Absatzeinbruch EU-Kommissar Verheugen warnt vor Sterben großer Autobauer

Drastische Wortwahl von Günter Verheugen: Der Industriekommissar nennt die Zukunftsperspektive für Europas Autobranche "brutal". Millionen Arbeitnehmer könnten von dem Absatzeinbruch betroffen sein: "Es gibt keine Garantie, dass alle wichtigen europäischen Produzenten überleben."


Brüssel/London - Die Krise in der Autoindustrie hat nach Einschätzung von EU-Industriekommissar Günter Verheugen dramatische Ausmaße angenommen. Die Aussichten für die Branche seien, gelinde gesagt, "brutal", sagte er am Freitag nach einem Krisentreffen mit EU-Ministern in Brüssel. Der Autoabsatz sei im letzten Quartal 2008 um mehr als 20 Prozent eingebrochen.

Volkswagenwerk Wolfsburg: Industrie kann mit Hilfe rechnen
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In diesem Jahr sei ein weiterer Rückgang in dieser Größenordnung zu erwarten, der Tausende, wenn nicht Millionen Arbeitnehmer betreffe. "Es gibt keine Garantie, dass alle wichtigen europäischen Produzenten diese Krise überleben können", warnte er.

Neben Überkapazitäten, die es schon seit mehreren Jahren gebe, hätten der sinkende Konsum und die Kreditklemme das Problem erzeugt. Die Hauptverantwortung für die Überwindung der Absatzkrise liege bei der Industrie. Es seien aber öffentliche Maßnahmen besprochen worden, sagte der Industriekommissar, ohne Einzelheiten zu nennen.

Verheugen beriet am Freitag in Brüssel mit den zuständigen Ministern der EU-Mitgliedstaaten darüber, wie die Autoindustrie staatlich unterstützt werden kann. Der spanische Industrieminister Miguel Sebastian und der britische Wirtschaftsminister Peter Mandelson forderten kurz vor Beginn des Treffens in Brüssel ein koordiniertes Vorgehen der EU-Länder. Dies hat auch für Verheugen oberste Priorität. So sei es zwar hilfreich, die Nachfrage nach Autos mit Abwrackprämien (siehe Infobox) zu stützen. Doch werde es den Wettbewerb verzerren, wenn einzelne Mitgliedstaaten Zuschüsse in unterschiedlicher Höhe gewährten.

Der Autoabsatz ging im vergangenen Jahr stark zurück. Von Januar bis Dezember seien nur 14,7 Millionen neue Fahrzeuge zugelassen worden, teilte der deutsche Verband der Automobilindustrie (VDA) am Mittwoch mit - im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Absatzeinbruch von acht Prozent. Am Donnerstag gab der europäische Autobauer-Verband ACEA für 2008 einen Rückgang des Neuwagenabsatzes um 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr bekannt - das größte Minus seit 15 Jahren.

Besonders problematisch ist Verheugen zufolge, dass die Autobauer wegen der Finanzkrise Schwierigkeiten hätten, an Kredite heranzukommen. Das Kreditprogramm der Europäischen Investitionsbank, die zinsgünstige Finanzierungen zur Entwicklung umweltfreundlicher Autos anbietet, reiche nicht aus.

Frankreich will deshalb bis Ende Januar ein Hilfspaket für die Autoindustrie mit staatlichen Bürgschaften für Kredite schnüren. Die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde sagte in Brüssel, die Minister wollten beraten, wie sie die Flexibilität im staatlichen Beihilferecht nutzen und die Lage der Branche verbessern könnten.

Die EU-Kommission hatte im Dezember die Regeln für Beihilfen an Unternehmen gelockert, damit die EU-Staaten mit nationalen Rettungsplänen der Wirtschaft in der Krise beistehen können.

GM prophezeit schlechtestes Geschäftsjahr seit 1982

Düstere Prognose auch von General Motors Chart zeigen: Der größte US-Autobauer nahm seine branchenweite Absatzprognose auf 10,5 Millionen Fahrzeuge zurück und senkte sie damit auf das untere Ende seiner vorherigen Schätzungen. Es wäre der niedrigste Absatz seit 27 Jahren.

Noch vor einem Monat war der Konzern von einem Absatz von zwölf Millionen Fahrzeugen ausgegangen. Diese Zahl hatte GM Ende 2008 auch der Regierung als Basis für das Sanierungskonzept des Konzerns unter staatlicher Aufsicht genannt.

Auf Grundlage der korrigierten Zahlen soll dem von der Regierung eingesetzten Auto-Beauftragten am 17. Februar ein detaillierter Restrukturierungsplan vorgelegt werden. Die weltweite Branchenzweite hinter dem japanischen Rivalen Toyota Chart zeigen war mit staatlichen Hilfen in Milliardenhöhe erst kürzlich vor dem Zusammenbruch bewahrt worden.

Die US-Autobauer leiden seit längerem unter einer Absatzkrise, weil sie nach einhelliger Expertenmeinung den Trend zum sparsameren Kleinwagen verpasst haben. Verschärft hat sich ihre Situation nochmals mit dem Branchenabschwung im Zuge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Allein in Nordamerika wurden im vergangenen Jahr 2,7 Millionen Fahrzeuge weniger verkauft als noch 2007.

Toyota schließt zeitweise US-Werke

Toyota schließt wegen der Absatzschwäche der Autoindustrie zeitweise seine Werke in Nordamerika. Betroffen von der Zwangspause im ersten Quartal sind rund 20 Werke in den USA und Kanada, wie der japanische Autobauer am Donnerstag mitteilte. Der Konzern will auf diese Weise Lagerbestände abbauen.

"Die Situation ist schwierig und wird voraussichtlich noch eine Weile so sein. Wir treffen verantwortliche geschäftliche Entscheidungen, um unsere langfristige Entwicklung zu stärken", rechtfertigte der Autobauer seinen Schritt. Am längsten soll laut Toyota ein Werk in Indiana schließen, das für insgesamt 30 Tage seine Tore dicht machen soll.

ssu/AFP/Reuters



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