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Abgesicherte Industrie: Strategien gegen den Euro-Koller

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Dumm gelaufen für Airbus: Während der Flugzeugbauer über den teuren Euro klagt, bleiben andere Industriekonzerne cool. Sie haben sich frühzeitig gegen Währungsrisiken gewappnet - durch ausgeklügelte Absicherungsgeschäfte und eine internationale Standortstrategie.

Hamburg - Des einen Leid ist des anderen Freud: Die Kritik am schwachen Dollar und entsprechend starken Euro Chart zeigen von Airbus teilen längst nicht alle in Deutschland. Jetzt zeigt sich: Unternehmen, die zu Zeiten eines starken Dollars Kurssicherungsgeschäfte abschlossen und konsequent auch Produktionsstätten im Dollar-Raum aufbauten, sehen ihr Geschäft durch das derzeitige Euro-Kurshoch kaum beeinflusst.

VW-Werk in Wolfsburg: "Komplett sämtliche Währungsrisiken abgesichert"
Getty Images

VW-Werk in Wolfsburg: "Komplett sämtliche Währungsrisiken abgesichert"

Airbus-Chef Thomas Enders hatte gestern in einer Rede vor Betriebsräten den Verfall des Dollars als "lebensbedrohlich" für den Konzern bezeichnet. Der Euro-Kurs habe "die Schmerzgrenze überschritten", das Tempo des Dollar-Verfalls "lässt vernünftige Anpassungsprozesse kaum noch zu", sagte er. Obwohl das Unternehmen Aufträge in Rekordhöhe erwartet, müsse man deshalb mit "gewaltigen Verlusten" rechnen.

Ganz so dramatisch sehen das andere Industrieunternehmen nicht. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht die deutsche Volkswirtschaft nicht in Gefahr. Glaubt man dem Verband, ist ein Kurs von 1,50 Dollar für einen Euro schon bald möglich, aber verkraftbar. "Die aktuelle Kursentwicklung sind in unseren Konjunkturaussagen bereits eingerechnet, insofern gibt es keinerlei Anlass zu einer Korrektur", sagt ein BDI-Sprecher.

Der BDI betont, dass ja der Import von in Dollar bezahlten Vorprodukten und Rohstoffen billiger werde - dies gleiche die Auswirkungen des Euro-Hochs zum Teil wieder aus. 40 Prozent der deutschen Exporten basierten auf solchen Materialien, die zuvor in Dollar bezahlt wurden. Die Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen hat in diesem Fall auch Vorteile.

Reisefirmen profitieren von der Dollar-Schwäche

Wenig Sorgen macht man sich auch bei der Lufthansa Chart zeigen - die Fluggesellschaft spricht von einer "unproblematischen Lage", das Euro-Hoch habe "kaum Auswirkungen" auf die Geschäfte. Kerosin werde in Dollar bezahlt, neue Flugzeuge ebenso - Pech für Airbus, aber gut für die Fluggesellschaft. Auch Tourismuskonzerne betonen, vom schwachen Dollar zu profitieren. So bezahlen die Kunden in Deutschland in Euro, die Ausgaben der Unternehmen - die Bezahlung von Hotels und Veranstaltern im Ausland etwa - würden aber in Dollar abgewickelt.

Die meisten exportorientierten Unternehmen haben sich gegen Währungsschwankungen durch sogenanntes Hedging abgesichert: Sie haben die Option erworben, Doller in Euro zu einem festgelegten Kurs tauschen zu können. Eine Lufthansa-Sprecherin erklärt, die Fluggesellschaft arbeite mit einem "Sicherungsgrad von 50 Prozent" - jeder zweite eingenommene Dollar kann also unabhängig vom aktuellen Kurs getauscht werden.

In der Automobilindustrie reicht die Absicherung noch weiter: "Für die kommenden zwei Jahre haben wir komplett sämtliche Währungsrisiken abgesichert", sagt eine Volkswagen-Sprecherin. Vor einem Auslaufen der Kurssicherungsverträge macht sich der Konzern keine Sorgen, da auf "rollierender Basis", also permanent neu abgesichert werde. "Wir haben sogar Sicherungsgeschäfte abgeschlossen, die bis 2012 dauern."

Doch auch wenn das beruhigend klingt, bleibt Volkswagen Chart zeigen von den Kursrisiken nicht gänzlich verschont: In den Neun-Monatszahlen weist der Wolfsburger Konzern bei einem operativen Gewinn von 4,3 Milliarden Euro Währungsbelastungen von 300 Millionen Euro aus. Und der Chef des Automobilverbands VDA, Matthias Wissmann, sagt: Die deutschen Autobauer wüchsen auf dem US-Markt bisher gegen den Trend. Die Wechselkursentwicklung erschwere aber das Geschäft und gebe "beim Export in den Dollar-Raum keinen Rückenwind".

Einen höheren Schutz bieten nur Produktionsstätten im Dollar-Raum selbst. Volkswagen profitiert von seinen Werken in Mexiko und in Brasilien, wo in Dollar gerechnet wird. Der schwache Greenback gibt Gedanken über ein VW-Werk in den USA neue Nahrung.

Der Waiblinger Kettensägenhersteller Stihl sieht sich durch sein Werk im US-Bundesstaat Virginia hinreichend geschützt. "Wir kaufen, produzieren und verkaufen dort. Die Geschäfte mit den in den USA produzierten Produkten bleiben von Kursschwanklungen deshalb weitgehend unberührt." Dadurch, dass das deutsche Unternehmen Produkte aus den USA in den Rest der Welt exportiere, würden Effekte der Dollar-Schwäche wieder ausgeglichen. "Wer international aufgestellt ist, hat mit Kursschwankungen weniger Probleme."

Warnungen von der Bundesregierung und der EZB

Analysten sehen auch Firmen im Vorteil, die im asiatischen Ausland herstellen - beispielsweise in China. Die chinesischen Währung Yuan ist an den Dollar gekoppelt. Wer in Fernost für den dortigen Markt produziert, ist weniger anfällig für Kursrisiken.

Auch der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF Chart zeigen nennt die internationale Aufstellung als Vorteil. "Wir produzieren dort, wo wir unsere Waren vermarkten", sagt ein Konzernsprecher. "Über 90 Prozent unserer in Nordamerika hergestellten Produkte verkaufen wir auch dort und sind damit vom Dollar-Kurs unabhängig." Ein Restrisiko bleibe aber: Ein Cent Wertverlust des Dollars habe zur Folge, dass BASF 250 Millionen Euro weniger Umsatz und 40 Millionen Euro weniger Gewinn (Ebit) macht. Der Airbus-Mutterkonzern EADS spricht sogar von 100 Millionen Euro Kosten bei einem Cent Kursverlust des Dollars.

Ökonomen sehen bei einem Euro-Kurs von 1,50 Euro eine Schmerzgrenze. Commerzbank Chart zeigen-Chef Klaus-Peter Müller glaubt dagegen, viele exportorientierte Unternehmen hätten ab einem Kurs von 1,60 Dollar "ein echtes Problem".

In der Bundesregierung und in der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt man sich daher besorgt. Immerhin gehen zwölf Prozent aller deutschen Exporte nach Nordamerika. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sagt, Export-Probleme könnten die Konjunktur in Europa dämpfen.

Von einem "ernsten Problem" für Airbus spricht auch der Luftfahrtkoordinator der Regierung, Peter Hintze. "Mittel- und langfristig könnten sich beträchtliche Probleme ergeben." Zugleich appelliert Hintze an die Airbus-Spitze, die wegen der Brandrede Enders' aufgebrachte Belegschaft zu beruhigen. "Die Führung des Unternehmens ist gut beraten, wenn sie bei allen notwendigen Maßnahmen zur Kosteneinsparung, zur Straffung der Produktion und zur Steigerung der Effizienz die Arbeitnehmerschaft mitnimmt", betont er.

Einzig die Verbraucher in der Euro-Zone können sich über die Kursentwicklung des Euro freuen. Nicht nur USA-Reisen werden günstiger - der schwache Dollar dämpft auch den Preisanstieg beim Benzin.

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