Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Abgaben-Gerechtigkeit: Reiche profitieren von Steuerentlastungen

Wenige zahlen für die Masse mit: Die Besserverdiener stellen ein Viertel der Bevölkerung, entrichten aber das Gros der Einkommensteuer. Der Solidarausgleich von oben nach unten klappt trotzdem nur teilweise - denn die Reichsten der Reichen werden weniger belastet als vor ein paar Jahren.

Wiesbaden - Die Zahl der Gutverdiener in Deutschland hat abgenommen: 2004 betrug der Anteil der Steuerpflichtigen mit einem Einkommen über 37.500 Euro noch 26,8 Prozent - das waren gut drei Prozentpunkte weniger als noch 2001. Die Steuerlast dieser Gruppe ist aber praktisch gleich geblieben. Laut Daten, die das Statistische Bundesamt an diesem Montag bekanntgab, zahlte diese Gruppe 79,6 Prozent der festgesetzten Lohn- und Einkommensteuer, nur knapp weniger als 2001.

Steuerbescheid: Einkommen werden umverteilt
DPA

Steuerbescheid: Einkommen werden umverteilt

Das Bundesamt gibt alle drei Jahre nach Abschluss der zeitaufwendigen Veranlagungsarbeiten in den Finanzämtern eine Einkommensteuerstatistik heraus. Zuletzt war dies 2001 geschehen.

Für das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) belegt die Statistik, dass die Umverteilung von oben nach unten funktioniert. "Aufgrund der Progression werden Einkommen zu einem erheblichen Teil umverteilt", sagt IW-Mitarbeiter Winfried Fuest. Eine stärkere Belastung höherer Einkommen sei unnötig, die Reichensteuer überflüssig. "Denn die Reichen werden schon überproportional belastet", sagt Fuest.

Für das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) gibt die Statistik die Situation jedoch nur unzureichend wieder. "Die Möglichkeit, Steuern legal und illegal zu umgehen, steigt mit dem Einkommen", sagte IMK-Experte Achim Truger zu Reuters.

Innerhalb der Gruppe der Reichen gibt es große Verschiebungen zugunsten der absoluten Top-Verdiener. Deren Anteil ist leicht gestiegen, ihr Beitrag zur Finanzierung des Staates ist aber deutlich um mehr als drei Prozentpunkte gesunken. Unter den Spitzenverdienern des Jahres 2004 waren 9688 Einkommensmillionäre mit Einkünften von im Schnitt 2,7 Millionen Euro - sie stellten 0,03 Prozent aller Steuerpflichtigen. Von ihnen zahlte jeder im Schnitt 968.000 Euro Einkommensteuer.

Die Hälfte der gesamten Einkommensteuer wendeten Steuerpflichtige mit jährlichen Einkünften von mehr als 66.200 Euro auf; das waren 8,2 Prozent aller Einkommensteuerpflichtigen. Auf der anderen Seite der Lohnskala hatten 73,2 Prozent aller erfassten Steuerpflichtigen im Jahr 2004 Einkünfte von höchstens 37.500 Euro, diese Gruppe brachte 20,4 Prozent der festgesetzten Lohn- und Einkommensteuer auf.

Das gewerkschaftsnahe IMK wies darauf hin, bei indirekten Steuern - von der Mehrwert- bis zur Tabaksteuer - gebe es keine Progression, die eine stärkere Belastung höherer Einkommen sicherstelle. Auch würden Spitzenverdiener bei Kranken- und anderen Sozialversicherungen de facto geringer belastet, weil die über den Beitragsbemessungsgrenzen liegenden Einkommen abgabenfrei seien.

Insgesamt erzielten demnach im Jahr 2004 die 35 Millionen erfassten Steuerpflichtigen positive Einkünfte von 1,1 Billionen Euro, wobei zusammen veranlagte Ehegatten als ein Steuerpflichtiger gezählt werden. Gegenüber 2001 bedeutet dies eine Steigerung um 9 Prozent.

"Diese Steigerung ist mit den Ergebnissen früherer Jahre aber nur eingeschränkt vergleichbar", schränkt Christopher Gräb vom Statistischen Bundesamt ein. Denn bis 2001 hätten lohnsteuerpflichtige Personen, die keine Einkommensteuerveranlagung durchführen ließen, nur insoweit in die Statistik einbezogen werden können, als deren Lohnsteuerkarten den Statistischen Landesämtern zur Auswertung zur Verfügung gestellt wurden.

"Erst ab dem Berichtsjahr 2004 werden nichtveranlagte Lohnsteuerzahler, bedingt durch die Einführung der elektronischen Lohnsteuerbescheinigungen, weitgehend vollständig nachgewiesen. Dies führt dazu, dass in der Lohn- und Einkommensteuerstatistik 2004 im Bund 9,3 Millionen Lohnsteuerpflichtige ohne Einkommensteuerveranlagung enthalten sind, während dies 2001 nur 1,9 Millionen waren."

Die Veränderung hat Folgen: Die Statistik weist 2004 nur noch ein durchschnittliches Einkommen vor Steuern mit 30.100 Euro aus - also 10,3 Prozent weniger als 2001. Die von den Finanzbehörden festgesetzte Lohn- und Einkommensteuer betrug 2004 insgesamt 180,8 Milliarden Euro. Dieser Wert war um 2,1 Prozent höher als 2001. Der Durchschnittssteuersatz lag mit 20,3 Prozent um 1,3 Punkte niedriger.

Von allen Steuerpflichtigen hatten dem Bundesamt zufolge 28,8 Prozent im Jahr 2004 Gesamteinkünfte von höchstens 10.000 Euro. Ihre Einkünfte waren zum größten Teil steuerfrei. Die Hälfte der Steuerpflichtigen hatte jährliche Einkünfte von unter 23.000 Euro und zahlte 4,3 Prozent der Einkommensteuer.

mik/AP/Reuters/ddp

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: