Meidinger sagte: "Die sind gut ausgebildet, müssten pädagogisch aber noch geschult werden." Er forderte die Bundesländer auf, spezielle Kurse für Bewerber aus Osteuropa anzubieten. In einigen Schulen würden bereits Fachkräfte aus Rumänien und Bulgarien eingesetzt. Nach Schätzung des Philologenverbandes gingen in den nächsten zehn Jahren etwa 300.000 der derzeit 770.000 Lehrer an bundesdeutschen Schulen in den Ruhestand.

Grünen-Chef Cem Özdemir bezeichnete die Prognosen als "alarmierend, jedoch wenig überraschend". Seit Jahren sei klar, dass das deutsche Bildungssystem nicht in der Lage sei, die Ausfälle durch die Ausbildung von Nachwuchs auszugleichen. "Das ist ein Armutszeugnis für eine hoch zivilisierte Industrienation wie Deutschland", kritisierte er. Wenn nicht zügig gegengesteuert werde, verstärke der Lehrermangel in den Technik- und naturwissenschaftlichen Fächern auch den Fachkräftemangel. Es drohe eine Katastrophe für den Standort Deutschland.

beb/Reuters/ddp

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