62-Stunden-Ausstand Bahnstreik stoppt Millionen Pendler und Reisende

Droht ein Mega-Streik bis Weihnachten? Seit zwei Uhr nachts bestreikt die GDL wieder den Nah- und erstmals auch den Fernverkehr. Millionen Reisende und Pendler sind betroffen. Die Lokführer drohen schon mit einer weiteren Eskalation des Ausstands.


Berlin – Im Osten geht fast gar nichts mehr. "In den neuen Bundesländern fahren nur etwa 15 Prozent der Regionalbahnen", sagte Bahn-Vorstandsmitglied Karl- Friedrich Rausch am Morgen in Berlin.

Im Westen ist die Situation für Pendler und Reisende etwas besser: Dort verkehren etwa 50 Prozent der Regionalbahnen. Erhebliche Einschränkungen gibt es auch im S-Bahnverkehr. In Berlin verkehrt die S-Bahn in einem 20- bis 40-Minuten-Takt, in Hamburg fahren rund 40 Prozent der S-Bahnen. Größer sind die Ausfälle in Frankfurt am Main und Stuttgart, wo nur ein Drittel aller S-Bahn-Züge fahren. In Nordrhein-Westfalen verkehren die S-Bahnen im Ein-Stundentakt.

Bahn-Kunden (in Düsseldorf am Dienstag): "Trotz Notfallfahrplänen erhebliche Auswirkungen"
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Bahn-Kunden (in Düsseldorf am Dienstag): "Trotz Notfallfahrplänen erhebliche Auswirkungen"

Die Bahn versucht, die Streikfolgen durch einen Ersatzfahrplan abzufangen. Dieser sei wie geplant angelaufen, sagte ein Bahn- Sprecher. Während die ICEs größtenteils verkehren sollen, sind bei ICs gravierende Ausfälle zu erwarten. In Berlin seien aber am Morgen auch einige ICEs nicht pünktlich gefahren, teilte die Bahn mit.

Aufs Auto oder ins Flugzeug umgestiegen

Bahn-Reisende haben sich offenbar gut vorbereitet. "Auf den Bahnhöfen ist es relativ ruhig", sagte ein Bahn-Sprecher. Viele Pendler stiegen auf Autos um. Allerdings war der Berufsverkehr auf den Straßen nach Angaben der ARD-Verkehrsfunkzentrale gegen sieben Uhr noch relativ normal. Es deuteten sich wegen des höheren Verkehrsaufkommens aber größere Staus an als an normalen Werktagen. Mietwagen-Unternehmen hatten in den vergangenen Tagen schon eine erhöhte Nachfrage registriert.

Auch die Billigflieger gaben einen deutlichen Kundenzuwachs bekannt: "Seit gestern verzeichnen wir auf einigen Strecken deutlich mehr Buchungen als üblich", sagte Air-Berlin-Sprecherin Claudia Loeffler der "Berliner Zeitung". "Die Zuwächse liegen dort zwischen 15 und 30 Prozent." Germanwings registriere ebenfalls eine "stärkere Dynamik bei den Buchungen", sagte Sprecher Heinz Joachim Schöttes.

Die Lokführergewerkschaft GDL hatte die aktuelle Streikrunde um zwei Uhr nachts vom Güterverkehr auf den Personenfern- sowie den Nahverkehr ausgeweitet. Eine Sprecherin der Gewerkschaft in Frankfurt sagte, es seien nicht alle Züge so unterwegs wie die Bahn sich das in ihrem Ersatzfahrplan vorgestellt habe. Der Streik soll 48 Stunden lang bis Samstag, zwei Uhr morgens dauern. Um die Streikfolgen zu mildern, will die Bahn rund 500 Busse im Schienenersatzverkehr fahren lassen.

Schell: Montag Entscheid über unbefristete Streiks

Notfalls werde die GDL bis Weihnachten streiken, sagte Hans-Joachim Kernchen, Bezirksvorsitzender Gewerkschaft im Inforadio des RBB. Wenn sich nach dem jetzt für 62 Stunden anberaumten Streik der Bahn-Vorstand nicht bewege, werde es als "letztes Mittel" einen unbefristeten Streik geben. "Wir können noch lange aushalten."

GDL-Chef Manfred Schell sagte im ARD-"Morgenmagazin", man wolle kommende Woche über einen unbefristeten Streik entscheiden. Vorher habe die Bahn bis Montag Zeit , ein verhandlungsfähiges Angebot vorzulegen. Schell warf dem Bahn-Vorstand mangelnde Kompromissbereitschaft vor. Die Bahn weigere sich, ernsthafte Verhandlungen zu führen.

"Wir sitzen am Verhandlungstisch und warten", sagte dagegen Bahn-Vorstand Rausch. Er habe den Eindruck, dass die GDL die Bahn zu einer Kapitulation zwingen wolle. "Das wird nicht gelingen." Rausch nannte den Streik "unsinnig", die Bahn "kann dem Druck lange Stand halten".

Die Bundesagentur für Arbeit erklärte, dass der Streik vor einer Woche für die Firmen relativ glimpflich ausgegangen sei. Demnach meldete nach dem 42-Stunden-Streik bundesweit kein Unternehmen streikbedingte Kurzarbeit an. "Es hat Anfragen insbesondere von Auto-Firmen gegeben, was im Falle von Kurzarbeit zu tun wäre", sagte eine BA-Sprecherin. Tatsächlich Kurzarbeit aus Streikgründen sei aber nicht angemeldet worden.

itz/AFP/dpa/Reuters/AP

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