8100 Jobs weg BMW-Mitarbeiter bangen um Firmenkultur

Das "Fitnessprogramm", das BMW-Chef Norbert Reithofer seinem Konzern verordnet hat, nimmt Formen an: Trotz hoher Gewinne sollen Tausende die Firma verlassen. Für einige Mitarbeiter ein krasser Kulturbruch.

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Berlin - Für Number One haben viele bei BMW Chart zeigen nur milden Spott übrig - diejenigen jedenfalls, die nicht um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen. "Gruppentherapie auf Vorstandsebene", nennen sie die Diskussion um das "Fitnessprogramm", das BMW-Chef Norbert Reithofer verordnet hat. Ziel ist es, die berauschenden Absatzzahlen endlich in eine entsprechende Rendite umzumünzen. Bei acht bis zehn Prozent soll sie liegen - ein Wert, den Reithofer für unverzichtbar hält, um dem Unternehmen langfristig einen Spitzenplatz in der Branche zu sichern.

Der Spott rührt daher, dass der Chef von BMW Chart zeigen erst eine wahre Ochsentour durch die Instanzen durchlaufen musste, ehe er die einzelnen Bereiche auf das Ziel eingeschworen hatte - traditionell kochen die Abteilungen lieber ihr eigenes Süppchen. Über mehr als zwölf Monate hinweg reihte sich Konferenz an Konferenz - auf Vorstandsebene, mit Bereichsleitern, mit jedem Ressortchef einzeln, mit allen zusammen und so weiter ad nauseam. Heute noch zweifeln viele daran, dass jetzt alle an einem Strang ziehen.

Anspruchsvoll sind sie, die Sparziele: Mehr als sechs Milliarden Euro, die in erster Linie in den Bereichen Materialwirtschaft, Produktion und Entwicklung realisiert werden sollen - bis 2012 nach offizieller Lesart. Doch etliche Abteilungen werden wohl schon wesentlich früher zum Kostencheck vorgeladen.

Die Notwendigkeit einer Fitnesskur bestreitet im Prinzip keiner im Konzern. Das Problem liegt allerdings, das viele Abteilungen nach dem St.-Florians-Prinzip verfahren. "Warum ausgerechnet bei uns?", heißt es gern, wenn das Controlling nach Sparzielen fragt. Und natürlich finden sich jede Menge Argumente gegen Einsparungen: So weist die Entwicklungsabteilung durchaus mit Recht auf die Zusatzbelastungen hin, die durch die Senkung der Grenzwerte für CO2-Emissionen entstanden sind. Auch Zukunftstechnologien wie etwa der Wasserstoffantrieb fordern immer höhere Einsätze.

Goldgräber-Stätte USA

Unter Druck stehen die Münchner auch wegen der hohen Rohstoffkosten und des schwachen Dollars. Zwar erweist sich das US-Werk in Spartanburg als echte Goldgräber-Stätte - nach wie produziert das Unternehmen jedoch einen Großteil seiner Fahrzeuge im deutschen Inland.

Nun bestätigte der Konzern: 8100 Jobs sollen wegfallen - nach außen hin ist das der am deutlichsten sichtbare Teil von Number One. . Eine "Verschlankung", die vielen angesichts der ambitionierten Ziele in der Produktion kaum nachvollziehbar erscheint. Schließlich will BMW den Absatz bis 2012 nach eigenen Angaben auf 1,8 Millionen Fahrzeuge ausbauen - eine Steigerung um satte 300.000 Fahrzeuge gegenüber 2007. "Wer soll die Autos denn entwickeln und bauen, wenn sie alle entlassen", fragt ein Mitarbeiter.

Die Arbeitnehmervertreter verweisen auf die üppigen Gewinne, die BMW derzeit erwirtschaftet. Der Stellenabbau sei angesichts eines Vorsteuergewinns von zuletzt 3,7 Milliarden Euro nur schwer nachzuvollziehen, sagte heute der Bezirksleiter der IG Metall Bayern, Werner Neugebauer. "Wir waren bisher bei BMW eine andere Kultur im Umgang mit den Beschäftigten gewöhnt. Wenn BMW diese Kultur ändern will, wird sich auch die IG Metall anders aufstellen." Nur Personal abbauen zu wollen, sei noch kein tragfähiges Konzept für die Zukunft.

Die BMW-Kultur und ihre Auswüchse

Die viel gepriesene BMW-Kultur hat allerdings in der Vergangenheit zu einigen Fehlentwicklungen geführt, die Reithofer nun dringend korrigieren muss. So gelten nicht wenige Abteilungen in der Verwaltung als massiv überbesetzt. Auch in der Entwicklung leisteten sich die Münchner so manchen Luxus, der in der Zukunft kaum noch finanzierbar scheint. Verliebt in technische Finessen missbilligten die Ingenieure jeden, der an der Notwendigkeit dieses oder jenes Gimmicks zweifelte.

Kein Wunder also, dass die Fitnesskur auch mit Entlassungen verbunden ist. Bei den Zeitarbeitskräften hätten bereits 2500 externe Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, sagte Personalvorstand Ernst Baumann heute. Der Rest soll im Laufe des Jahres folgen. Der Vorstand betonte aber, es handle sich dabei um Angestellte von Zeitarbeitsfirmen. "Dort werden sie ihren Arbeitsplatz auch behalten."

Den Aderlass versuchte Baumann zu relativieren: Die Zahl der in Deutschland betroffenen festen Mitarbeiter entspreche etwa drei Prozent der Belegschaft, sagte er. In dieser Größenordnung solle auch die Beschäftigtenzahl an den jeweiligen Standorten sinken.

Leipzig bleibt weitgehend verschont

Die Stellenkürzungen sollen alle Werke im Inland einbeziehen, lediglich Leipzig wird weitgehend verschont. "Dort wird es weder bei den Zeitarbeitskräften noch bei der Stammbelegschaft zu einschneidenden Maßnahmen kommen." Genauere Angaben zu den Auswirkungen an den einzelnen Standorten wollte Baumann noch nicht machen.

Ungeachtet der Kürzungen werde BMW in den kommenden Jahren auch neu einstellen, betonte er. So seien 2008 etwa 500 Neueinstellungen geplant. Gesucht seien vor allem Informatiker und Ingenieure. Auch wegen der Produktionsausweitung soll die Zahl der Mitarbeiter 2012 dann insgesamt wieder auf dem Niveau von 2007 liegen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Albedo4k8, 27.02.2008
1. In 5 Jahren kennt keiner mehr BMW
Ausser die oberen 10000 die es sich bei dem aktuellen Verbrauch dieser Kisten und den dann aktuellen herschenden Spritpreisen sich so ein Gefaehrt ueberhaupt leisten koennen. Von 1.8 Millionen Stueckzahlen kann BMW dann nur noch traeumen.
AndiEh 27.02.2008
2. Mitarbeiter Entlassungen sind eine Bankrotterklärung für jeden Manager
Kann mir jemand mal folgende Frage erklären: Wäre es nicht sinnvoller die hunderte von Millionen, die man für die Entlassungswelle an Abfindungen vorgesehen hat, in den Vertrieb zu stecken, damit mehr Leut BMW kaufen? Damit könnte man sich die Entlassungen dann sparen. Könnte man nicht mehr Kraft und Geld in die Steigerung der Attraktivität der Autos stecken, um damit mehr davon abzusetzen? Dann bräuchte man die Leute, um die "Mehr" Autos zu produzieren. NAtürlich ist es sinnvoll Kosten zu sparen, und die Produktivität zu erhöhen. Allerdings schafft es ein guter!!! Manager auch, daß mehr Menschen seine Produkte kaufen wollen, und somit bräuchte Produktivitätsfortschritt nicht gleich Entlassung heißen. Aber das wäre ja mit Arbeit verbunden, und die meisten Manager sind ja eh nur auf schnelle Kohle aus Prämien scharf, die sie bekommen, wenn der Aktienkurs steigt. Gruß Andi p.S. BMW halte ich sehr zugute, daß sie in Deutschland produzieren, und sich auch immer wieder für Deutschladn entscheiden. Allerdings sollten die Inhaber von BMW sich schon mal überlegen, wen sie da zum Manager gemacht haben.
johndo89 27.02.2008
3. Privat- oder Firmenwagen
was nützt es, noch mehr Geld in den Vertrieb zu stecken, wenn die Preis für den Privatmann( Frau ) jenseits von Gut und Böse sind. Der steigende Absatz ist doch nur noch über Firmenwagen zu realisieren, den die Preise wenden nicht billiger Wenn ein BMW dann doch nur über den Gebrauchtmarkt, anderes ist so ein Auto nicht mehr bezahlbar. Für Audi und Mercedes gilt das gleiche.
Smirre.xy 27.02.2008
4. Wer soll das bezahlen
Zitat von sysopDas "Fitnessprogramm", das BMW-Chef Norbert Reithofer seinem Konzern verordnet hat, nimmt Formen an: Trotz hoher Gewinne sollen Tausende die Firma verlassen. Für einige Mitarbeiter ein krasser Kulturbruch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,538186,00.html
Langsam aber sicher frage ich mich wer denn die Autos noch kaufen soll,immer schön entlassen Henkle will 3000 Stellen streichen,ja ja die Klientel wird immer kleiner aber exklusiver,aber irgendwann reicht es dem vermeintlich kleinen Mann.
lassmabessersein, 27.02.2008
5. Alte, teure Ingenieure raus, junge, billige rein?
oder wie darf man das verstehen, dass in der entwicklung abgebaut und eingestellt werden soll? zeitarbeiter behalten ihren job? wohl nicht immer, denn viele zeitarbeitsfirmen haben nicht beliebig viele kunden, sondern muessen ihre mitarbeiter dann entlassen, wegen fehlender auftragslage. mein mitgefuehl gilt den vielen tausend schicksalen, die nun schwer enttaeuscht sind und oftmals sicher auch in den persoenlichen ruin getreten werden. denn wenn die bank die raten fuer das haeuschen verlangt, das konto aber schmaler wird, dann kann sich verzweifelung breit machen. aber heute ist es ja ueblich, dass auch finanzstarke unternehmen ohne ruecksicht auf die mitarbeiter, kahlschlag betreiben. hauptsache, die aktionaere kriegen noch ein paar euronen mehr. der zweck heiligt eben doch alle mittel. ekelhaft. BMW kommt auf meine boykottliste. ebenso wie Nokia und die musikindustrie. wer mein sauer verdientes geld haben, muss nett zu den menchen sein. und zwar nicht nur auf powerpointfolien, mit den tollsten human values. gemessen wird nicht an worten, sondern an taten und abgestimmt wird mit den fuessen!!!
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