Abschwung EU-Kommission erwartet Rezession in Deutschland

Europas Wirtschaft im Abschwung: Laut EU-Kommission wird die deutsche Wirtschaft im laufenden Quartal zum zweiten Mal in Folge schrumpfen - die Bedingung für eine Rezession wäre damit erfüllt. Auch Spanien und Großbritannien droht wieder ein Rückgang der Wirtschaftsleistung.


Brüssel - Neue Nahrung für Rezessionsängste: Drei wichtige Konjunkturbarometer deuten darauf hin, dass die Wirtschaft der Bundesrepublik im laufenden dritten Quartal schrumpfen dürfte.

Hamburger Hafen: Anhaltende Delle in der Konjunktur

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  • Laut einer Konjunkturprognose, die die EU-Kommission am Mittwoch vorgelegt hat, wird der Rückgang zwischen Juli und September 0,2 Prozent betragen.
  • Das DIW-Konjunkturbarometer signalisiert für das dritte Vierteljahr eine um 0,1 Prozent schrumpfende Wirtschaftsleistung. Vor allem die Industrieproduktion und der Bausektor dürften sich weiter abschwächen.
  • Und auch der Internationale Währungsfonds (IWF) schließt laut Zeit Online eine Rezession in Deutschland nicht mehr aus. Das Online-Portal beruft sich auf einen Entwurf des neuen Weltwirtschaftsausblicks.

Bereits im zweiten Quartal war die deutsche Wirtschaft um 0,5 Prozent geschrumpft. Sollten sich die Prognosen bewahrheiten, wären die Voraussetzungen für eine Rezession erfüllt. Bei zwei aufeinanderfolgenden Quartalen mit negativen Wachstumsraten sprechen Volkswirte gemeinhin von einer "technischen Rezession".

Auch für Großbritannien und Spanien erwartet die EU-Kommission eine technische Rezession. Laut der Konjunkturprognose droht die britische Wirtschaft im dritten und vierten Quartal um jeweils 0,2 Prozent zu schrumpfen. Für Spanien signalisierte die Behörde für das dritte Quartal eine zum Vorquartal um 0,1 Prozent und für das vierte Vierteljahr um 0,3 Prozent rückläufige Wirtschaftsleistung. Die Eurozone dürfte mit einer um 0,2 Prozent im zweiten Quartal rückläufigen und 0,0 Prozent im dritten Quartal stagnierenden Wirtschaftsleistung leicht an der Rezession vorbeischrammen.

Experten warnen vor Panik

Grund für die schlechten Konjunkturdaten sind Experten zufolge die anhaltend hohen Energie- und Lebensmittelpreise sowie die weltweite Finanzkrise. In ihren langfristigen Prognosen bleiben Insider dennoch weiter optimistisch. "Derzeit schwächelt die deutsche Wirtschaft zwar, eine konjunkturelle Krise ist aber nicht in Sicht", sagte DIW-Konjunkturexperte Stefan Kooths.

"Der Wachstumsausblick für die zweite Hälfte dieses Jahres hat sich klar verschlechtert", erklärte auch EU-Wirtschaftskommissar Joaquín Almunia. Für das Gesamtjahr rechne er dennoch weiter mit einem Wachstumsplus von 1,8 Prozent. Das ist sogar etwas optimistischer als die Bundesregierung, die von 1,7 Prozent ausgeht. Begründung der Prognose: Die Geschäftstätigkeit sei im ersten Halbjahr recht kräftig gewesen und habe trotz der schwächeren weltweiten Konjunkturlage sogar stärker zugelegt als in der Frühjahrsprognose der Kommission vorhergesagt.

Weniger optimistisch gab sich Jean-Claude Trichet, der Chef der europäischen Zentralbank. Die Krise werde andauern, sagte er in Brüssel vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europaparlaments. Sie sei zu einem "kontinuierlichen Prozess" geworden. "Wir müssen wachsam bleiben."

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hingegen prognostizierte, dass die Krise bald vorbei sein werde: "Wir sehen eine Stabilisierung, wir sehen den Beginn des Endes, das bestätigt sich immer mehr", sagte er in Frankfurt am Main. Allerdings seien die Märkte "nach wie vor außerordentlich nervös" und reagierten auf jede Botschaft panisch.

Düstere Aussichten für Europas Wirtschaft

Für die Euro-Zone hat die EU-Kommission ihre Konjunkturerwartungen indes kräftig nach unten geschraubt. Für diese erwartet Brüssel nur noch ein Wachstum von 1,3 Prozent, das sind 0,4 Prozentpunkte weniger als im April vorhergesagt. Für die gesamte EU mit 27 Staaten prognostiziert die EU-Kommission ein Wachstum von 1,4 Prozent, 0,6 Prozentpunkte weniger als zuvor.

Almunia rief die Mitgliedstaaten auf, in diesem "schwierigen und unsicheren Umfeld" am Reformkurs festzuhalten. "Die seit einem Jahr andauernden Turbulenzen auf den Finanzmärkten, die Energiepreise, die sich in diesem Zeitraum fast verdoppelt haben, und die Korrekturen auf einigen Immobilienmärkten haben Auswirkungen auf die Wirtschaft gehabt", sagte Almunia. Allerdings habe das jüngste Sinken der Ölpreise sowie die Abschwächung des Euro für etwas Erleichterung gesorgt.

Der EU-Kommissar appellierte daran, Europas Reform-Agenda voranzubringen, "um Arbeitsplätze zu schaffen und besser mit externen Schocks umzugehen". Das Vertrauen in die Finanzmärkte müsse wiederhergestellt und die öffentlichen Haushalte weiter saniert werden.

ssu/AFP/AP/dpa



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