Abfallentsorgung in Afrika: Müll, Moneten, Mafia

Von Marlies Uken

2. Teil: Frachtcontainer sind wie eine "Blackbox"

Nicht nur Elektroschrott, auch Altfahrzeuge treten hier in Hamburg ihre Schiffsreise an. Gerade bei Schrottautos nimmt die Hansestadt einen der Spitzenplätze in Europa ein, rund 11.000 werden monatlich nach Afrika verschifft. Abou Merhi Lines aus Libanon ist eine der wichtigsten Reedereien für solche Autotransporte, sechs riesige Fähren, die mehrere tausend Fahrzeuge fassen, pendeln Monat für Monat zwischen den Kontinenten. Das perfekte Vehikel für Abfälle dagegen ist die "Blackbox" der Globalisierung: der Frachtcontainer. Knapp zehn Millionen davon schlägt der Hamburger Hafen jährlich um, Massen, vor denen selbst der Zoll kapituliert.

Die Hamburger Beamten müssen sich täglich durch Tausende elektronische Warenanmeldungen klicken, immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten. Sie fahnden nach Waffen und Drogen, illegale Abfälle machen sie nebenbei. 30 Zöllner sind Tag und Nacht im Hafen unterwegs, durchleuchten Container in Röntgenanlagen, lassen sie öffnen. "Illegal exportierte Elektrogeräte finden wir in der Regel per Zufall oder weil uns die Umweltbehörde einen Hinweis gibt", sagt Arne Petrick vom Hamburger Zoll. "Wir suchen die Nadel im Heuhaufen." Er erzählt von dreisten Müllschmugglern, die Computer mit abgeschnittenen Stromkabeln verschiffen - die also eindeutig Müll sind. Im Zielland würde man andere Stecker montieren, weil die deutschen nicht passten, behaupteten die Händler. "Wenn die Argumentation schlüssig ist, müssen wir das so hinnehmen", sagt Petrick. Er klingt frustriert.

Maria Elander von der Deutschen Umwelthilfe sieht das anders. Sie wirft den Behörden vor, den Müllstrom nicht konsequent genug zu unterbinden. Vor einem Jahr hatte die Organisation im Hamburger Hafen alte Computerbildschirme auf dem Weg nach Vietnam und Usbekistan entdeckt und die Behörden aufgefordert, solche Exporte zu stoppen. "Die Kooperationsbereitschaft war nicht sehr groß", erzählt die Abfallexpertin. Sie glaubt, den Behörden fehle der Anreiz, illegale Mülltransporte herauszufischen. "Dann muss die Behörde den Absender ausfindig machen, damit der Müll umweltgerecht entsorgt wird - das ist Aufwand", erklärt Elander. "Findet sie ihn nicht, bleibt sie auf den Kosten der Entsorgung sitzen." Ob Müllschmuggler oder Behörde, in dieser Geschichte hat wohl jeder ein Interesse, dass der Müll irgendwo landet - nur nicht in Deutschland. Denn dann wird's teuer: 100 bis 200 Euro kostet das umweltgerechte Recycling einer Tonne Elektroschrott hierzulande.

Viele Kinder leiden an Atemproblemen

Was Afrika unter Recycling versteht, lässt sich in Ghanas Hauptstadt Accra beobachten, auf der Deponie Agbogbloshie. Sie ist die Müllkippe des digitalen Zeitalters. Auf einem Quadratkilometer Fläche türmen sich defekte Fernsehbildschirme, Laufwerke und DVD-Player übereinander. Eine Landschaft in zertrümmertem Grau. Einige Jungs balancieren Eimer voller Kabelgestrüpp auf ihren Köpfen, unter ihren Füßen knacken zerbrochene Laptops. Über dem Gelände wabert stickiger, beißender Rauch.

Morgens um acht fangen Kinder an, mit bloßen Händen und einem Schraubenzieher die Bildschirme und Laufwerke zu zerschlagen. Über offenem Feuer verbrennen sie die Festplatten und Kabel, um an das kostbare Kupfer zu kommen. Etwa zwei Dollar verdienen sie mit dem Verkauf der täglichen Ausbeute und bezahlen dafür mit ihrer Gesundheit: Über dem Feuer entstehen hochgiftige Dämpfe, viele Kinder leiden an Atemproblemen. Nach dem Verbrennen lassen sie die Kabelreste und Festplatten einfach liegen. Regen schwemmt die Schwermetalle aus, der Giftcocktail verseucht den Boden, die Flüsse, die Fische. Und landet am Ende bei den Menschen auf dem Teller.

Die Umstände dieses globalen Gifttransfers hat Greenpeace dokumentiert. Mehr als 100 Container aus Europa und den USA kommen jeden Monat in Ghana an. Den Inhalt verramschen Händler auf Märkten. Je schneller eine Computergeneration aus der Mode ist, desto schneller wächst der Müllberg. Sogar Laufwerke aus Deutschland hat Greenpeace auf der Agbogbloshie-Deponie entdeckt. "Die Computer kommen als Secondhandware nach Ghana", erklärt Greenpeace-Abfallexpertin Kim Schoppink, "aber wer soll sie nutzen in einem Land, in dem es noch nicht einmal ständig Strom gibt?"

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Hat die Entwicklungshilfe in Afrika versagt?
insgesamt 2010 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Rainer Eichberg 09.04.2009
Zitat von sysopImmer wieder gerät die herkömmliche Entwicklungshilfe in die Kritik. Ist die heutige Unterstützung noch zeitgemäß oder hat sie den Kontinent unselbstständig und abhängig von Almosen gemacht?
Zumindest an den Küsten hat man sich dort überaus selbständig gemacht! Ich vermute jedoch, die Entwicklungshelfer haben jahrzehntelang den Überschuß an Seeräuber-Romanen aus der Buchproduktion dorthin geschickt.
2.
chirin 09.04.2009
Zitat von sysopImmer wieder gerät die herkömmliche Entwicklungshilfe in die Kritik. Ist die heutige Unterstützung noch zeitgemäß oder hat sie den Kontinent unselbstständig und abhängig von Almosen gemacht?
Natürlich, und das war das Erste, was ich im Unterricht 1955 im Westteil gelernt habe.Mit viel Engagement sammelten die Schulen Geld und dafür wurden Schulmöbel (Tische , Bänke, Schränke und Schreibmaterialien) gekauft (ich glaube die Kinder und Eltern spendeten damals an die 80 000.- Westmark). jedenfalls wurde alles nahc Afrika gesandt und kam Monate später zurück, die wollten Geld. Dann wurde das Geld gesandt und dann war in der Zeitung zu lesen, das sich die Ehefrau- eine ganz dicke Afrikanerin - von dem Geld in England ein entsprechendes "goldenes" - sicher vergoldetes- Bett gekauft habe. Na, bitte! An den vielen Spenden nach Afrika haben sich in1. Linie die Regierenden des afrikanischen Staates bereichert und natürlich die Organisationen , die eingesammelt haben - auch da die 1.Etage und nicht die vielen ehrenamtlichen Helfer. Als wir vor 30 Jahren durch Ägypten fuhren - zwischen Alexandria und Kairo - hatten die Franzosen Frischwasser-Leitungen entlang der Ölpipelines gelegt und die Ägypter haben - bei brennender Sonne - gesät und vorsichtig gegossen. Das ist also an den Bedürfnissen des Landes Entwicklungshilfe gewesen und die bringt auch etwas, aber die Deutschen u.a. sehen doch nur zu, wo sie selbst bleiben. Dann gründet ebend die Großmutter eines Politikers zu überhöhten Preisen pro Forma eine Dienstleistungsgesellschaft und schon läuft der Laden. Die Afrikaner in ihren Behörden machen fröhlich mit. Die von Deutschland geleistete Entwicklungshilfe ist eher pervers. Hier in Deutschland haben wir hungernde Kinder und die Regierung sendet Fernseher und Waschmaschinen nach China, als Entwicklungshilfe, das ist schon besonders merkwürdig.
3.
annalüse 09.04.2009
Zitat von sysopImmer wieder gerät die herkömmliche Entwicklungshilfe in die Kritik. Ist die heutige Unterstützung noch zeitgemäß oder hat sie den Kontinent unselbstständig und abhängig von Almosen gemacht?
Bitte nichts ändern! Als EU haben wir ein vitales Eigeninteresse daran, dass alles so bleibt wie es ist. Denn nur wenn die von uns abhängig bleiben, können wir ihnen diktieren, dass ihre Grenzen für unsere Produkte offenbleiben. Das bißchen Entwicklungshilfe nehmen wir aus der Portokasse als Alibi für unsere weiße Weste.
4.
Orix 09.04.2009
Zitat von annalüseBitte nichts ändern! Als EU haben wir ein vitales Eigeninteresse daran, dass alles so bleibt wie es ist. Denn nur wenn die von uns abhängig bleiben, können wir ihnen diktieren, dass ihre Grenzen für unsere Produkte offenbleiben. Das bißchen Entwicklungshilfe nehmen wir aus der Portokasse als Alibi für unsere weiße Weste.
Genau! Wir nehemen ihnen weiter die Lebensgundlagen,in den wir ihnen die Fische vor der Nase wegfangen und und.... Laden den Mist an überflüssigen Lebensmittel dort ab, da mit der Bauer sich gar nicht erst mühen muss, denn an die Preis kommt er eh nicht ran. Unsere alten Lumpen folgen hinter her, spart den Kauf der Nähmaschine und unternehmerisches Denken. Weihnachten legen wir was in die Spendenbüchse und schon ist das Gewissen beruhigt. Blos der Zaun um die EU müsste noch etwas höher gezogen werden, wo kämen wir denn dahin wenn jeder der Hunger hat zu uns will.
5.
Antisthenes 09.04.2009
Zitat von OrixBlos der Zaun um die EU müsste noch etwas höher gezogen werden, wo kämen wir denn dahin wenn jeder der Hunger hat zu uns will.
Alles reinwinken, oder wie jetzt?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -21-