Abschwung in Deutschland Privatwirtschaft brechen die Aufträge weg

Die Konjunktur stürzt in ein neues Rekordtief: Laut BME-Einkaufsmanagerindex ist die deutsche Privatwirtschaft im November so stark geschrumpft wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Einer Branchenumfrage zufolge sind im kommenden Jahr Hunderttausende Jobs bedroht.


Berlin - Der Konjunkturabschwung nimmt in Deutschland ein gravierendes Ausmaß an. Wie aus dem jetzt veröffentlichten BME-Einkaufsmanagerindex hervorgeht, sind die Geschäfte in der Privatwirtschaft wesentlich stärker eingebrochen als Experten erwarteten.

Mechaniker in der Luftfilterfertigung: Düstere Daten für die Privatwirtschaft
DPA

Mechaniker in der Luftfilterfertigung: Düstere Daten für die Privatwirtschaft

In der Industrie gab es den größten Einbruch seit Beginn der Datenerhebung im April 1996. Das entsprechende Barometer fiel von 41,1 Zählern im Oktober auf nun 36,2 Punkte. Experten hatten im Schnitt mit 40,5 Punkten gerechnet. Erst über der Marke von 50 Punkten wird ein Wachstum signalisiert.

Auch die Dienstleister bekommen die Rezession stark zu spüren. Den Unternehmen brechen im November die Aufträge in Rekordtempo weg. Zu schaffen machen ihnen immer noch steigende Kosten, wenngleich sich der Preisauftrieb abgeschwächt hat. Diese Kosten konnten sie nicht an ihre Kunden weiterreichen: Die Verkaufspreise gingen erstmals seit August 2005 zurück.

Einkaufsmanagerindizes für November

Region/Index Oktober November Prognose
Euroraum
Gesamtindex 43,6 39,7 43,0
Verarbeitendes Gewerbe 41,1 36,2 40,5
Dienste 45,8 43,3 45,0
Deutschland
Verarbeitendes Gewerbe 42,9 36,7 42,0
Dienste 48,3 46,2 47,6

Quelle: Markit/BME-Einkaufsmanagerindex, alle Angaben in Punkten

In der sonst so vor Optimismus strotzenden Branche sinkt die Zuversicht: Das Barometer, das die künftigen Erwartungen misst, fiel auf 42 Zähler und damit so tief wie nie zuvor. Der Composite-Index, der Industrie und Dienstleister zusammenfasst, lag mit 39,7 Punkten ebenfalls auf einem Rekordtief. Hier hatten Analysten mit 42,8 Punkten gerechnet.

Zu schaffen machen den Unternehmen aus beiden Sektoren die mangelnde Nachfrage. Die Finanzkrise hat einen Konjunkturabschwung verursacht. Die gesamte Euro-Zone steckt inzwischen in der Rezession. Banken vergeben weniger Kredite, Privat- und Firmenkunden sparen. In der Folge fehlt Unternehmen frisches Geld für Geschäfte. Dadurch brechen die Aufträge ein.

Inzwischen leeren sich die Auftragsbücher im Rekordtempo. In der Folge schränken die Betriebe ihre Produktion ein und reduzieren die Zahl ihrer Beschäftigten. Experten fürchten, dass sich diese Abwärtsspirale im kommenden Jahr drastisch verschlimmert. Die "Bild"-Zeitung nennt erste konkrete Zahlen. In 15 Branchen befragte das Blatt Branchenverbände, Gewerkschaften und Wirtschaftsexperten zu ihrer Prognose, wie sich der Arbeitsmarkt 2009 entwickelt. Die Gesamtzahl der bedrohten Stellen beziffert die Zeitung demnach auf bis zu 215.000.

Expertenschätzung: Job-Abbau nach Branchen

Branche Stellen insgesamt (gerundet) bedrohte Jobs
Auto 756.000 bis zu 100.000
Bau 700.000 bis zu 15.000
Banken und Versicherungen 400.000 bis zu 37.000
Chemie 550.000 bis zu 5000
Elektroindustrie 830.000 kein Abbau erwartet, es hängen aber 100.000 Jobs an der Autoindustrie
Gaststätten und Hotels 1 Million mehrere Tausend
Gesundheit 4,5 Millionen kein Abbau erwartet
Handel 2,7 Millionen bis zu 10.000
Handwerk 4,8 Millionen mehrere Tausend
IT 830.000 bis zu 5000
Maschinenbau 975.000 kein Abbau erwartet
Luftfahrt 850.000 bis zu 5000
Öffentlicher Dienst 3,7 Millionen bis zu 10.000
Schifffahrt 100.000 bis zu 1000
Transport 600.000 bis zu 40.000

Quelle: Branchenumfrage der "Bild"-Zeitung

Auch der Ökonom Hans-Werner Sinn gibt eine düstere Prognose. Der Stellenabbau wird seiner Ansicht nach zügig zunehmen. Die Zahl der Arbeitslosen werde "jetzt sehr rasch wieder steigen", sagte der Chef des Münchner Ifo-Instituts der "Berliner Zeitung". Die Wirtschaftskrise "könnte weltweit gravierendere Ausmaße annehmen als die Wirtschaftskrise der Jahre 2001 bis 2005."

Dennoch glaube er nicht, dass die Arbeitslosigkeit wie in der vergangenen Rezession auf fünf Millionen ansteigen werde. "Wir sind durch die Hartz-IV-Reformen am Arbeitsmarkt jetzt etwas besser aufgestellt als bei der früheren Flaute", sagte Sinn. "Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht so weit kommt wie früher."

Am Donnerstag hatte das Ifo-Institut die schlechtesten Konjunkturzahlen seit 20 Jahren veröffentlicht. Der Indikator des Instituts für das Weltwirtschaftsklima sank im Oktober von 73,4 Punkten auf 60,0 Zähler.

Der Rückgang resultiere vor allem aus der ungünstigeren Einschätzung der aktuellen wirtschaftlichen Lage, sagte Sinn. Auch die Erwartungen für die nächsten sechs Monate hätten sich weiter eingetrübt. "Insgesamt deuten die erhobenen Daten auf eine globale Rezession hin."

Auch die Bundesbürger beurteilen die Konjunkturaussichten immer pessimistischer: 69 Prozent sind laut ZDF-Politbarometer der Meinung, dass es mit der Wirtschaft im Land abwärts geht. Bei der ersten Befragung der Forschungsgruppe Wahlen im November waren es noch zehn Prozentpunkte weniger. Das ZDF hatte 1300 Wahlberechtigen zur Konjunkturentwicklung befragt.

ssu/AP/dpa-AFX/ddp/Reuters

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