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Abgezockte Rentner: Lehman-Opfer kämpfen für ihr Recht

Von Daniela Jaschob

Es gibt Klagen, Stammtische, Demonstrationen abgezockter Anleger: 50.000 deutsche Sparer, oft Rentner, haben Millionen mit Schuldverschreibungen der US-Pleitebank Lehman verloren - nun ist die Wohnung weg, die Altersvorsorge, die Rücklage fürs Studium der Enkel. SPIEGEL ONLINE stellt Betroffene vor.

Hamburg - Das Namensschild hängt noch neben der Tür. Zaghaft dreht Hannelore Stolley den Schlüssel zur Wohnung 426 im Türschloss um. Ihren Gehwagen mit blauem Gestell schiebt sie ein Stück zur Seite und stößt die Wohnungstür auf. Es ist ihr Name, der auf dem Schild steht. Hier im Flur stand die Essecke, nussfarben, sagt sie. Dort, am kleinen Fenster im Wohnzimmer stand ihr Sekretär, ein Erbstück ihrer Mutter. Ihr Blick richtet sich auf den beigefarbenen Stressless-Sessel.

Der Sessel ist das einzige Möbelstück, das in dem sonst kahlen Wohnzimmer noch steht. Stolleys Augen glänzen ein wenig. Sie musste ihn zurücklassen. Seit einigen Tagen ist die Wohnung 426 in einer Senioren-Wohnanlage im Hamburger Stadtteil Stellingen wieder frei. Hannelore Stolley musste in eine kleinere Wohnung umziehen, die Miete konnte sie sich nicht mehr leisten. Die 82-jährige Pensionärin hatte Zertifikate der US-Investmentbank Lehman Brothers für 10.000 Euro gekauft. Ihr Anlageberater der Citibank, so sagt sie, habe ihr zu dieser Investition geraten.

Hannelore Stolley ist ein typischer Fall: In Deutschland investierten nach Schätzungen rund 50.000 Privatanleger Hunderte von Millionen Euro in Lehman-Zertifikate. Wie Hannelore Stolley vertrauten die meisten Bankkunden ihren Anlageberatern blind. Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Insolvenz an. Und damit war für viele Deutsche ihr Erspartes auf einen Schlag nichts mehr wert.

Es gibt Klagen, Stammtische und Demonstrationen von Anlegern. Und manchmal auch Erfolg. Die Hamburger Sparkasse hat angekündigt, einen Teil der Lehman-Opfer zu entschädigen. Doch die meisten Besitzer dieser Zertifikate werden wohl leer ausgehen.

Walter und Elke Müller* wohnen in einer Hochhaussiedlung im Hamburger Stadtteil Steilshoop. Von der Küche dringt der Duft von frisch gebrühtem Kaffee ins Wohnzimmer. Elke Müller stellt Kekse, aufgetürmt wie eine Pyramide, auf den runden Esstisch. Rechts in der Ecke steht eine Regalwand, fünf Fächer voll von Zinnfiguren und Zinnbechern, die Motive nach vorn gedreht.

Im Oktober 2007 bekamen die 70-jährige Rentnerin und der 81-jährige Pensionär einen Anruf des Beraters von der Hamburger Sparkasse. Etwas Geld sei auf ihrem Girokonto übrig, ob sie es nicht anlegen wollen. Sie vereinbarten einen Termin. Der Berater erzählte von Lehman Brothers, eine der größten Investmentbanken der Welt. "Habe ich noch nie was von gehört", sagte Elke Müller damals zu ihm. Das angelegte Geld sei sicher, habe er zu ihr gesagt.

Es gelang dem Bankangestellten, das Ehepaar zu überzeugen. "Das Geld wäre nur weg, wenn die Bank Pleite geht. Glauben Sie mir, Lehman Brothers wird nie Pleite gehen", erklärte er.

Elke Müller ist ins Schlafzimmer gegangen. Auf dem Rückweg hält sie ein Stück Papier in der Hand. Es liegt in einer Klarsichtfolie. Auf dem Ausdruck der Hamburger Sparkasse steht in der linken Spalte die Zahl 10.000, darüber die Währung Euro. Rechts die Abkürzung Lehman Br. Tr. Über die niederländische Tochtergesellschaft Lehman Brothers Treasury Co. B.V. gelangten die meisten der Zertifikate, auch Schuldverschreibungen genannt, nach Deutschland. Jetzt sind sie nichts mehr wert.

Was die meisten deutschen Anleger damals nicht wussten: Die Lehman-Zertifikate basierten zumeist auf Wetten, etwa ob der Ölpreis steigt oder fällt. Nur in Deutschland ist der Verkauf solcher Zertifikate erlaubt. In den USA etwa verbietet der sogenannte Securities Exchange Act von 1933 aus Gründen des Anlegerschutzes solche Finanzprodukte für Privatkunden.

Wolfgang Schulze*, 66, kaufte ebenfalls Lehman-Zertifikate. Als er dies tat, fuhr Lehman laut Geschäftsbericht der niederländischen Tochtergesellschaft ihr Emissionsprogramm für Zertifikate auf das Volumen von 100 Milliarden Dollar hoch. Bereits ein Jahr zuvor wurden Zertifikate im Wert von 60 Milliarden Dollar auf den Markt gebracht.

Als Wolfgang Schulze von der Pleite Lehman Brothers' erfuhr, verlangte der Rentner aus Hamburg von seiner Anlageberaterin eine Erklärung. "Die wimmelte mich einfach ab", sagt er. Stattdessen bekam er wenige Tage später einen Brief der Hamburger Sparkasse. Ein Anwalt werde nun klagen. Allerdings nicht für die Kunden, sondern für die Bank selbst gegen Lehman Brothers Treasury Co. B.V. Auch Walter und Elke Müller wollen klagen. Der Ausdruck der Hamburger Sparkasse liegt noch auf dem runden Esstisch. "Zweimal wollten wir schon mit dem Berater reden", sagt Elke Müller. "Doch entweder war er krank oder halt nicht da."

* Namen von der Redaktion geändert

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