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Abrechnung mit Bush und Clinton: Die provokanten Thesen des Nobelpreisträgers Stiglitz

Von , New York

An der US-Wirtschaftskrise war und ist nicht George W. Bush allein schuld - schon Bill Clinton hat die "Saat der Zerstörung" mit gelegt. Mit dieser These sorgt derzeit der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz für Aufsehen. Bemerkenswert: Stiglitz saß selbst in Clintons Kabinett.

Stiglitz (Zweiter von links) als Clinton-Berater: "Ich gehe streng mit Clinton um"
AP

Stiglitz (Zweiter von links) als Clinton-Berater: "Ich gehe streng mit Clinton um"

New York - Im Hörsaal an der 12. Straße deutet alles darauf hin, dass gleich ein Promi auftritt. Ein Roman-Autor vielleicht, auf jeden Fall ein Bestseller-Schreiber. Fast 200 Menschen fasst der Saal, Karten gibt es keine mehr. Die ersten Zuhörer drängeln sich 30 Minuten vor Beginn der Lesung in die vorderen Reihen. Der Autor, den hier alle erwarten, ist kein John Grisham. Er ist ein Volkswirt. Allerdings einer der berühmtesten der USA.

Professor Joseph Stiglitz hat gut zu tun an diesem Abend. Als er schon ans Podium in der "New School University" treten soll, klingelt sein Mobiltelefon. Gleich nach seiner Lesung eilt er zu einem weiteren Termin. In der Eile signiert er rasch ein paar Bücher. Die Hälfte davon sind Ausgaben von "Die Schatten der Globalisierung" - Stiglitz' erstes Erfolgsbuch aus dem Jahr 2002. Seit er es schrieb, ist er eine Art Guru aller, die bei G8-Gipfeltreffen gegen die Staatschefs des Westens demonstrieren.

"Es war klar, dass etwas falsch lief"

Clinton begrüßt seinen Amtsnachfolger im Weißen Haus: "Verglichen mit Bush verdient er eine Eins Plus"
REUTERS

Clinton begrüßt seinen Amtsnachfolger im Weißen Haus: "Verglichen mit Bush verdient er eine Eins Plus"

Heute aber ist Stiglitz in den Hörsaal gekommen, um sein neues Buch vorzustellen. "The Roaring Nineties" heißt es, und schon jetzt gehört es zu den meist rezensierten Wirtschaftstiteln des Herbstes. Das liegt nicht nur daran, dass Stiglitz vor zwei Jahren den Nobelpreis gewonnen hat. Es liegt auch daran, dass er teils massive Kritik an der Wirtschaftspolitik der Regierung Clinton übt. Und die kennt er so gut wie wenige andere. Stiglitz saß von 1993 bis 1997 in Clintons Rat der Wirtschafsberater, zwei Jahre lang leitete er das Gremium sogar - ein Amt mit Kabinettsrang.

"Die neunziger Jahre erschienen uns oft als ein fabelhaftes Jahrzehnt", sagt Stiglitz vor seinem Publikum. Das Gefälle zwischen Arm und Reich in den USA schrumpfte, die Arbeitslosigkeit fiel auf lange nicht erreichte Tiefstände. "Aber schon damals war klar, dass etwas falsch lief" - und das nicht nur am Aktienmarkt.

Die Exzesse genährt

Auf 380 Seiten breitet der Ökonom Vorwurf auf Vorwurf aus. Am Börsen-Crash 2000, selbst an Skandalen wie Enron trage die Clinton-Regierung teils erhebliche Mitschuld. Die "Saat der Zerstörung", die unter Bush aufging, sei meist vor ihm gelegt worden. Clintons Regierung habe die Deregulierung übertrieben, Konzernbossen zu viel Raum für kreative Buchführung und Gaunereien gelassen - und durch die Senkung der Kursgewinnsteuer noch mehr Luft in die Aktien-Blase gepumpt. Kurz: Clintons Regierung habe die Exzesse der Dekade genährt, nicht bekämpft. Eine Nachrichtenagentur titelte: "Stiglitz zerreißt Clinton".

Joseph Stiglitz: "Sagt einfach Nein zu Bush"
AP

Joseph Stiglitz: "Sagt einfach Nein zu Bush"

Das stimmt, und es stimmt auch wieder nicht. Joe Stiglitz hat nicht die Seiten gewechselt, so viel ist klar. Er denkt und fühlt weiter wie ein Anhänger der Demokraten. Seinen besonderen Zorn reserviert er noch immer für die Regierung Bush. Dass sie Steuern für Wohlhabende senkte und ein Multimilliardenloch in den Bundesetat riss, erklärt Stiglitz für verhängnisvoll. Einer seiner jüngsten Zeitungsartikel hieß: "Sagt einfach Nein zu Bush".

"Dumm und kurzsichtig"

"Ich gehe zwar streng mit Clinton um", schreibt Stiglitz, "aber verglichen mit Bush verdient er eine Eins Plus." So läuft die Kritik des offen parteiischen Ökonomen oft auf eines hinaus: Unter Clinton hätten die Demokraten den Mut verloren, Demokraten zu sein. Fallbeispiel eins: Gleich nach Amtsantritt 1993 habe sich Clinton dem Abbau des bedrohlichen Staatsdefizits verschrieben, das ihm Bush senior hinterließ. Clinton wollte weg vom Image, dass seine Partei stets nur Schulden mache und Steuern erhöhe.

New York Stock Exchange: "Vor zwanzig Jahren gingen meine besten Studenten ins Friedenskorps. In den Neunzigern gingen sie an die Wall Street"
REUTERS

New York Stock Exchange: "Vor zwanzig Jahren gingen meine besten Studenten ins Friedenskorps. In den Neunzigern gingen sie an die Wall Street"

Bei diesem Kampf gegen das Defizit, findet der Keynes-Anhänger Stiglitz heute, habe die Regierung "dumm und kurzsichtig" agiert. Die Richtung war zwar richtig, glaubt er - doch Clinton rannte übers Ziel hinaus. Ein bisschen mehr "deficit spending" hätte die Konjunktur stärker belebt. Die Chance, in staatliche geförderte Forschung, verkommene Innenstadt-Schulen und Straßen zu investieren statt in den Schuldendienst - vertan. "Da waren wir also, scheinbar liberal und Demokraten", wundert sich Stiglitz, "und wir setzten eine Politik um, die seit 70 Jahren mit den Republikanern assoziiert wurde."

Banker und andere Bösewichte

Fallbeispiel zwei: 1995 nahm der Kongress auf Initiative der Regierung das berühmte Glass-Steagall-Gesetz zurück. Das stammte aus den Depressionszeiten der Dreißiger und sollte Interessenkonflikte in der Bankenwelt ausmerzen. Glass-Steagall verbot Finanzkonzernen, zugleich als Geschäfts- und Investmentbank aktiv zu sein. Kaum war das Gesetz Geschichte, begann ein Fusionsreigen an der Wall Street. Zugleich, schreibt Stiglitz, kehrten die alten, ethischen Fragwürdigkeiten zurück.

Sein Lieblingsexempel ist der Kotau der Banken mit Enron: Fast pleite, hätte der Energiekonzern von der Kreditabteilung etwa der Citigroup nie neue Mittel bekommen dürfen. Die Banker liehen trotzdem, wider alle Vernunft. Denn nach dem Fall von Glass-Steagall hatte Citi sich einen Investmentbanking-Arm zugelegt - und dort hoffte man, weiter üppige Gebühren von Enron zu kassieren. "Es ist kein Zufall, dass die Exzesse der Neunziger in den Branchen auftraten, die dereguliert wurden", glaubt Stiglitz - in den Bereichen Finanzen, Telekommunikation und Elektrizität.

Befehlsempfänger der Wall Street

In Tonfall und Argumentation ähnelt "The Roaring Nineties" Stiglitz' erstem Bestseller. Schon in "Schatten der Globalisierung" hatte Stiglitz eine Art autobiographische Abrechnung vorgelegt. Damals schrieb er über seine Zeit als Chefökomom der Weltbank von 1997 bis 2000 - und knöpfte sich vor allem den Internationalen Währungsfonds (IWF) vor. Der habe Länder wie Thailand oder Russland zu einer restriktiven Finanzpolitik und einer Liberalisierung ihrer Kapitalmärkte verdonnert - und Wirtschaftskrisen so verstärkt statt gemildert.

Bill Clinton: "Dumm und kurzsichtig agiert"
REUTERS

Bill Clinton: "Dumm und kurzsichtig agiert"

Schon "Schatten der Globalisierung" war ein hoch polemisches Buch, und kein sehr bescheidenes. Einer von Stiglitz' Grundgedanken sei, "dass alles viel besser hätte sein können, wenn man nur auf ihn gehört hätte", spöttelte der "Economist".

In "Roaring Nineties" ist es das US-Finanzministerium, das die Rolle des Schurken spielt. Ob es um laxe Regeln für Wirtschaftsprüfer geht, um rigiden Defizit-Abbau: Stets ist es die Treasury, die laut Stiglitz auf der falschen Seite steht - der der Privatisierer, Deregulierer, Konzerne. Besonders schlecht ist er auf Robert Rubin zu sprechen, den bekanntesten der drei Clinton-Finanzminister. Der Banker, der seine Karriere bei Goldman Sachs begann, ist für Stiglitz wenig mehr als ein Befehlsempfänger der Finanz-Lobby.

I'm going back to Indiana

In einem Interview sagte Stiglitz im Ton des Bedauerns: "Vor zwanzig Jahren gingen meine besten Studenten ins Friedenskorps. In den Neunzigern gingen sie an die Wall Street." Stiglitz erinnert gerne daran, dass er in Gary aufwuchs - einer Industriestadt in Indiana, die damals mehr schlecht als recht von der Stahlindustrie lebte und seither weiter verkam. Gary hat Stiglitz geprägt. An einer Stelle schreibt er: "Wir sollten uns um die Sorgen der Armen kümmern." Diese simple Maxime liegt seinen beiden populären Büchern zugrunde, vielleicht seiner ganzen Arbeit als Ökonom.

Irgendwann in der Mitte seines Vortrags an der New School spielt Stiglitz den Propheten. Er schmuggelt die Formulierung "jetzt, kurz vor dem Ende der Regierungszeit von Bush II" in einen seiner Sätze hinein. Ganz beiläufig, als sei George W. so gut wie abgewählt und das Weiße Haus den Demokraten sicher.

Selbst dann würde Stiglitz wohl nicht mehr zurück in die Politik nach Washington gehen. Als öffentlicher Intellektueller und Bestseller-Schreiber findet er heute weit mehr Gehör als in den Neunzigern - als er nur der Berater des US-Präsidenten war.




Joseph Stiglitz, The Roaring Nineties: A New History of the World's Most Prosperous Decace. W. W. Norton, New York, 2003. 25,95 Dollar.

Joseph Stiglitz, Die Schatten der Globalisierung. Siedler, Berlin, 2002. 19,90 Euro.

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