"New York Times"-Verleger Sulzberger vs. Trump Der Prinz und der Pöbler

Die Zahl der Abos verdoppelt, die Redaktion groß wie nie: Die "New York Times" ist mit ihrem Verleger A.G. Sulzberger zur glaubwürdigsten Stimme des Landes geworden - auch dank des Streits mit dem US-Präsidenten. Ein Besuch.

Celeste Sloman/ DER SPIEGEL

Von und , New York


Arthur Gregg Sulzberger hat ein eigenes Büro, immerhin. So viel Luxus wird bei der "New York Times" nur noch wenigen zuteil.

Selbst der Finanzchef und der Geschäftsführer haben ihre luxuriösen Suiten im "Times"-Gebäude verloren. Sulzbergers kleines Eckzimmer im sechsten Stock - ein Holztisch, ein winziges Sofa, ein Stehpult - ist das letzte Privileg für den Mann an der Spitze der mächtigsten Zeitung Amerikas: den Verleger.

Seit der 38-jährige Arthur Gregg, der sich A.G. nennen lässt, vor gut einem Jahr das Erbe seines Vaters Arthur Ochs Sulzberger Jr. als Publisher der "Times" antrat, werden bei dem 1851 gegründeten Blatt die letzten Reste feudalen Denkens getilgt. Der gediegene Verlegerflur im 16. Stock ist, wie mehrere andere, aufgelöst und vermietet. Das Geld soll lieber in die Redaktion investiert werden.

"Dass wir langfristig denken", sagt Sulzberger, "ist der Grund, warum wir in einer Zeit, in der viele andere journalistische Organisationen im Niedergang sind, ein beispielloses Wachstum erleben."

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Ein Freitag in Midtown Manhattan. Während sie drei Etagen tiefer im Newsroom gerade letzte Hand an die neuesten Enthüllungen zur Russlandaffäre legen, posiert der Verleger oben geduldig fürs obligatorische Porträtfoto. Bis heute ist er pressescheu: Ein seltener Schnappschuss davon, wie er mit der U-Bahn in die Redaktion fuhr, galt 2015 noch als kleine Sensation.

Sulzberger, ein schlanker Kerl mit Jeans, Hornbrille und kahlem Kopf, würde optisch gut in ein Silicon-Valley-Start-up passen. Doch er wirkt schüchtern, fast nervös, und wägt jedes Wort ab.

Schließlich ist die "Times" nicht nur eine Zeitung. Sie ist, wie Sulzberger sagt, "ein Vermächtnis", das seiner Familie seit fünf Generationen am Herzen liegt.

So energisch wie wohl keiner seiner Vorgänger bugsiert Sulzberger die "Times" in die Zukunft. Zugleich hat er sich - nicht zuletzt auch dank eines schlagzeilenträchtigen Streits mit Präsident Donald Trump - als wichtigste, glaubwürdigste Stimme des bedrängten US-Journalismus profiliert.

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"NYT": Glaubwürdigste Stimme der USA

Viele schreiben es Sulzberger zu, dass die "Times" heute gut dasteht. Die Zahl der Abos hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt, die Abhängigkeit vom Werbemarkt ist geschrumpft, die Redaktion mit 1500 Journalisten so groß wie nie zuvor. Sulzberger hat ihr vermittelt, dass Digitalisierung nicht bedeutet, sich bei Lesern mit Bildern von Kim Kardashian anbiedern zu müssen, sondern ihnen in hohem Tempo harten, guten Journalismus zu liefern: "Journalismus, der Zeit braucht, der Reisen braucht, der Expertise braucht, der Anwälte und Faktenchecks braucht".

Dafür, sagt er, gebe es auch weiter ein Geschäftsmodell.

Die Mission der "Times" hat sich nicht verändert, alles andere aber schon, seit Sulzberger am 5. August 1980 geboren wurde: Damals verkündete die "Times" das dynastische Ereignis noch unter der Überschrift "Sulzbergers Have Son". Als er selbst vor acht Monaten Vater einer Tochter wurde, gab es dazu keine Meldung mehr, stattdessen nahm er Elternzeit. Die Fotos von Frau und Kind kleben heute ohne Schmuckrahmen in seinem Büro am Regal.

Sich langsam an die Verantwortung als Verleger zu gewöhnen, dafür blieb Sulzberger wenig Zeit. "Man hätte ihm Flitterwochen gewünscht", seufzt "Times"-Chefmanager Mark Thompson. Doch dafür ist der politische und wirtschaftliche Gegenwind zu steif: "Das Vertrauen in unsere Arbeit schwindet, Geschäftsmodelle verändern sich", sagt Sulzberger. "Wer sich für Journalismus interessiert, muss das sehr ernst nehmen."

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Sorgen macht ihnen außerdem Trump, auch wenn die "Times" bisher von dessen Angriffen profitiert hat. Die Abo-Zahlen sind gestiegen, seit Trump das Blatt bei jeder sich bietenden Gelegenheit als "scheiternde 'New York Times'" beschimpft. Doch es geht um mehr. Sulzberger selbst hat sich mit dem 34 Jahre älteren Präsidenten bereits einen öffentlichen Schlagabtausch geliefert.

Der begann, als Trump ihn im Juli zu einem vertraulichen Gespräch ins Oval Office einlud. Sulzberger mutmaßte, dass der Präsident "etwas auszusetzen hatte", sah in dem Treffen aber auch eine Chance, Trump begreiflich zu machen, wie gefährlich seine pressefeindliche Rhetorik von Journalisten als "Feinden des Volkes" ist.

Trump tat nach Sulzbergers Darstellung dann wohl auch so, als höre er aufmerksam zu, deutete sogar an, dass er ernsthaft über die Beschwerde nachdenken wolle. Nach 75 Minuten verabschiedete man sich und vereinbarte strikte Diskretion.

Neun Tage später machte Trump das Treffen per Tweet publik - und verzerrte den Inhalt ins Gegenteil: "Wir haben über die enorme Menge von Fake News geredet, die von den Medien verbreitet werden, und darüber, wie sich daraus der Begriff 'Feinde des Volkes' entwickelt hat. Traurig!" Sulzberger erfuhr zu Hause beim Windelnwechseln von Trumps Tweet - und hielt prompt mit einer Pressemitteilung dagegen: Er habe den Präsidenten darauf aufmerksam gemacht, wie brisant exakt diese Wortwahl sei.

So, sagt Sulzberger dem SPIEGEL später zufrieden, sei nun wenigstens "vor aller Welt dokumentiert, dass er gewarnt wurde".

Die Auseinandersetzung mit Trump hat Sulzberger Respekt eingetragen, in der Branche und in der eigenen Redaktion. "Er hat das fabelhaft gemacht", sagt "Times"-Chefredakteur Dean Baquet. "Er hat sich vom Präsidenten nichts vormachen lassen."

Dass Sulzberger zum derzeit glaubwürdigsten Wortführer der US-Medien wurde, verdankt er aber auch seiner Familie. Denn anders als die Verlegerclans Bancroft und Graham, die das "Wall Street Journal" und die "Washington Post" längst abgestoßen haben, hielten die Sulzbergers der "Times" immer die Treue und haben sich ihr Bekenntnis zur Unabhängigkeit nie abkaufen lassen.

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Traditionszeitung: Die Geschichte der "New York Times"

Darauf bestand schon A.G.'s Ururgroßvater Adolph Ochs, ein Sohn bayerischer Immigranten, der das marode Lokalblatt 1896 erstand. In seinem ersten Leitartikel versprach der, die Times werde "without fear or favor" berichten - ohne Angst oder Gefälligkeiten.

Das Credo hat sie viel Geld gekostet.

Beispiel eins: Nachdem die "Times" 2012 trotz offizieller Drohungen kritisch über Chinas kommunistische Partei berichtete, wurde die chinesische Version der "Times"-Website von Peking gesperrt.

Beispiel zwei: Die Firma von Filmmogul Harvey Weinstein, den unter anderem die "Times" mit ihren #MeToo-Enthüllungen vor Gericht brachte, war einer der großen Anzeigenkunden. "Doch kein Sulzberger", sagt Baquet, "würde je eine Geschichte verhindern."

Ein Bewerbungsverfahren auch für ihn

Dass A.G. - der "Prinz der Sulzbergers", als den ihn manche immer schon verspottet haben - seinerseits Verleger werden würde, war keineswegs ausgemacht: Gegen seine Cousins, die ebenfalls in leitenden "Times"-Jobs arbeiten, musste er sich in einem Bewerbungsverfahren durchsetzen.

Anfangs wusste Sulzberger nicht mal, ob er überhaupt in den Journalismus wollte. Zwar streifte er schon als Kind durch die Katakomben des alten "Times"-Palastes an der West 43rd Street. Aber er habe sich "nie unter Druck gefühlt, Journalist zu werden", sagt er heute: "Und die meiste Zeit meines Lebens war ich überzeugt davon, dass ich es nicht werden würde."

Eine Journalismusprofessorin begeisterte ihn fürs Schreiben und vermittelte ihm ein Praktikum beim "Providence Journal", einer Lokalzeitung in Rhode Island. Sulzberger schrieb über Stadtversammlungen und die lokale Fischindustrie und rief allmorgendlich beim Polizeichef an, um zu erfahren, was über Nacht passiert war. 2006 wechselte er zum "Oregonian" in Portland und berichtete dort so hartnäckig über Korruption im Büro eines lokalen Sheriffs, dass der Mann zurücktreten musste.

Seinem prominenten Namen versuchte er dabei aber stets zu entkommen: Er habe, sagt er, beweisen wollen, "dass ich bereit bin, jeden Auftrag anzunehmen, mir den Arsch abzuarbeiten und meine Texte für sich sprechen zu lassen".

Mit dem Wechsel in die Familienzeitung tat er sich anfangs denn auch schwer. Er habe gefürchtet, dass das als Nepotismus betrachtet werde, erzählte Jill Abramson, damals leitende Redakteurin und später Chefredakteurin der "Times", dem "New Yorker": "Er war ein toller Reporter und Schreiber, den ich auch eingestellt hätte, wenn er einen anderen Nachnamen gehabt hätte."

Jill Abramson
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Jill Abramson

2009 heuerte Sulzberger offiziell bei der "Times" an, zunächst als Lokalreporter, dann als Leiter des Redaktionsbüros in Kansas City und schließlich leitender Redakteur in New York. Diese Wurzeln werden ihm in der Redaktion hoch angerechnet. "Ich kenne keinen Verleger, der so sehr Journalist ist", sagt Baquet.

Überhaupt, wer sich umhört, hört nur Gutes über Sulzberger: Zugänglich sei er, unprätentiös, direkt und mit einem "guten Bullshit-Detektor" ausgestattet, wie CEO Thompson es ausdrückt: Mit wichtig klingendem Unsinn kommt man bei ihm nicht weit.

"Innovation Report" als Startschuss für beispiellose Aufholjagd

Es war Abramson, die 2014 auf die Idee kam, Sulzberger an die Spitze einer Gruppe zu berufen, die den "Innovation Report" verfassen sollte. Diese eigentlich geheime "Times"-Bestandsaufnahme fürs digitale Zeitalter gab den Startschuss für eine beispiellose Aufholjagd.

Für Abramson ging das jedoch nach hinten los, denn der 96-seitige Bericht sparte nicht mit Kritik: Wenn die "Times" sich nicht radikal wandele, drohe sie ihren journalistischen Vorteil an Web-Rivalen wie "BuzzFeed" oder die "Huffington Post" zu verlieren.

"Für mich war das eine epische Niederlage", erinnert sich Abramson in ihrem gerade erschienenen Buch "Merchants of Truth". Abramson zog einen behutsameren Wandel vor und fürchtete einen Ausverkauf der Redaktion. Durch den Bericht litt ihr Ruf in der Redaktion, wo sie mit ihrer sperrigen Persönlichkeit ohnehin aneckte. Noch in derselben Woche war sie ihren Job los - während der "Innovation Report" Sulzbergers Karriere beschleunigte.

"Er gehört einer Generation an, unter der das digitale Leben der 'Times' aufgeblüht ist", sagt Abramsons Nachfolger Baquet. "Das war das erste Mal, dass jemand klar gesagt hat: 'Wir sind nicht gut, wir hinken hinterher.'"

Vorige Woche gab es ein erneutes Tête-à-Tête mit Trump. Diesmal lud der Präsident ihn zu einem diskreten Dinner, doch Sulzberger lehnte dankend ab: Wenn, dann bitte schön ein formelles Interview gemeinsam mit Maggie Haberman und Peter Baker, seinen Chefkorrespondenten für das Weiße Haus. (Lesen Sie hier einen ausführlichen Report über die Arbeit der "NYT" aus dem Jahr 2017.)

Trump willigte ein. Bei dem Interview stellte ihn Sulzberger zur Rede. Es war ein weiterer journalistischer Coup für die "Times".



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
traurigeWahrheit 05.02.2019
1. Na ja,
die harte Auflage, also die tatsächlich verkauften Exemplare, die gehen bei der New York Times zurück wie bei allen Zeitungen weltweit. Interessant wären die absoluten Zahlen der Abos, eine Verdoppelung wäre nur dann imposant, wenn sie von höheren Niveau geschehen würde.
Papazaca 05.02.2019
2. Die NYT und das FBI werden dafür sorgen, das Trump bald ...
für den Rest seines Lebens Golf spielen muß. Ich kann mir nicht vorstellen, das Trump seine zweite Amtszeit zu Ende bringt. Ich vermute ein "Nixon-Deal": Rücktritt, dafür Pardon und Straffreiheit. Allerdings, wenn es wirklich richtig schlimm für Trump läuft, kann es auch richtig böse für Ihn ausgehen. Medien wie die NYT und die Washington Post haben Ihren Anteil daran. Wirklich sehr gute Zeitungen!
annoo 05.02.2019
3.
Zitat von traurigeWahrheitdie harte Auflage, also die tatsächlich verkauften Exemplare, die gehen bei der New York Times zurück wie bei allen Zeitungen weltweit. Interessant wären die absoluten Zahlen der Abos, eine Verdoppelung wäre nur dann imposant, wenn sie von höheren Niveau geschehen würde.
dass Printmedien - allen voran Tageszeitungen - weltweit an Verkaufszahlen verlieren ist ja kein unbekanntes Phänomen. Interessant ist insofern, welche Rolle die Internetpräsenz spielt. Warum genau wollen Sie die Zahlen eigentlich wissen? Um - genau wie Trump - die Bedeutsamkeit des Medienunternehmens herunter zu spielen? Herrn Trump zumindest geht es sicher nicht um eine wissenschaftliche Analyse der Verkaufszahlen...
arikimau 05.02.2019
4. Erbe oder Leistung?
Wäre spannend wenn er sich das erarbeitet hätte, aber leider war ihm der Posten in die Wiege gelegt worden. Ich finde solche riesen Unternehmen müssen nach dem Tod des Geschäftsführers in die Hände der Mitarbeiter übergehen. So planen es auch viele Unternehmen aus dem Siliconvalley. Es fühlt sich falsch an das ein linksliberalen Unternehmen an die Kinder Vererbt wird.
Heinrich_Hoert 05.02.2019
5. Eigentlich
Würde man sich diesen Mut auch von Verlegern bei uns in Deutschland wünschen. Aber hier werden ja die Interview Fragen schon im Vorfeld den Politikern vorgelegt damit dann diese die Fragen absegnen können. Deutschland immer noch ein Wintermärchen, wie Heinrich Heine das Land beschrieb so ist es noch heute und es ähnelt der Beschreibung von Heine immer mehr. Der alte Untertanengeist. Der Mief der noch immer in die Redaktionszimmern verpestet. Man gewöhnt sich die Schreibe an, die gewünscht wird oder man bringt keine Artikel unter und das ist für freie dann so was wie das Ende in dem Beruf. Vom Ideal zum Alltag der dann so endet das man den Spiegel im Badezimmer abhängt, weil man sich nicht mehr darin sehen mag. Vielleicht ist die NYT und der amerikanische Journalismus wirklich noch die letzte Bastion vor der Barberei, der wir uns täglich ausgesetzt sehen. Aber der endet leider auch oft vor dem Patriotismus mit den Militäreinsätzen die man solange es nur die Bewohner der Elendsgebieten bei den Verlustmeldungen der Auslandseinsätze trifft mit ekelhafter Gleichgültigkeit für nicht berichtenswert erachtet. Wie geschrieben, eigentlich wäre es ein Traum der Anzeigeabteilung in den wertesten zu treten und den Anzeigekunden zu sagen Unabhängigkeit vor Werbeaufträgen. Aber man darf ja träumen, vielleicht das nächstemal. Die Chance wurde vergeben.
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