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Abschwung in China: "Die Bosse sind einfach abgehauen"

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China steht vor schweren Zeiten: Millionen Wanderarbeiter könnten angesichts der globalen Konjunkturkrise ihre Jobs verlieren. Die Regierung versucht, Unruhen zu verhindern - doch viele Bürger fordern mehr Geld und Gerechtigkeit.

Peking - Ein schier unaufhörlicher Strom von Menschen quillt aus dem Bahnhof von Kanton und bewegt sich über die Fußgängerbrücke Richtung Busstation. Die Züge kommen aus den Provinzen am Jangtse und aus Zentralchina, aus Sichuan, aus Henan, und sie spucken in diesen Tagen Tausende von Wanderarbeitern aus.

Aus einem Polizei-Lautsprecher krächzen Befehle, nicht stehenzubleiben. Unter blauen Sonnenschirmen wachen Soldaten der bewaffneten Polizei. "Wir haben eine Stelle, wir fangen wieder in unserer Fabrik an", sagen drei junge Männer, die auf dem Asphalt rasten. Wie sie antworten die meisten Ankömmlinge: "Wir sind nicht entlassen worden, bis jetzt."

Nur Ma Wen, 19, aus der Jangtse-Stadt Yichang und bislang in einer Elektrofabrik beschäftigt, hockt frustriert mit einem Kumpel an einem Gitter. Er will zurück in seine Heimat. "Sie haben mir den letzten Monatslohn nicht ausgezahlt", berichtet der schmale Mann mit dem gelben T-Shirt. Jetzt hat er genug vom Leben in der Fremde. "Ich fahre nach Hause."

Es scheint ganz so, als ob die Krise hier am Bahnhof in Kanton, dem Tor zur Werkstatt der Welt, kurz nach dem Frühlingsfest noch nicht angekommen ist. Zehntausende kehren täglich aus allen Ecken und Enden Chinas zurück in die Fabrikhallen - so als ob nichts geschehen sei und so als ob nichts geschehen wird.

Peking braucht solides Wachstum

Doch von den rund knapp zehn Millionen Wanderarbeitern, die im Perlfluss-Delta bislang für Chinas Aufschwung sorgten, werden es wohl rund zwei Millionen sehr schwer haben, wieder eine Arbeit zu finden, schätzen örtliche Funktionäre: Etliche Fabriken haben in den vergangenen Wochen bereits dichtgemacht. Und es werden weitere folgen, warnen Industrieverbände im benachbarten Hongkong.

Ausgerechnet in dem Jahr, in dem Chinas KP den 60. Jahrestag der Staatsgründung mit Pomp und Parade feiern will, kann China zum ersten Mal seit langer Zeit keine eindrucksvolle Erfolgsstatistik präsentieren. Nur um 6,8 Prozent wuchs ihre Wirtschaft im letzten Quartal, unter anderem, weil die Exporte nach Europa und in die USA einbrachen.

Die Pekinger Führung braucht solides Wachstum, denn es ist der Schlüssel für soziale Stabilität – und liefert der diktatorischen KP die Legitimität für ihre Macht. Dieses Jahr werde das "schwerste" seit der Jahrtausendwende, verkündeten Partei und Regierung. Um seine Landsleute zu beruhigen, sah Premier Wen aber schon "Licht am Ende des Tunnels".

Zwar glaubt in China niemand so recht daran, dass KP-Chef Hu Jintao oder Premier Wen Jiabao das Schicksal des Indonesiers Suharto erleiden könnten, den die Asienkrise 1998 nach mehr als 30-jähriger Herrschaft hinwegfegte. Aber: "2009 dürfte die chinesische Gesellschaft mit mehr Konflikten und Zusammenstößen konfrontiert werden, die noch stärker die Fähigkeit der Partei und der Regierung auf allen Ebenen auf die Probe stellen wird", warnte das Magazin "Outlook".

Arbeitslosenraten von zehn bis 20 Prozent erscheinen plötzlich realistisch. Um Unruhen zu verhindern, schnürte Peking ein Konjunkturpaket im Wert von 460 Milliarden Euro, unter anderem für neue Flughäfen, Eisenbahnstrecken, Brücken und Straßen. Ein Teil des Geldes, rund 850 Milliarden Yuan, soll für bessere Sozialversicherungen ausgegeben werden, damit die Menschen nicht so viel auf die hohe Kante legen müssen: Bislang sparen die Chinesen einen großen Teil ihrer Einkünfte, um im Notfall genug Geld für den Arztbesuch zu haben.

Konsumgutscheine für die Ärmsten der Armen

Zwar schob Peking vorerst den Plan auf, die Mindestlöhne zu erhöhen, doch die Lokalregierungen verteilten vor dem Frühlingsfest an die Ärmsten der Armen sogenannte rote Umschläge mit 100 bis 150 Yuan, für die sie in den Supermärkten in China hergestellte Produkte kaufen können.

Um die Industrie und den Handel zu stützen, erfand Peking ein ungewöhnliches Programm: Bauern erhalten 13 Prozent des Preises von der Regierung in bar zurück, wenn sie Fernseher, Waschmaschinen, Motorräder oder Kühlschränke kaufen. Die KP will damit nicht nur die Kauffreude ihrer Bürger anfeuern, sondern sich auch Geduld und Sympathien erkaufen.

Chen Xiwen, Direktor der Behörde für die Entwicklung auf dem Land: "Jobs zu schaffen und soziale Sicherheit - das ist entscheidend für die Stabilität auf dem Lande." Wenn die Wanderarbeiter nichts mehr in den Städten verdienen und ihren Familien auf dem Dorf nichts mehr überweisen könnten, würden 40 Prozent aller Einkommen auf dem Lande wegfallen.

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Abschwung in China: Wanderarbeiter auf Jobsuche
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